Aufrichtung der Costa Concordia Der große Dreh beginnt

Die Insel Giglio ist im Ausnahmezustand: Vor der italienischen Insel hat das spektakuläre Parbuckling-Manöver zum Aufrichten der "Costa Concordia" begonnen. Schlechtes Wetter hatte den Beginn der Bergungsaktion verzögert, sie dürfte den ganzen Tag dauern.

Aus Giglio berichtet 


Giglio - "Wird Zeit, dass die alte Dame endlich aufsteht", sagt Giuseppe aus Sizilien und verzieht den Mund unter seinem mächtigen Schnauzer zu einem schiefen Lächeln. "Nicht schön, wie sie daliegt", murmelt er und stützt sich auf der Reling seines Schleppers ab. Sie - das ist die seit 20 Monaten auf der Seite liegende "Costa Concordia", die im Januar 2012 vor der Insel Giglio teilweise sank und 32 Menschen in den Tod riss.

Inzwischen ist sie so eins geworden mit dem Felsen, auf dem sie zum Liegen kam, dass man das Gefühl hat, sie klammere sich daran fest. Doch damit soll es nun vorbei sein. Mehr als 500 von der Reederei Costa Crociere engagierte Experten wollen der Signora heute auf die Beine helfen.

Die Wetterbedingungen werden von allen aufmerksam beobachtet - zu viel Wind, zu hoher Wellengang würden das Aus bedeuten für die Operation. Bereits am Sonntagmittag geschah etwas Merkwürdiges: Gleich drei Tornados zogen über Giglio hinweg, perfekt in Form und Farbe, aber eine potentielle Gefahr für das Projekt. In der Nacht dann brach ein heftiges Gewitter los, mit krachendem Donner und Blitzen, heller als die Scheinwerfer, die das Wrack beleuchteten.

Verschiebung um zwei Stunden

Am Montagvormittag begann die Aufrichtung des Schiffes. Der eigentlich für den frühen Morgen geplante Beginn hatte von Projektleiter Franco Porcellacchia verschoben werden müssen. Durch das Gewitter hatten sich die Vorarbeiten am Wrack verzögert.

Nun haben in 30 Metern Tiefe auf Stahlplattformen installierte Hydraulikzylinder begonnen, an Dutzenden Stahlseilen zu ziehen. Diese sind mit dem Rumpf des Schiffes verbunden.

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Bergung der "Costa Concordia": Kolossale Aufgabe
"Es ist immens wichtig, dass die Techniker - auch wenn einige der Stahltrossen reißen - weiter ziehen", sagt Andreas Rosponi, Geschäftsführer des Hamburger Ingenieurbüros Overdick, der seit der Havarie für das US-Bergungsunternehmen Titan Salvage arbeitet. "Der Prozess darf auf keinen Fall unterbrochen werden, dann war es das." (Mehrere Live-Webcams aus dem Hafen von Giglio finden Sie hier)

Steuerbordseite schwer beschädigt

Rosponi wirkt angesichts der Alles-oder-nichts-Situation entspannt, lächelt unter dem Schirm seines olivfarbenen Baseballcaps und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. "Der schwierigste Moment ist, wenn das Schiff auf die 16.000 Tonnen schweren Zementmörtelsäcke gleitet, die auf dem Felsen liegen", sagt er. Dann entscheidet sich, ob der Rumpf dem Druck standhält oder bricht. Die Steuerbordseite, auf der die Concordia liegt, ist schwer beschädigt, da sind sich alle sicher. "Keiner weiß, wie groß die Zerstörung ist, weil die Taucher bis dorthin nicht vordringen konnten", sagt Rosponi.

Zwei bis fünf Grad in der Stunde soll die Costa Concordia aufgerichtet werden - der gesamte Prozess könnte zehn bis zwölf Stunden dauern. Sollte das Schiff ins Meer zurückfallen, wird den Berechnungen der Ingenieure zufolge eine Welle von etwa einem halben Meter Höhe entstehen. Niemand müsse Angst haben vor einem Tsunami. Dennoch gibt es einen Evakuierungsplan, tummeln sich neben Hunderten Journalisten unzählige Polizisten und Zivilschutzbeamte auf der Insel. "Es wird keinen Notfall geben", betont ein Feuerwehrmann mit lässig herabhängendem Hosenträgern. "Für uns ist das ein Routineeinsatz."

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Costa Concordia: Warten auf den großen Dreh
Für die Hinterbliebenen von Russell Terence Rebello und Maria Grazia Trecarichi ist am heutigen Tag gar nichts Routine. Es besteht die Möglichkeit, dass die sterblichen Überreste der beiden letzten Vermissten des Unglücksschiffs gefunden werden. Sie könnten von einem der 120 Taucher entdeckt werden, die für die Reederei arbeiten. Experten wie John, der seinen richtigen Namen nicht sagen möchte, weil er vertraglich zugesichert hat, sich nicht zu der Operation zu äußern. Ein kerniger, weltgewandter Typ, der seinen Job über alles liebt und dem es nichts ausmacht, über sich ein 45.000 Tonnen schweres Wrack zu spüren. "Ich wäre froh, wenn wir etwas finden, wenn die Verwandten von den Toten Abschied nehmen könnten."

Bittersüßer Duft von Meer und Muscheln

Giglio wappne sich für den D-Day, war in den Schlagzeilen zu lesen. Dabei geht es eher wie bei einem Volksfest zu: Die Bars und Restaurants an der Hafenpromenade waren am Abend bis auf den letzten Platz gefüllt, es wurde geplaudert und gelacht, über allem der bittersüße Duft von Meer und Muscheln. Nur ab und zu sah man ein angespanntes oder konzentriertes Gesicht, jemanden, der Pläne machte oder Abmachungen traf für den lange erwarteten Moment.

Die Methode Parbuckling ist oft angewandt worden, jedoch nie bei einem 290 Meter langen und 35 Meter breiten Schiff. Es ist eine knifflige, nie dagewesene Operation, die die Reederei Costa Crociere in Auftrag gegeben hat. 600 Millionen Euro soll sie bisher verschlungen haben - und egal, wie der Versuch ausgeht: Das Ganze wird noch um einiges teurer.

Nähert man sich Giglio mit der Fähre, dann ist das vor sich hinrostende Schiff eine Wunde in der Landschaft, ein Keil im lieblichen Panorama der Insel. Ein Anblick, den die Insulaner satthaben. Und ein Corpus Delicti, die bittere Erinnerung an den inkompetenten Kapitän Francesco Schettino, der das Schiff auf den Felsen Le Scole steuerte und dann auch noch die Passagiere im Stich ließ. Die Reederei will das Mahnmal buchstäblich aus dem Licht der Öffentlichkeit ziehen - in den nächstgelegenen Hafen, wo es verschrottet werden soll.

Geschätzte 80.000 Kubikmeter Wasser werden bei der Aktion aus dem Wrack entweichen. Besondere Sorge bereiten Umweltexperten die darin enthaltenen Schwermetalle, aber auch organische Substanzen und Öl, das nicht komplett abgepumpt werden konnte. Die regionale Umweltschutzbehörde der Toskana, Arpat, hat rund um das Wrack ein Netz aus Filtern installiert, das verhindern soll, dass Schadstoffe zu dicht an die Küste gelangen. Im Inneren der "Bestie", wie das Schiff von genervten Insulanern genannt wird, befinden sich noch immer Kühlschränke, die in jeder Kabine installiert waren, außerdem 1500 Fernseher und Plasmabildschirme.

Im Moment jedoch sorgen sich die Gigliesi weniger um Sachschäden und Umweltfragen. "Wir sind sehr angespannt, wir hoffen, dass niemand verletzt wird und alle heil da rauskommen", sagt Rosalba Muti, die ihr ganzes Leben auf der Insel verbracht hat. "Wenn es schiefgeht, bin ich verantwortlich", hat Franco Gabrielli, Regierungskommissar für die Folgen der Havarie der Concordia, noch kurz vor Beginn der Operation erklärt. Seine Zukunft hängt derzeit nicht am seidenen Faden, wohl aber an ein paar Dutzend Stahlseilen.

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Kauzboi 16.09.2013
1. Fehler
---Zitat--- das ist die seit 20 Monaten auf der Seite liegende "Costa Concordia", die im Januar 2013 vor der Insel Giglio teilweise sank und 32 Menschen in den Tod riss. ---Zitatende--- Das Schiff ist 2012 gekentert.
mrgould 16.09.2013
2.
Der Link zu "mehreren Live-Webcams" führt zu einem Error 503. Abgesehen davon bietet Reuters einen super Live Stream an. Warum steht das nicht im Artikel? Die Bilder sind von Reuters, der Artikel auch? Also? Raising the Costa Concordia | Reuters.com (http://live.reuters.com/Event/Raising_the_Costa_Concordia)
susiwolf 16.09.2013
3. Die Zangenstarre ...
"Sollte das Schiff ins Meer zurückfallen" ... Oje, 'Fallsucht' angesagt ? Rutschen, krachen, (zer-)brechen ... was da nicht alles beschrieben werden könnte. Die 'Zangen'-technik ist jedenfalls insofern ausgereizt, als das nicht mehr getan werden kann. Schon bei Manövern von 'normalen' Schiffen somit auch Container-, 'breakbulb'- und/oder 'bulkcarrier'-Schiffen in dieser Grössenordnung und in normalen Gewässern werden meistens bis zu 6 Schleppschiffe geordert und 'angeleint' oder 'sie drücken' längsseits in eben diese Starre ... Besonders bei Schleusendurchfahrten, tidenabhängigen Unterwasserströmungen nehmen diese Schleppschiffe 'den grossen Pott' in die Zange, dass er fast bewegungslos ist. Das Prinzip 'Zange' und 'Hoffnung' bei diesem 'Wahnsinns-Aufrichtungs- oder Bergungskaliber" in Giglio hat selbstverständlich ganz andere Ausmasse und erreicht schon die Grenzen der Bergungskunst: Alle Achtung ... !
susiwolf 16.09.2013
4. Bewegende Bilder ?
Zitat von mrgouldDer Link zu "mehreren Live-Webcams" führt zu einem Error 503. Abgesehen davon bietet Reuters einen super Live Stream an. Warum steht das nicht im Artikel? Die Bilder sind von Reuters, der Artikel auch? Also? Raising the Costa Concordia | Reuters.com (http://live.reuters.com/Event/Raising_the_Costa_Concordia)
Danke für den Hinweis: Selbst die 'viel gescholtene BILD' bringt Bewegung in die Bildertechnik ;-) Nur der Touristendampfer ist stur: Noch keine Bewegung sichtbar ... (oder ist's die Kameraführung ?)
leo_stern 16.09.2013
5. Wo ist der Fehler?
Zitat von KauzboiDas Schiff ist 2012 gekentert.
Januar 2012 bis September 2013 sind 20 Monate. Wo ist der Fehler?
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