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Geständnis des Kannibalen: "Es gibt Tausende, die gefressen werden wollen"

Im Kannibalen-Prozess vor dem Landgericht Kassel hat der Angeklagte Armin Meiwes ein Geständnis abgelegt. Er habe auf Verlangen einen Berliner Ingenieur getötet und verspeist. Außerdem schilderte er dem Gericht seine kannibalistischen Phantasien seit frühester Jugend.



Angeklagt wegen Mordes: Armin Meiwes
AP

Angeklagt wegen Mordes: Armin Meiwes

Kassel - Meiwes verfolgte das Verlesen der Anklageschrift ruhig und scheinbar gelassen. Bei der Befragung zur Person schilderte der Angeklagte seine Schulzeit und sein Verhältnis zu Frauen als "ganz normal". Er habe auch One-Night-Stands und Beziehungen zu Männern gehabt. Er habe aber "niemanden gehabt mit dem ich mich austauschen konnte". Sein Vater habe ihn ignoriert, er habe sich "total verlassen" gefühlt, sagte er.

Schon im Alter von 8 bis 12 Jahren habe er über das Schlachten und Essen von Schulkameraden phantasiert, die ihm gefallen hätten, sagte Armin Meiwes. Ihm sei es darum gegangen, in Gedanken einen jüngeren Bruder zu haben, der ihm gefehlt habe. Während seiner Pubertät sei er alleine bei seiner Mutter aufgewachsen und habe sich verlassen gefühlt.

Um den imaginären Bruder für immer an sich zu binden, habe er sich diese Phantasiegestalt einverleiben wollen. Dies habe ihn sexuell erregt. "Blond und schlank, das wäre der Typ gewesen."

Das Anschauen von Zombiefilmen und Hausschlachtungen hätten seine Fantasie vom Ausschlachten und Zerschneiden beflügelt, sagte der Angeklagte. "Die Vorstellung hatte ich, und so habe ich es letztendlich auch gemacht."

Er gab zu, den Ingenieur aus Berlin zerstückelt und gegessen zu haben. "Die Vorstellung hatte ich, und so habe ich es letztendlich auch gemacht", sagte der Computerfachmann. Das Ansinnen seines Opfers sei aber kein Einzelfall. "Es gibt Hunderte und Tausende, die suchen und die gefressen werden wollen", gab er Einblicke in die Szene.

Der Prozess begann unter regem Interesse der Öffentlichkeit. Der 42-Jährige macht geltend, auf Verlangen des Opfers getötet zu haben. Auch die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Tat mit Einverständnis des Opfers geschah, wertet die Tat aber dennoch als Mord.

Per Internet-Anzeige hatte der hessische Computerfachmann einen Mann zum Töten und Schlachten gesucht. Der 43-jährige Berliner Diplom-Ingenieur Bernd Jürgen B. hatte sich daraufhin gemeldet und Meiwes im März 2001 in dessen Haus im Rotenburger Ortsteil Wüstefeld besucht. Am 10. März 2001 soll ihm Meiwes zunächst den Penis abgeschnitten haben und gemeinsam mit ihm verzehrt haben.

Laut Anklage tötete der ehemalige Soldat das Opfer wenig später mit Stichen in den Hals und zerlegte die Leiche. Alles wurde auf Videofilm aufgenommen. Teile des portionsweise eingefrorenen Menschenfleisches will Meiwes später gegessen haben. Auf die Spur des Verbrechens kam die Polizei erst im Juli 2002 durch einen Innsbrucker Studenten, der eine Opfersuchanzeige von Meiwes im Internet entdeckt und dies der Polizei gemeldet hatte.

Bei ihren Ermittlungen deckte die Polizei im Umfeld des Kannibalen eine Szene von rund 430 Menschen auf, die sich ebenfalls für Kannibalismus begeistern. Hinweise auf weitere Kannibalismusfälle ergaben sich nicht.

Da Kannibalismus in Deutschland nicht unter Strafe steht, ist die Verurteilung des Osthessen schwierig. Die Anklage legt ihm Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes zur Last. Die bei der grausigen Tat gedrehten Videos hätten ihn sexuell erregt. Die Verteidigung geht indes nur von Tötung auf Verlangen aus, da das Opfer von Anfang an bereit gewesen sein soll, sich umbringen zu lassen. Einem psychiatrischen Gutachten zufolge ist M. voll schuldfähig.

Nach Expertenansicht wird die Beweisführung in dem Verfahren trotz weitgehend klarer Faktenlage schwierig. Der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden, Rudolf Egg, sagte, die Staatsanwaltschaft müsse nachweisen, dass nicht bloß der gesamte Tathergang, sondern die Tötung an sich sexuell motiviert gewesen sei. Wenn das Umbringen sich mehr als "Mittel zum Zweck" erweisen sollte, scheide eine Verurteilung wegen Mordes aus. Der mutmaßliche Kannibale könnte nach Ansicht des Kriminologen in diesem Falle lediglich wegen Totschlags belangt werden. Dafür sieht das Gesetz aber Haftstrafen ab fünf Jahren und Lebenslang nur in besonders schweren Fällen vor. Hier kommen nach Eggs Worten die besonderen Umstände des Falles zum Tragen, denn das Opfer hatte den Ermittlungen zufolge in die Verstümmelung und Tötung eingewilligt. Und dieses Einverständnis müsste nach Ansicht des Experten im Strafmaß berücksichtigt werden.

Für den Prozess, zu dem 38 Zeugen geladen sind, wurden bis Ende Januar zunächst 14 Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil wird voraussichtlich im Februar gesprochen.

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