Gewaltopfer Das Zürnen nach dem Schuss

Vor zweieinhalb Jahren wurden der Schauspieler Günter Lamprecht und seine Freundin von einem Amokläufer angeschossen. Sie kommen nicht darüber hinweg. Sie kämpfen für ihre Vorstellung von Gerechtigkeit ­ aber auf viel Verständnis treffen sie nicht.

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Wohnhaus des Amokläufers Martin P.: Der ganzen Welt den Krieg erklärt
REUTERS

Wohnhaus des Amokläufers Martin P.: Der ganzen Welt den Krieg erklärt

Sie sollen Ruhe geben. Sie sollen es endlich gut sein lassen mit dieser blutigen Geschichte, die war schrecklich, ja sicher, aber irgendwann ist doch Schluss. Schließlich, jetzt reicht's allemal, er soll die Leute in Frieden lassen, auch wenn er ein Schauspieler ist, und ein berühmter noch dazu.

So etwa stand es in den Briefen, die Günter Lamprecht aus Bad Reichenhall bekam. Es sei Zeit zu vergeben, verlangte der Pastor, und ein Mädchen aus dem Ort war der Meinung, er solle sich nicht so blöd anstellen, es sei eben kein "Tatort", was ihm und Frau Amm damals passiert war, sondern Realität.

Echt, ja. Das Blut war echt. Es lief ihr aus der Brust, formte eine Lache unter ihrem Körper; es ist mein Blut, mein eigenes Blut, dachte Claudia Amm.

Lamprecht lag gleich daneben. Er suchte seine Arme, die lagen irgendwie woanders, und während er das dachte, hörte er sich brüllen wie im Staatstheater: "Ihr feigen Schweine! Holt uns hier raus! Meine Frau verblutet! Holt uns raus!"

Von ihr war nicht viel zu hören. Sie wimmerte nur, wie ein Kind. Sie schaute hoch zu diesem Himmel, der sehr blau war; komisch, dachte sie, so ist das also, wenn man stirbt. Anders, als man es sich vorstellt. Es war ­ einfach. Nicht kompliziert. Nur ein Gedanke: Überleben? Werde ich überleben? Ich glaube nicht.

Es war Wirklichkeit, natürlich war es Wirklichkeit, was an jenem 1. November 1999 im oberbayerischen Kurort Bad Reichenhall geschah. "Amoklauf", hieß es, so als ob dieses Wort eine Erklärung dafür wäre, dass ein 16-Jähriger ein Blutbad anrichtet, vier Menschen tötet und sich selbst. Als ob "Amok" ein Naturereignis wäre, wie ein Unwetter, das über die Welt hereinbricht und ertragen werden muss ­ und dann möglichst schnell vergessen.

Immer häufiger gibt es solche jungen Amokläufer, Halbwüchsige wie den 16-Jährigen aus Brannenburg, der seinen Schulleiter erschoss, den 16-Jährigen aus Meißen, der vor der Klasse seine Lehrerin erstach, oder den 14-Jährigen aus der Passauer Gegend, der seiner Cousine mit einer Axt den Schädel spaltete. Es herrscht dann immer großes Interesse, großes Entsetzen, und nach ein paar Wochen ist es vorbei.

Aber in Bad Reichenhall ist es nicht vorbei, immer noch nicht, das liegt an Günter Lamprecht und Claudia Amm. Sie finden nicht, dass sie einfach froh sein sollen, überlebt zu haben, und damit gut. Jemand muss schuld sein, denken sie. Sie kämpfen gegen öffentliche Meinungen und gegen Behörden, sie klagen sich von Instanz zu Instanz und treiben die Sache bis vors Bundesverfassungsgericht. Was sind sie, zwei Verletzte, die sich in ihrem Schmerz verrennen? Zwei Hartnäckige, die Recht haben in ihrer Verbissenheit, mit der sie wissen wollen: Wie kommt es, dass diese Gesellschaft junge Mörder produziert?

Lamprecht, Amm (1996): Nachts im Traum wird er noch oft erschossen
AP

Lamprecht, Amm (1996): Nachts im Traum wird er noch oft erschossen

Lamprecht, das ist der Franz Biberkopf aus Fassbinders "Berlin Alexanderplatz". Das ist der raue Berliner, der so oft zerrissene Figuren verkörpert hat, Proletarier, Menschen im Abseits. Das ist der "Tatort"-Kommissar Markowitz, den er selbst erfunden hat und den er als Grübler spielte, ohne Pistole, mit viel Trauer und Wissen um den Lauf der Welt. 72 ist er heute und seit 20 Jahren mit Claudia Amm zusammen, die Mitte 50 ist und keine Fernsehberühmtheit, sondern mehr im Theater zu Hause; sie hat am Stuttgarter Staatstheater, am Hamburger Schauspielhaus, am Schauspielhaus Bochum gespielt. Tänzerin wollte sie früher werden und war immer gewohnt, "einen Körper zu haben, der sehr gut funktioniert". Bis zum 1. November 1999 jedenfalls.

Man sitzt mit Günter Lamprecht und Claudia Amm in ihrer Wohnung, hell und geräumig in einem Landhaus zwischen Köln und Bonn; man hat sie auf der Bühne erlebt und gedacht, wirkt doch normal, das alles, unbeschwert und professionell. Aber dann sitzen sie da über ihrem Kaffee und ihren Akten, und nichts ist normal. Sein Ärger nicht, wenn er manche Sätze spricht. Und nicht das Schwanken in ihrer Stimme bei bestimmten Wörtern; nein, das ist nicht normal.

Lamprecht hat eine Metallplatte im rechten Oberarm, jedes Mal piept es, wenn er im Flughafen durch den Detektor muss. Die linke Hand zuckt oft spastisch und schmerzhaft und ist dann zu nichts zu gebrauchen. Da drückt Narbengewebe auf den Nerv.

Bei ihr ist es die rechte Hand, die streikt. Sie übt, und sie hat sich daran gewöhnt, viel mit links zu kompensieren, auf der Bühne auch; und manchmal wickelt sie eine Binde um die kranke Hand und bringt das ein als Teil der Rolle, die sie spielt. Sie weint mehr als früher. Neulich, bei der Kosmetikerin, als dieses helle Licht von oben fiel, wie damals der helle Himmel, da lag sie plötzlich nicht mehr im Salon, sondern auf der Straße, unter sich das Blut.

Bei ihm sind es mehr die Träume. Nachts im Schlaf wird er oft erschossen, so ein-, zweimal die Woche kommt das vor.

Die Bilder vom Bluttag: Sie sind jederzeit abrufbar, sehr scharf, sehr nah. Ein später Herbsttag, strahlend blau. Lamprecht und Amm sind auf Theatertournee, "Vaterliebe" heißt das Stück, am Abend zuvor haben sie in Bad Reichenhall gespielt. Lamprecht hat Knieprobleme, er ist um 12 Uhr ins Krankenhaus bestellt.

Es ist 12.03 Uhr. Der schwarze Mercedes mit Lamprecht und Amm und dem Produktionsassistenten Dieter Duhme am Steuer fährt am Krankenhaus vor, eine ruhige Straße, Mehrfamilienhäuser mit Garten; es ist sehr still, denkt Lamprecht und wuchtet sich aus dem Auto. Der Schmerz kommt scharf und völlig unerwartet, etwas beißt in seinem Arm, er dreht sich um die eigene Achse und fällt. Hinten reißt Claudia die Tür auf, ihm zu helfen, sie schreit, sie ist getroffen, er wirft sich auf sie. Sie kriechen in Deckung, und während sie kriechen, schießt es weiter, auf die Hände des Fahrers, auf Lamprechts Arme, auf Claudia, ein Bauchschuss, sie rührt sich nicht mehr.

Polizei? Da ist Polizei. Ein Polizist hockt in der Nähe von Lamprecht, fragt: "Sie müssen die doch kennen. Warum schießen die denn sonst auf Sie?" Wut. Weiß glühende, fürchterliche Wut bei Lamprecht, auf diesen Uniformierten in schusssicherer Weste und auf den anderen, der aus der Deckung ruft: "Kriechen Sie zu mir!" Wie sollen sie kriechen? Claudia, die nur noch wimmert, in ihrem Blut?

Ein Sanitätswagen. Wird hergeschoben, im Schutz davon ein Sanitäter, Rudi Lorenz heißt er, aber das wird man erst später wissen, der nimmt sich zuerst Claudia Amm vor, Ersatzblut, Sauerstoff, Schmerzmittel.

Tatort Bad Reichenhall: Jetzt reicht's allemal
DPA

Tatort Bad Reichenhall: Jetzt reicht's allemal

Sie liegt da und schaut in den Himmel. Sehr wach. Schaut runter. Seltsam, denkt sie. Da liegt ein Walkie-Talkie im Blut. In ihrem Blut. Es quäkt. "Sofort raus aus der Gefahrenzone", quäkt es. "Am Arsch leckt's mi", sagt der Sani und macht weiter. Es schießt nicht mehr. Schießt schon länger nicht mehr. Der Retter flucht jetzt, soll doch jemand die Leute holen, aber dalli, sonst ist es für die Frau zu spät. Endlich: zwei Mann mit einer Trage.

Um 13.01 Uhr registriert das Krankenhaus Bad Reichenhall die Aufnahme der Patientin Claudia Amm. Eine halbe Stunde später liegt Günter Lamprecht im Salzburger Unfallkrankenhaus auf dem OP-Tisch. Er ist schwer verletzt, aber man weiß, er wird nicht sterben. Bei ihr dauert es noch Tage, bis die Ärzte sagen: Sie schafft's.

Sie hatten sich ja nicht in Gefahr begeben. Sie waren ins Krankenhaus gefahren, am helllichten Tag. Sie reden viel darüber, sie sind zu zweit, das doppelt das Leiden, ist aber auch ein Vorteil, denn keiner sagt dem anderen: Jetzt hab dich nicht so.



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