Gewalt gegen Frauen: Die Bodyguards vom Tahrir-Platz

Von Fabian Kretschmer, Kairo

Ägypten: Die alltägliche Gewalt gegen Frauen Fotos
Heinrich Holtgreve

Täglich werden in Ägypten Frauen auf der Straße beleidigt, begrapscht und vergewaltigt. In der Menschenmasse am Tahrir-Platz haben es die Täter besonders leicht. Nun übernehmen privat organisierte Aktivistengruppen die Aufgabe der untätigen Polizei - wenn nötig auch mit Gewalt.

Mit blutüberströmtem Gesicht und geduckter Haltung tastet sich der Junge aus dem Zelt. Ein älterer Mann folgt ihm dicht auf den Fersen. Er streckt den Schlagstock in seiner rechten Hand demonstrativ in die Luft. "Von Kakerlaken wie dir lassen wir uns unsere Revolution nicht verderben", ruft er dem Jungen hinterher - und setzt mit einer satten Backpfeife nach.

Einige Männer, die in einer Sitzrunde zwischen Plakatbannern und Zeltplanen ihren Mittagstee genießen, schauen kurz auf und stoßen hasserfüllte Flüche in Richtung des Jugendlichen aus. Die anderen Männer lassen sich nicht in ihrer Unterhaltung unterbrechen, zu alltäglich sind solche Szenen am Tahrir-Platz bereits geworden.

Der Junge weint. "Ich hab' doch gar nichts getan", beteuert er vor den umherstehenden Männern. Doch unschuldig ist er nicht: Kurz zuvor griff er inmitten der Menschenmenge auf dem Kairoer Tahrir-Platz einer Frau an den Hintern. Dass der Junge sich als Opfer eine Sanitäterin ausgesucht hat, die gerade einen verletzten Demonstranten verarztete, erzürnte die Menge zusätzlich.

Die perfide Verteidigung der Täter

Die Szene spielte sich Ende Dezember ab, Vorfälle wie diese wiederholen sich seit Wochen beinahe täglich auf dem Tahrir-Platz. Nahezu unbemerkt von der internationalen Berichterstattung sind Frauen in Ägypten schon seit Jahren wie in kaum einem anderen Land sexuellen Übergriffen ausgesetzt. 83 Prozent aller Ägypterinnen gaben in einer Umfrage des ägyptischen Zentrums für Frauenrechte aus dem Jahre 2008 an, mindestens einmal im Leben sexuell belästigt worden zu sein. Bei den Ausländerinnen im Land waren es 98 Prozent. Über zwei Drittel aller Frauen behaupteten, täglich sexuelle Gewalt zu erleben. Nur zwölf Prozent aller Vorfälle werden dabei überhaupt zur Anzeige gebracht.

Am drastischsten offenbart sich das Problem während der vielen Demonstrationen am Tahrir-Platz, bei denen Frauen in der anonymen Menschenmenge leichte Opfer sind. Das Perfide dabei: Ein Großteil der Männer gibt den Opfern die Schuld. Die Frauen, so ihre Logik, hätten sich einfach zu freizügig gekleidet und so die Belästigung unausweichlich und bewusst provoziert.

Als "Blaming the victim mentality" bezeichnet der Psychologie-Professor Hani Henry von der American University of Cairo diese in Ägypten weit verbreitete Denkweise, die man zugleich als Verteidigungsstrategie bezeichnen kann: Tatsächlich werden in Ägypten nachweislich fast alle Frauen - egal ob westlich gekleidet oder vollständig verschleiert - gleichermaßen Opfer sexueller Gewalt.

Weder Politiker noch die Polizei kümmern sich um das Problem. Es sind politische, meist weibliche Aktivisten, die zur Tat schreiten .

Allen voran die "Tahrir-Bodyguards": eine Gruppe aus Endzwanzigern, fest entschlossen, ihre Gesellschaft zu verändern. Tagsüber arbeiten sie als PR-Berater, Marketingleiter oder Journalisten in den Büros der Kairoer Geschäftsviertel, abends schmieden sie Pläne für ein neues Ägypten.

Gegründet wurden die "Tahrir-Bodyguards" - wie die meisten Aktivistengruppen - von einer Frau: Als in den Nachrichten wieder einmal über eine halb totgeschlagene Frau am Tahrir-Platz berichtet wurde, bestellte Soraya Bahgat auf eigene Kosten 200 Sicherheitswesten und Helme und versuchte über einen Twitter-Account, Freiwillige für ihre Gruppe zu mobilisieren. Das Ziel der Organisation ist klar definiert: Einheiten von jeweils 30 Personen sollen in sechsstündigen Schichten den Tahrir-Platz überwachen, um Frauen vor Überfällen zu schützen.

"Ein Unrecht hebt das andere nicht auf"

Am Tahrir-Platz ist es bereits dunkel geworden. Die einzigen verbliebenen Frauen haben allesamt ein menschliches Schutzschild um sich geschart. Mindestens drei Männer umkreisen sie, um potentielle Übeltäter abzuschrecken.

Eine Menschenmauer aus rund 20 jungen Männern, alle mit orangefarbenen Warnwesten und entschlossenen Gesichtern, bewacht den gefährlichsten Ort am Tahrir-Platz. Genau dort, wo letzten Oktober die France 24-Reporterin Sonia Dridi nur knapp einer Vergewaltigung entkam, nachdem ein wütender Mob scheinbar grundlos auf die Journalistin losging.

"Imprint Movement" nennt sich die Aktivistengruppe mit den orangefarbenen Westen, die bereits seit Juli 2012 in Kairos Straßen nach dem Rechten sieht: von Aufklärungskampagnen in Metrostationen über Vorträge an Oberschulen bis hin zur Patrouille am Tahrir-Platz.

Im Gegensatz zu anderen Bürgerwehr-Gruppen, die erwischte Übeltäter an Ort und Stelle blutig schlagen, agiert "Imprint Movement" wesentlich moderater. "Unserer Ansicht nach hebt ein Unrecht das andere nicht auf. Wir versuchen, den Aggressor ausfindig zu machen, ihn zu isolieren und dann bei der Polizei abzuliefern", sagt der 23-jährige Omar El Gabry. Die Gruppe hat knapp 60 feste Mitglieder und einen erweiterten Freiwilligenkreis von rund 200 Aktivisten.

Die Hochzeit für sexuelle Übergriffe sind die vier Tage um das höchste muslimische Fest, das Opferfest Id. Ende Oktober wurde es zuletzt gefeiert, die "Imprint"-Aktivisten schritten bei insgesamt 47 Vorfällen ein. Ägyptenweit wurden 735 Beschwerden bei der Polizei gemeldet. Der Großteil der Täter waren männliche Jugendliche, manche von ihnen gerade einmal zwölf Jahre alt.

Das "Imprint Movement" will sich langfristig vor allem auf Aufklärungskampagnen fokussieren. Sie arbeiten bereits mit UN Women zusammen, einer Organisation der Vereinten Nationen zur Stärkung von Frauenrechten. Doch reines Patrouillieren, da ist Omar El Gabry realistisch genug, wollen er und seine Gruppe schon bald aufgeben: "Was wir am Tahrir-Platz machen, sind ja keine präventiven Methoden. Am eigentlichen Problem wird sich dadurch nichts ändern."

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Falsch verstanden?
Peter-Lublewski 06.02.2013
Zitat von sysopHeinrich HoltgreveTäglich werden in Ägypten Frauen auf der Straße beleidigt, begrabscht und vergewaltigt. In der Menschenmasse am Tahrir-Platz haben es die Täter besonders leicht. Nun übernehmen privat organisierte Aktivistengruppen die Aufgabe der untätigen Polizei - wenn nötig auch mit Gewalt. http://www.spiegel.de/panorama/gewalt-gegen-frauen-in-aegypten-aktivisten-gehen-gegen-taeter-vor-a-880952.html
Da grapschen dann Aktivistengruppen anstatt der Polizei - oder habe ich das falsch verstanden?
2. optional
Sgt.Moses 06.02.2013
Ganz sicher ist, dass die Frauen keine Schuld tragen. Aber vielleicht sollte mensch mal anfangen darüber nachzudenken ob eine der Ursachen nicht vielleicht in der generellen Diskriminierung von Frauen und vollkommen überholten "Moralvorstellungen" in dieser Re(li?)gion liegen könnte
3. Vor der eigenen Haustür kehren
dekkers.e 06.02.2013
Kriminalstatistik Berlin 2010 Vergewaltigung und sexuelle Nötigung: 689 Der Anteil der nicht-deutschen TV betrug 43,2%. 90 TV waren im Alter unter 21 Jahren (19,2%). 24,5% der aufge-klärten Fälle wurden unter Alkoholeinfluss begangen.
4. Start thinking!
humpalumpa 06.02.2013
Vielleicht fängt ja jetzt die ägyptische Regierung mal an, darüber nachzudenken, ob mit Ihrer Ideologie und landesweiten Erziehung net a biserl was schief läuft, wenn die männliche Bevölkerung bei sich jeder bietenden Gelegenheit anfängt, auszurasten wie die letzten Wilden und sich aufführen, wie die Axt im Wald! Das ist schon fremdschämen übelster Sorte.
5. ...
Oinkidoink 06.02.2013
Zitat von sysopHeinrich HoltgreveTäglich werden in Ägypten Frauen auf der Straße beleidigt, begrabscht und vergewaltigt. In der Menschenmasse am Tahrir-Platz haben es die Täter besonders leicht. Nun übernehmen privat organisierte Aktivistengruppen die Aufgabe der untätigen Polizei - wenn nötig auch mit Gewalt. http://www.spiegel.de/panorama/gewalt-gegen-frauen-in-aegypten-aktivisten-gehen-gegen-taeter-vor-a-880952.html
Ja, diese blame-the-victim Mentalität ist auch in der westlichen Hemisphäre ganz besonders beliebt.
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Sexuelle Belästigung in Kairo: Tatort Tahrir-Platz

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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