Getötete und entführte Reporter "Der Journalist wird zur Verhandlungsmasse"

Ihr Job führte sie in Kriegsgebiete, zu Drogenkartellen und korrupten Regimen - 57 Journalisten sind dieses Jahr bei ihrer Arbeit getötet worden, 51 wurden entführt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen warnt: Der Respekt für die Neutralität der Presse geht in immer mehr Staaten verloren.

REUTERS

Von Simone Utler


Hamburg - Stéphane Taponier und Hervé Ghesquière sind seit rund einem Jahr in den Händen der Taliban. Die beiden französischen Fernsehjournalisten waren am 29. Dezember 2009 mit ihren drei afghanischen Begleitern im Nordosten des kriegsgeplagten Landes von Rebellen verschleppt worden, Einzelheiten über ihr Schicksal sind nicht bekannt.

Die Porträts von Taponier und Ghesquière wurden am Mittwoch zur Erinnerung auf den Pariser Triumphbogen projiziert. Dutzende Journalisten teilen ein ähnliches Schicksal. Insgesamt wurden in diesem Jahr 51 Reporter bei der Ausübung ihrer Arbeit entführt - so viele wie nie zuvor. 57 Journalisten kamen 2010 gewaltsam ums Leben.

Reporter ohne Grenzen (ROG) stellte am Donnerstag eine Jahresbilanz vor, in der Angriffe auf die Pressefreiheit aufgeführt sind. Die Medienrechtsorganisation analysiert Fälle von getöteten, festgenommenen, attackierten, entführten und geflohenen Journalisten und Bloggern. Außerdem zieht sie eine Bilanz der weltweiten Zensurmaßnahmen gegen Print-, Hörfunk- und TV-Medien sowie der Sperrungen von Websites.

Die gute Nachricht: Die Zahl der getöteten Journalisten ist zurückgegangen. Im Vorjahr verloren noch 76 Medienmitarbeiter im Zusammenhang mit ihrem Beruf ihr Leben, rund 25 Prozent mehr als 2010. Allein bei dem Massaker auf den Philippinen im November 2009 waren 32 Medienmitarbeiter getötet worden. "Auch wurden weniger Journalisten als in den vergangenen Jahren in Kriegszonen getötet", erklärte ROG-Generalsekretär Jean-François Julliard.

Die Identifizierung der Mörder gestaltet sich den Vertretern der Pressefreiheit zufolge allerdings immer schwieriger - egal ob die Täter aus den Reihen mafiöser Gruppen, religiöser Organisationen oder Milizen stammen oder ob es sich um staatliche Agenten handelt. "Organisierte kriminelle Gruppen und Milizen sind weltweit die häufigsten Mörder von Journalisten", so Julliard.

Die Behörden in den betroffenen Ländern trügen jedoch eine direkte Verantwortung. "Wenn die Regierungen nicht alle möglichen Versuche unternehmen, um die Mörder der Journalisten zu bestrafen, machen sie sich zu deren Komplizen." Die Täter müssten identifiziert und vor Gericht gestellt werden. Sonst würden Journalisten irgendwann bestimmte Regionen nicht mehr bereisen - und die lokale Bevölkerung wäre mit ihrem Schicksal alleine gelassen.

Zahl der Entführungen weiter angestiegen

Besorgniserregend ist die zunehmende Zahl von Entführungen: Dokumentierte Reporter ohne Grenzen im Jahr 2008 insgesamt 29 Fälle von Kidnapping und im Folgejahr 33, so stieg die Zahl in diesem Jahr auf 51. "Journalisten werden zunehmend als eine Art Verhandlungsmasse betrachtet. Entführer nehmen Geiseln, um ihre Verbrechen zu finanzieren, Regierungen zur Erfüllung ihrer Forderungen zu bewegen und ihre Botschaften öffentlich zu machen", erklärte die Organisation. Journalisten würden immer weniger als äußere Beobachter betrachtet, der Respekt für ihre Neutralität und ihre Aufgaben nehme ab.

In diesem Jahr waren Journalisten insbesondere in Afghanistan und Nigeria diesen Risiken ausgesetzt, so wie die Franzosen Taponier und Ghesquière.

SPIEGEL ONLINE

Ein trauriger Rekord wurde bei der Zahl der betroffenen Regionen vermeldet: Insgesamt wurden in den vergangenen zwölf Monaten in 25 Ländern Journalisten ermordet - die höchste Zahl seit Veröffentlichung der ersten ROG-Bilanz im Jahr 2002.

Betroffen sind Länder in aller Welt. "In Afghanistan, Kolumbien, Irak, Mexiko, Pakistan, Russland, Somalia und auf den Philippinen hat sich eine tief verwurzelte Kultur der Gewalt gegen die Presse entwickelt", erklärte ROG. In diesen acht Ländern seien im vergangenen Jahrzehnt regelmäßig Verbrechen an Journalisten begangen worden.

Vor allem in afrikanischen und asiatischen Ländern arbeiten Journalisten unter gefährlichen Bedingungen. Etwa jeder fünfte der von ROG registrierten Fälle ereignete sich auf dem afrikanischen Kontinent, vor allem in Angola, Kamerun, Nigeria, Uganda, Ruanda und Somalia sowie in der Demokratischen Republik Kongo.

Mit 20 Todesfällen wurden die meisten Reporter in Asien ermordet, elf davon alleine in Pakistan. In dem südasiatischen Land werden Reporter von islamistischen Gruppen ins Visier genommen oder werden Opfer von Selbstmordattentaten. Im Irak ist die Mordrate in den vergangenen Monaten wieder angestiegen: So wurden in diesem Jahr sieben Journalisten getötet, im Jahr 2009 waren es noch vier. Die Mehrheit der Opfer starb nach dem Rückzug der US-amerikanischen Truppen Ende August 2010.

Zwei Journalisten in EU-Staaten ermordet

Doch auch in EU-Staaten wurden Journalisten getötet: In Griechenland wurde Socratis Guiolias am 19. Juli 2010 vor seinem Haus in Athen niedergeschossen. Die Polizei verdächtigt eine linksextremistische Gruppe. In Lettland wurde Grigorijs Nemcovs, Herausgeber der Regionalzeitung "Million" und Eigentümer der gleichnamigen lokalen Fernsehstation, am 16. April 2010 getötet. Er war gerade auf dem Weg zu einem Termin, als ihn zwei Schüsse in den Kopf trafen.

Reporter ohne Grenzen weist auch auf Repressionen gegen Blogger und Online-Zensur hin. Die Zahl der Festnahmen von Bloggern und Internetaktivisten sowie die Zahl der tätlichen Angriffe ist auf einem mit den Vorjahren vergleichbaren Niveau. "Schikanen und Drohungen gegen Blogger und Internetzensur gehören mittlerweile zum Alltag. Online-Filtermaßnahmen sind in vielen Staaten längst kein Tabu mehr", so die Organisation. Sie stelle weiter Nachforschungen zum Tod des jungen ägyptischen Internetnutzers Khaled Mohammed Said an, der von zwei Polizisten in Zivil getötet worden sein soll.

Vielen Journalisten bleibt nur die Flucht ins Exil. Insgesamt 127 Journalisten aus 23 Ländern waren laut ROG im Jahr 2010 gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Allein aus Iran sind 30 geflohene Journalisten bekannt.

Reporter ohne Grenzen nimmt ausschließlich Fälle in die Bilanz auf, die eindeutig oder mit hoher Wahrscheinlichkeit mit der Berufsausübung in Verbindung stehen. Nicht dokumentiert sind Fälle, die von den Opfern aus Sicherheitsgründen bewusst geheimgehalten wurden.



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
the_flying_horse, 30.12.2010
1. "Under Fire"
---Zitat--- Der Respekt für die Neutralität der Presse geht in immer mehr Staaten verloren. ---Zitatende--- Naja, Staaten die keine freie Presse haben, haben auch keinen Respekt vor Journalisten. Die behandeln ausländische Journalisten wie die eigenen. Und in Krisengebieten war es schon immer für Reporter gefährlich; man möchte da meist auch keine Zeugen haben... Wer den Film "Under Fire" mit Nick Nolte noch kennt... der trifft das Thema sehr gut.
Sapientia 30.12.2010
2. Der Respekt für die Neutralität der Presse geht in immer mehr Staaten verloren.
Zitat von sysopIhr Job führte sie in Kriegsgebiete, zu Drogenkartellen und korrupten Regimen -*57 Journalisten sind dieses Jahr bei ihrer Arbeit getötet worden, 51 wurden entführt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen warnt: Der Respekt für die Neutralität der Presse geht in immer mehr Staaten verloren. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,737223,00.html
Der Grund liegt doch auf der Hand. Wer keine Ahnung von Journalismus hat, und derer gibt es rasend schneller mehr, muss anders auf sich aufmerksam machen - mittendrin sein; und das birgt natürlich Gefahren. Wenn man aber nicht den Weg: Ich-Ich-Ich geht, benötigt man auch keine Sensationspresse, ist die eigentliche Hauptsache nicht Mittel zum Zweck der eigenen Reputation. Und man kann sehr informiert und informierend berichten. Nur sind die Medien primär sensationsgeil und daher werden Menschen in kritische Gegenden geschickt; aber Hand aufs Herz: Auf ein paar mehr oder weniger schlechte Journalisten kommt es doch wirklich nicht an, oder? Das eigentliche Problem liegt doch nur darin, dass die gesamte Presse ein Riesengeschrei macht und die Pressefreiheit in Gefahr sieht, wenn sich ein Journalist ins Mündungsfeuer begab und man nicht um ihn herum geschossen hat, weil er Journalist ist.
Shimodax, 30.12.2010
3. Nieder mit dem Titelzwang
Zitat von sysopIhr Job führte sie in Kriegsgebiete, zu Drogenkartellen und korrupten Regimen -*57 Journalisten sind dieses Jahr bei ihrer Arbeit getötet worden, 51 wurden entführt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen warnt: Der Respekt für die Neutralität der Presse geht in immer mehr Staaten verloren. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,737223,00.html
Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Und wenn dann einer umkommt, haben die anderen wieder was zu schreiben (bzw. lamentieren), z.B. daß der Journalismus zur Verhandlungsmasse verkomme. In dem Sinne waren die Tode dann nicht ganz umsonst ...
derfflingert, 30.12.2010
4. 19:49
Zitat von sysopIhr Job führte sie in Kriegsgebiete, zu Drogenkartellen und korrupten Regimen -*57 Journalisten sind dieses Jahr bei ihrer Arbeit getötet worden, 51 wurden entführt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen warnt: Der Respekt für die Neutralität der Presse geht in immer mehr Staaten verloren. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,737223,00.html
Im Zuge der Sarrazin - Debatte ist nicht nur mein Respekt für die Neutralität der Presse verloren gegangen, sondern auch der Glaube an die Fähigkeit und den Willen zur ergebnisoffenen Recherche. D
VPolitologeV, 30.12.2010
5. Eigentlich unglaublich...
Zitat von SapientiaDer Grund liegt doch auf der Hand. Wer keine Ahnung von Journalismus hat, und derer gibt es rasend schneller mehr, muss anders auf sich aufmerksam machen - mittendrin sein; und das birgt natürlich Gefahren. Wenn man aber nicht den Weg: Ich-Ich-Ich geht, benötigt man auch keine Sensationspresse, ist die eigentliche Hauptsache nicht Mittel zum Zweck der eigenen Reputation. Und man kann sehr informiert und informierend berichten. Nur sind die Medien primär sensationsgeil und daher werden Menschen in kritische Gegenden geschickt; aber Hand aufs Herz: Auf ein paar mehr oder weniger schlechte Journalisten kommt es doch wirklich nicht an, oder? Das eigentliche Problem liegt doch nur darin, dass die gesamte Presse ein Riesengeschrei macht und die Pressefreiheit in Gefahr sieht, wenn sich ein Journalist ins Mündungsfeuer begab und man nicht um ihn herum geschossen hat, weil er Journalist ist.
...was Ihre Meinung an Menschenverachtung und Ignoranz hergibt. Es läßt sich nunmal nicht alles bequem vom Sessel ergoogeln, um sich dann ein lauwarmes Pressefürzchen aus den Rippen zu drücken. Das Vernichten von "schlechten" Journalisten per Abschuß ist eine Aussage, auf die ich mal nur hinweise. Ihrer Logik zur Folge würde gar nicht mehr über Pakistan, China usw. berichtet werden, außer über die offiziellen Verlautbarungsorgane. Letztendlich: Journalisten joggen nicht nur durch Hauptkampfzonen, sie machen sich auch durch Ihre Arbeit (wissentlich) zur Zielscheibe für alle möglichen kriminellen Organisationen. Zum Beispiel in Rußland, wo ein Journalist radioaktives Material für mehrere Millionen Dollar verabreicht bekam. Denken Sie mal darüber nach - hätte er vielleicht Klempner werden sollen, damit er der Regierung nicht zu unbequem wird?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.