Attacke in der Londoner U-Bahn: "Wir werden jeden töten, der sich blöd benimmt"

Von Christoph Scheuermann, London

Der Atem des Randalierers roch nach Hackfleisch und Bier, fast alle im Waggon blickten angestrengt weg: Wie verhält man sich in einer U-Bahn, die von Betrunkenen terrorisiert wird? Ein unfreiwilliger Selbstversuch in London.

Cocktail-Party in der Londoner U-Bahn: Furchtbar ist, wenn die Mehrheit schweigt Zur Großansicht
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Cocktail-Party in der Londoner U-Bahn: Furchtbar ist, wenn die Mehrheit schweigt

Seit drei Monaten wohne ich in London. Ich habe das sonnige, schräge und traurige Gesicht der Stadt gesehen. Jetzt kenne ich auch das hässliche. Es ist rund und aufgedunsen.

Ich saß in der Piccadilly-Line von Heathrow in Richtung Innenstadt, als drei Gestalten in den Wagen stolperten. Sie trugen kurzärmlige Hemden, hatten Bierdosen in den Fäusten und drängten sich zwischen die übrigen Passagiere. Der Lauteste von ihnen brüllte quer durch den Wagen: "Ladies und Gentlemen, wir haben den ganzen Tag Drogen genommen und werden jeden töten, der sich blöd benimmt." Er hatte ein rundes, aufgeschwemmtes Gesicht und Haarstoppel auf dem Kopf.

Vermutlich dachten alle an einen übermütigen Witz. Die meisten in der U-Bahn kamen wie ich aus den Weihnachtsferien und hingen satt in ihren Sitzen. Im Gang stapelten sich Koffer, Taschen und Tüten. Nur ein junger Kerl, der im "Economist" las, murmelte eine genervte Bemerkung. Der Stoppelhaarige, Ende 20, stieß ihn darauf von der Seite an.

Allen war klar, dass die drei sich mit ihm prügeln wollten.

In dieser Situation hat man vier Optionen. Erstens, man eilt dem möglichen Opfer zu Hilfe, in diesem Fall dem jungen Kerl, oder, zweitens, man ruft die Polizei (was in der U-Bahn schwierig ist). Drittens, man flieht. Oder viertens, man tut gar nichts und betet, dass sich alles wieder beruhigt. Die meisten Menschen fallen vermutlich in die vierte Kategorie. Der "Economist"-Leser floh.

Nach ihm stiegen zwei Asiatinnen in den Wagen. Eine von ihnen trug einen Mundschutz.

Als der Stoppelhaarige sie sah, fing er an, wild zu gackern und zu schreien. Er brüllte die Frau an. "Hast du vielleicht Hühnergrippe oder Aids?" Er fasste ihr an den Arm, zog ihr die Pelzmütze vom Kopf und rieb sie sich an die Wange. Dann rieb er sich die Mütze unten an die Hose. Die beiden Frauen hatten Angst. Sie sahen, dass die Kerle unberechenbar waren. Sie kicherten nervös. Das ging einige Minuten lang. Dann beugte sich der zweite aus der Gruppe zu einer der Frauen und versuchte, sie zu küssen.

Eine Frau tat so, als würde sie schlafen

Man könnte jetzt die Kriminalstatistik zitieren. Man könnte schreiben, dass es im vergangenen Jahr 1792 Gewaltdelikte in der Londoner U-Bahn gab, die der Polizei gemeldet wurden. Fünf Delikte jeden Tag. Die Wahrheit ist aber auch, dass die U-Bahn so sicher ist wie nie. Wie fast überall im Land geht auch hier die Kriminalitätsrate zurück.

Furchtbar ist nur, wenn die Mehrheit schweigt. Niemand im Wagen rührte sich. Je schreckhafter die Frauen reagierten, desto aufdringlicher wurden die Angreifer. Ich schaute mich ziemlich ratlos um. Einige Passagiere erkannte ich vom Flughafen.

Gegenüber saß ein Italiener, Anfang 30, und las Zeitung. Links neben ihm saß eine Engländerin und neben ihr ein italienisches Paar, das die gesamte Fahrt über gelacht hatte. Jetzt waren sie verstummt. Am Ende des Wagens tat eine blonde Frau, als würde sie schlafen. Neben mir saßen eine Frau und ein britisches Paar. Im Gang standen einige Männer und schauten angestrengt woanders hin.

Ich hatte wahnsinnig Angst, als ich die Typen nach viel zu langem Schweigen bat, sie sollten die beiden Frauen in Ruhe lassen. "Ihr seid viel stärker", sagte ich. "Sie haben Angst vor euch. Habt ihr es wirklich nötig, auf Frauen loszugehen?"

Niemand sagte etwas. Der Wagen hielt. Die Frauen huschten hinaus, der Schweinskopf sah ihnen nach. Dann trat er näher und beugte sich langsam zu mir hinunter, bis seine Nase fast mein Gesicht berührte. "Verzeihen Sie, Sir. Können Sie mir erklären, was das soll? Wir waren hier mit diesen Damen in einer Konversation und Sie haben uns unterbrochen." Sein Atem roch nach Bier und Hackfleisch.

"Ihr seid peinlich"

In fast allen Londoner Bussen, Zügen und U-Bahnen sind Videokameras installiert. Die ganze Stadt ist voll davon. Das hält zwar keinen besoffenen, mit Drogen vollgepumpten Spinner davon ab, auf andere loszugehen. Aber wenigstens kann sich das Opfer die Hoffnung machen, dass der Spinner später erkannt, verfolgt und bestraft wird.

Ich kann mich täuschen - aber so angestrengt ich die Decke des Waggons absuchte, eine Kamera war nicht zu sehen. Der zweite Besoffene kam näher. Es ist eine dieser Situationen, in der man sich im Nachhinein in erschreckender Detailtiefe ausmalt, was man getan hätte, wenn man eine effiziente und extrem schmerzhafte Kampfsportart beherrschen würde.

Stattdessen geschah etwas Unerwartetes. Die schlafende Frau vom Ende des Wagens stand auf, setzte sich auf den freien Platz neben mir und sagte zu den beiden: "Alle in diesem Zug finden es furchtbar, was ihr hier abzieht. Ihr seid peinlich." Der Fettsack lachte dreckig. "Warst du auf ner Uni? Du bist schlau, oder?"

Es ging eine Weile hin und her, bis der Zug an der Endstation ankam. Der Wagen leerte sich, bis ich mit der Frau und den beiden Kerlen alleine war. Sie stellten sich uns in den Weg, hielten uns fest, aber irgendwie konnten wir uns den Griffen entwinden. Wir verloren uns im Gedränge auf dem Bahnsteig.

Erst oben, an der Bushaltestelle traf ich sie wieder. Sie hieß Clare, war Anwältin und stammte aus Wales. Clare wirkte besorgt. Ich müsse das Schlimmste von London denken, sagte sie. Das ganze schien ihr unangenehm zu sein. Sie entschuldigte sich viermal, stieg in den Bus und fuhr davon.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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1. Spinner gibt es immer wieder.
Desconocido 2 28.12.2012
Aber leider geraten die immer wieder an die Falschen Personen. Ich würde denen wünschen in so einer Situation mal an einen Menschen zu geraten der nicht danach aussieht, denen aber physisch locker gewachsen ist. Nur diese Menschen können es sich erlauben denen wirklich paroli zu bieten. An offensichtlich mindestens gleichstarke wagen sich diese Feiglinge ja nicht ran.
2. gute Güte
Gertrud Stamm-Holz 28.12.2012
Zitat von sysopDer Atem des Randalierers roch nach nach Hackfleisch und Bier, fast alle im Waggon blickten angestrengt weg: Wie verhält man sich wirklich in einer U-Bahn, die von Betrunkenen terrorisiert wird? Ein unfreiwilliger Selbstversuch in der Londoner Circle Line.
Wieder so ein wertvolles Werk mit Tiefgang und garantiert völlig ohne Klischees. Das hier kommt mir wieder nur wie ein schlechter Schüleraufsatz vor. Von allem ein bisschen eingestreut, durchgequirlt und ohne sich tatsächlich zu bemühen, voila, fertig ist der Aufsatz. Eine Attacke ist was anderes. Eine gehaltvolle Schreibe auch. Grauslig.
3. .
frubi 28.12.2012
Zitat von sysopDer Atem des Randalierers roch nach nach Hackfleisch und Bier, fast alle im Waggon blickten angestrengt weg: Wie verhält man sich wirklich in einer U-Bahn, die von Betrunkenen terrorisiert wird? Ein unfreiwilliger Selbstversuch in der Londoner Circle Line. Gewalt in Londoner U-Bahn: Übergriff im Waggon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gewalt-in-londoner-u-bahn-uebergriff-im-waggon-a-874922.html)
Sowas kann zu jeder Zeit an jedem Ort in urbanen Regionen vorkommen und oftmals (auch wenn hier die Störenfriede wohl selber von Drogen sprachen) ist der Alkohol der nötige Enthemmer. Ich habe gestern auf einem holländischen TV-Kanal eine Reportage über eine Project X Party in der niederlänischen Gemeinde Haren gesehen. Dort sind auch junge Leute aus allen Himmelsrichtungen nach Haren gekommen, um sich zu besaufen und sich wie Chaoten zu benehmen. Ich lehne mich wohl nicht ganz so weit aus dem Fenster wenn ich behaupte, dass ohne Alkohol viele dieser halben Hemden nicht einmal den Mund aufkriegen würden. Ein Alkoholverbot bringt gar nichts aber es wäre mal schön, wenn in der öffentlichen Diskussion mehr über Alkohol als Ursache für viele Gewaltausbrüche thematisiert werden würde. Die Jungs haben sicherlich noch Koks oder Speed konsumiert und die Mischung zwischen Alkohol und solchen Mitteln macht selbst aus dem schmächtigsten Hänfling eine Gewaltmaschine.
4. Da stimmt was nicht...
LarsLondon 28.12.2012
In der Piccadilly Line. Wo war #3? Egal, selbst wenn ein paar Details hier verlorengegangen sind, ist die Story schlimm genug. Passiert aber wahrscheinlich genau so in so gut wie jeder anderen U-Bahn auf der Welt auch regelmaessig. Allerdings traegt nur der Englaender zur Weihnachtszeit nur ein T-Shirt.
5. Das ist nicht nur...
deSelby 28.12.2012
...ein Londoner Problem, sondern ein allgemeines. Und es ist leider die natürliche Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung seit den 1980ern in der den Menschen eingetrichtert wird, jeder sei sich selbst der nächste, der Wunsch nach mehr sozialer Gerechtigkeit sei nichts als Neid und Gier & Selbstbezogenheit seien Kardinaltugenden auf dem Weg zu gesellschaftlichem und ökonomischem Erfolg. Die geschilderte Teilnahmsloskeit und das egozentrisch-ängstliche St.Florians-Prinzip im Umgang mit erlebter Gewalt und dem Leid Anderer sind der natürliche Endpunkt einer Ideologie in der alles auf unbeschränkte Eigenverantwortung, privatem Gewinnstreben und Denunziation alles sozialen ausgerichtet ist.
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Zum Autor
  • Christoph Scheuermann, SPIEGEL-Korrespondent in London, berichtet aus Großbritannien und dem Rest des Königreichs. Zuvor war er Redakteur im Deutschland-Ressort und hat unter anderem über Islamisten, Banker und das seltsame Verhältnis zwischen Frauen und Männern Anfang 30 geschrieben. Seine Kolumne handelt von den Sitten und Gebräuchen auf Europas größter Insel, der vermutlich unterhaltsamsten Monarchie der Welt.