San Juan - Kate und Dan Suski waren schon stundenlang im Meer, als die Gedanken über ihren Tod kamen. Was ist, wenn wir ertrinken? Wenn Haie uns fressen? Wenn wir unterkühlen? Wenn wir Krämpfe bekommen und nicht mehr weiterschwimmen können?
Der 30-Jährige und seine neun Jahre ältere Schwester waren allein im Wasser vor der Karibikinsel St. Lucia, mindestens 13 Kilometer vom Ufer entfernt. Was als harmloser Angeltrip begonnen hatte, wurde zum Überlebenskampf.
Das Geschwisterpaar - Dan, der IT-Experte aus San Francisco und Kate, eine Architektin aus Seattle - war am 21. April mit einem gemieteten Fischerboot aufs Meer gefahren. An Bord waren der Kapitän und ein weiteres Besatzungsmitglied. Dan Suski war gerade dabei, einen 200-Pfund-Fisch aus dem Meer zu ziehen, als Wasser ins Boot strömte und den Maschinenraum überflutete. Der Kapitän setzte per Funk einen Hilferuf ab, doch es war zu spät. Er warf den Suskis Schwimmwesten zu, rief "Springt, springt!". Es dauerte noch fünf Minuten, bis das Boot gesunken war.
Mannshohe Wellen warfen die Touristen und Besatzungsmitglieder hin und her. "Der Kapitän sagte uns, wir sollten beieinander bleiben, Hilfe sei auf dem Weg und wir müssten warten", sagte Kate Suski der Nachrichtenagentur Associated Press. Nach einer Stunde war keine Hilfe in Sicht. "Ich sagte, wir sollten schwimmen. Helfer würden uns schon finden", sagte Kate Suski.
"Ich dachte, ich müsste mich vor Angst übergeben"
Das Geschwisterpaar verlor nach eigener Aussage die Besatzungsmitglieder aus dem Blick, als die Gruppe los schwamm. Der Wellengang sei zu stark gewesen. Ein Flugzeug und ein Hubschrauber waren am Horizont zu sehen, aber niemand sah Dan und Kate Suski.
Die Suskis schwammen mehrere Stunden. Dann ging die Sonne unter. "Da wird einem bewusst, dass die Lage sehr schlecht ist", sagte Kate Suski. "Man wird sich der eigenen Sterblichkeit bewusst." Dan Suski musste immer wieder an den Film "Open Water" denken, in dem Taucher von ihrer Gruppe zurückgelassen und von Haien angegriffen werden. "Ich dachte, ich müsste mich vor Angst übergeben", sagte seine Schwester.
Sie schwammen zwölf, vielleicht auch 14 Stunden. Und sie schafften es bis zur Küste. Als sie nur noch wenige Meter vom Land entfernt waren, begriffen sie, dass sie im Meer bleiben mussten - ansonsten hätten sie die Wellen an den Felsen zerschmettert. "Das überleben wir nicht", sagte Kate.
Sie schwammen weiter, bis sie zu einem kleinen sandigen Küstenabschnitt kamen. Als Kate und Dan Suski an Land kamen, konnten sie kaum einen Schritt tun. Dennoch machten sie sich auf, auf die Suche nach Wasser, Essen und Wärme. Kate hatte nur einen Bikini an, ihr Bruder eine Badehose.
Minister bezeichnet Rettung als Wunder
Als es endlich wieder hell wurde, ernährten sie sich von wild wachsenden Mangos und unreifen Bananen. Damit war der Horrortrip noch nicht vorbei. Nach drei Stunden Irrlauf durch die Wildnis trafen sie auf einen Landarbeiter. Er gab ihnen Kekse, Wasser und wartete mit ihnen, bis die Polizei eintraf. Die war schon über das gesunkene Boot informiert.
Kate und Dan Suski wurden ins Krankenhaus gebracht. Die Geschwister hatten offene Wunden am Körper - die Schwimmweste hatte ihre Haut aufgerieben. Ihre Füße waren mit Schnitten übersät, in den Sprunggelenken hatten sie Sehnenentzündungen vom Schwimmen. Das Geschwisterpaar erfuhr, dass auch die beiden Besatzungsmitglieder gerettet worden seien. Sie hatten 23 Stunden im Wasser ausgeharrt.
Der Tourismusminister von St. Lucia nannte das Überleben der Suskis ein Wunder. Die Polizei untersucht den Bootsuntergang. Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass es sich nicht um einen Unfall handelte.
Das Geschwisterpaar macht ebenfalls niemanden für den Untergang verantwortlich. "Wir sind so dankbar, dass wir noch leben", sagte Kate Suski. Am Samstag wollen sie und ihr Bruder nach Miami zurückfliegen, um dort ihren Vater zu treffen.
ulz/AP
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