Tötungen im Kopenhagener Zoo Kein Gnadenbrot für Löwen

Erst Giraffe Marius, jetzt ein Löwenpärchen und seine Jungen: Erneut sind im Kopenhagener Zoo gesunde Tiere getötet worden; erneut gibt es Proteste. Tatsächlich wäre die Aktion in Deutschland wohl nicht möglich gewesen, wie unser Überblick der wichtigsten Fragen zum Thema zeigt.

REUTERS/ Scanpix

Von und Rainer Leurs


Kopenhagen - Ganz überraschend kommt er nicht, der erneute Wutsturm nach dem Tod von vier Löwen im Kopenhagener Zoo. Mehr als 145.000 Menschen unterschrieben bis Mittwochnachmittag eine Online-Petition mit dem Ziel, den Tierpark zu schließen; als "ethisch unverantwortlich" bezeichnete der Deutsche Tierschutzbund das Vorgehen. Selbst in den USA berichten Medien über das Löwenpaar und seine beiden zehn Monate alten Jungen, die der Zoo am Montag per Giftspritze getötet hatte.

Bereits Mitte Februar hatte es regelrecht hysterische Proteste gegeben, nachdem der Zoo eine Giraffe namens Marius geschlachtet, öffentlich zerteilt und an Raubtiere verfüttert hatte. Direktor Steffen Stræde bekam damals sogar Morddrohungen, verteidigte aber stets sein Vorgehen.

Auch diesmal beharrt die Zooverwaltung darauf, alles richtig gemacht zu haben. Aber blieb dem Tierpark wirklich keine andere Wahl? Und wäre so eine Aktion auch in Deutschland denkbar gewesen? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Warum wurden die vier Löwen getötet?

Die Leitung des Zoos begründete ihre Entscheidung mit der bevorstehenden Ankunft eines neuen, jüngeren Löwen-Männchens: "Dieser Generationswechsel war schon lange geplant." Die bisherigen zwei Zuchttiere des Tierparks seien zu alt gewesen, bei dem alten Löwen habe zudem die Gefahr bestanden, dass er sich mit seinen beiden Töchtern paare, die auch in dem Zoo leben. Die zwei Jungtiere schließlich wären ohne ihre Eltern nicht überlebensfähig gewesen, ließ die Zoo-Leitung wissen. Sie wären von dem Neuankömmling getötet worden, das entspreche seinem natürlichen Verhalten. Eine neue Bleibe in einem anderen Park wiederum habe man für die Tiere nicht organisieren können.

Wäre so eine Aktion auch in Deutschland möglich gewesen?

Kaum. Nach geltender Rechtssprechung ist es in Deutschland zwar legal, Zootiere zu töten, wenn sie krank sind oder verfüttert werden sollen - "aber nicht aus Gründen des Populationsmanagements", wie Thomas Kauffels sagt, Vorstandsmitglied beim Verband Deutscher Zoodirektoren (VDZ). Deutschland nehme damit in Europa eine Sonderstellung ein. Im Klartext: Bloß weil sich für überzählige Löwen, Luchse oder Lemuren kein Abnehmer finden lässt, dürfen diese hierzulande nicht einfach geschlachtet werden. Ein entsprechendes Urteil bestätigte im Dezember 2010 das Landgericht Magdeburg. Mehrere Mitarbeiter des dortigen Zoos wurden verwarnt, weil sie drei Tigerbabys getötet hatten. Die Angeklagten gaben damals an, es habe keine Möglichkeit gegeben, die Jungtiere artgerecht unterzubringen.

Wie trennen sich deutsche Zoos dann von überzähligen Raubtieren?

Im Grunde bleibt ihnen nur die Weitergabe an andere Tierparks - wenn sich denn ein Abnehmer findet. Würde man gesunde Tiger oder Löwen töten wollen, müsste man sie danach an andere Raubtiere verfüttern. Das ist zwar nicht verboten, aber höchst unüblich. "Man muss also einen Platz für das Tier finden", sagt Kauffels. "Eine andere Möglichkeit hat der Gesetzgeber nicht vorgesehen."

Wie funktioniert der Austausch von Tieren zwischen den Zoos?

Manchmal kommt über Kontakte ein informeller Tausch zustande. Der Dachverband der wissenschaftlich geleiteten Zoos EAZA unterhält aber auch eine Datenbank mit Angeboten und Gesuchen. Für die Kopenhagener Löwen habe es eine solche Anzeige gegeben, sagt EAZA-Sprecher David Williams-Mitchell. Es habe sich aber kein Interessent gemeldet. Der Verband organisiert zudem das Europäische Erhaltungszuchtprogramm EEP für mehr als 190 gefährdete Tierarten. Hier versucht dann ein Zuchtbuch-Koordinator, einen Platz in einem anderen Zoo zu finden - das wurde zum Beispiel bei Giraffe Marius probiert. Er kam jedoch in keinem der EAZA-Zoos unter, weil die dort lebenden Giraffen allesamt zu ähnliches Genmaterial aufwiesen. Für die jetzt getöteten afrikanischen Löwen wiederum war ein Umzug mit EEP-Hilfe keine Option: Für sie gibt es kein entsprechendes Zuchtprogramm.

Wer bestimmt überhaupt, welche Tiere leben und sich vermehren dürfen?

Letztlich die Tierparks selbst. Die EAZA spricht jedoch Empfehlungen aus, um Inzucht zu verhindern und verschiedene Unterspezies zu erhalten. Bei Giraffen sei früher zum Beispiel nicht konsequent genug darauf geachtet worden, Unterarten bei der Paarung zu trennen, sagt Verbandssprecher Williams-Mitchell. Im Moment dürfen sich deshalb die Giraffen im Londoner Zoo nicht mehr vermehren. Bei afrikanischen Löwen gebe es ähnliche Probleme, sagt Dag Encke, der Direktor des Nürnberger Zoos: "Die Löwen wurden früher hauptsächlich aufgrund ihrer schönen Mähne ausgesucht." Man wisse also meist gar nicht genau, mit was für Genen man es zu tun habe. Bis etwa Anfang 2000 sei das auch nicht notwendig gewesen. Erst dann ging die Zahl afrikanischer Löwen in freier Wildbahn nach unten. "Dann hat man begonnen zu schauen, was wir an Reinblütern haben."

Könnte man überzählige Löwen oder Tiger nicht auf Gnadenhöfen unterbringen?

Tatsächlich existiert ein spezielles Asyl für Raubtiere und andere Exoten im bayerischen Ansbach; nach eigenen Angaben die einzige Auffangstation dieser Art. Hier werden laut Vorstand Olaf Neuendorf behördlich beschlagnahmte Tiere untergebracht, aus Haushalten exzentrischer Raubkatzenfans etwa. "Aus einem Zoo haben wir aber noch nie Tiere gehabt", sagt Neuendorf. Ohnehin sei die Einrichtung zur Zeit auch so voll belegt - mit sechs Tigern, einem Luchs und einem Puma.

Mitarbeit: Gesa Mayr

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
Beobachter123 26.03.2014
1. Ich versteh es nicht
Warum kann man diesen Tieren nicht im Zoo ein Gnadenbrot geben. Mit diesen Tieren muss ja nicht unbedingt weiter gezüchtet werden. Die Einbußen durch Futterkosten sind sicher nichts im Verhältnis zu den Einbußen durch ausbleibende Besucher.
hartwurzelholz 26.03.2014
2. merkwürdiges Vorgehen
...aber im Ende eine Entscheidung des Zoos. Sind deren Tiere.
robosapiens 26.03.2014
3. Geschmacklose Ausbeutung der Kreatur
Es wird Zeit, diese abartige unnatürliche Tierhaltung zu stoppen. Das Geld für Zoos wäre deutlich besser investiert, würde man es für den Schutz der Tiere vor Ort ausgeben. Zoos züchten Tiere nicht aus Gründen der Arterhaltung sondern um Besucher mit niedlichen Tierbabies anzulocken. Wenn diese Tierbabies dann erwachsen werden, gibt es oft keine geeigneten Plätze für diese. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind so auch nicht zu gewinnen. Ebenso ist es unmöglich, Zootiere auszuwildern. Diese Art der Tierzucht muss dringend untersagt werden. Sie dient nur dem Entertainment reicher Europäer. Ich vertrete die Auffassung, dass die Haltung exotischer Tiere generell verboten werden soll. Ein Zoogehege kann niemals eine adäquater Ersatz für die Freiheit sein. Hier von quälerischer Haltung zu sprechen ist absolut gerechtfertigt und ich kenne keinen einzigen Zoo, der eine wirklich artgerechte Haltung von Großkatzen, Giraffen, Elefanten,Polarbären etc. ermöglicht (einige Safariparks evtl ausgenommen). Kurz:Wir brauchen ein europaweites Zuchtverbot für Exoten und ein generelles Verbot der Zurschaustellung derselben.
Flari 26.03.2014
4.
Zitat von Beobachter123Warum kann man diesen Tieren nicht im Zoo ein Gnadenbrot geben. Mit diesen Tieren muss ja nicht unbedingt weiter gezüchtet werden. Die Einbußen durch Futterkosten sind sicher nichts im Verhältnis zu den Einbußen durch ausbleibende Besucher.
Weil man ihnen dann ein entfernt gelegenes Extragehege zur Verfügung stellen müsste. Würde man das dann auch für alle anderen Tiere des Zoos, die man derzeit tötet und verfüttert so machen, müsste man die Zoofläche jährlich beständig vergrössern (geht nicht) oder die Tiere in kleinen Käfigen halten. Was finden Sie besser?
hartwurzelholz 26.03.2014
5.
Zitat von robosapiensEs wird Zeit, diese abartige unnatürliche Tierhaltung zu stoppen. Das Geld für Zoos wäre deutlich besser investiert, würde man es für den Schutz der Tiere vor Ort ausgeben. Zoos züchten Tiere nicht aus Gründen der Arterhaltung sondern um Besucher mit niedlichen Tierbabies anzulocken. Wenn diese Tierbabies dann erwachsen werden, gibt es oft keine geeigneten Plätze für diese. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind so auch nicht zu gewinnen. Ebenso ist es unmöglich, Zootiere auszuwildern. Diese Art der Tierzucht muss dringend untersagt werden. Sie dient nur dem Entertainment reicher Europäer. Ich vertrete die Auffassung, dass die Haltung exotischer Tiere generell verboten werden soll. Ein Zoogehege kann niemals eine adäquater Ersatz für die Freiheit sein. Hier von quälerischer Haltung zu sprechen ist absolut gerechtfertigt und ich kenne keinen einzigen Zoo, der eine wirklich artgerechte Haltung von Großkatzen, Giraffen, Elefanten,Polarbären etc. ermöglicht (einige Safariparks evtl ausgenommen). Kurz:Wir brauchen ein europaweites Zuchtverbot für Exoten und ein generelles Verbot der Zurschaustellung derselben.
Der Zweck von so einem Zoo ist nicht das Zurschaustellung von "niedlichen Tierbabys", die man dann eiskalt tötet. Sondern Bildung. Unsere Kinder sollen hautnah die Vielfalt der Natur kennenlernen und nicht nur aus dem Fernsehen, zwischen Pokemon und Bruce Willis. Dazu kann ein Zoo mit entsprechendem Rahmenprogramm bzw. Führung beitragen. Ich möchte meinen Kids echte Schlangen, Zebras und Löwen zeigen, auch so kann man Respekt vor der Natur lehren. Dass man die Tiere artgerecht halten sollte, ist klar, steht aber auf einem anderen Blatt.
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