Wachkomapatient 60.000 Euro für ein Leben

Kevin Schwandt wurde auf dem Stadtfest in Gladbeck mit einem Schlag ins Wachkoma geprügelt. Seither liegt der 22-Jährige schwerstbehindert in einem Pflegeheim. Seine Familie kämpft für einen fairen Prozess und Schmerzensgeld. Aber wie viel ist ein Leben wert?

Von , Gladbeck


Ein einziger Faustschlag schießt Kevin Schwandt aus dem Leben. Das Nasenbein bricht, Kevin sackt nach hinten, schleudert mit dem Kopf gegen ein parkendes Auto, er stürzt zu Boden, der Kopf knallt auf den Bordstein. Zwei Sekunden - und Kevin ist ein anderer Mensch.

Lebenszentrum Königsborn, ein Pflegeheim in Unna. Gekrümmt, die Hand- und Fußgelenke verdreht, liegt Kevin auf der Seite, sein Blick ist starr, die Wimpern tränennass. Seine Mutter küsst ihn, streichelt seinen Arm, spricht behutsam auf ihn ein. Kevin reagiert nicht.

Sein Großhirn wurde durch den Schlag schwerstgeschädigt, während Funktionen von Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark erhalten blieben. So wirkt Kevin wach, obwohl er im Koma liegt. Seine Mimik ist leer. Manchmal verzerren sich die Gesichtszüge, als empfände er unerträglichen Schmerz.

Seit einem Jahr wacht Cornelia Schwandt am Bett ihres Sohnes, jeden Tag fährt sie die 128 Kilometer hin und zurück. Sie sieht sein Leid und das derer, die an sein Krankenbett kommen - ihren Ehemann, ihren zweiten Sohn, Kevins Großmutter, seine Ex-Freundin, sein bester Freund, der aus seiner Wohnung auszog, weil er dort so viel Zeit mit Kevin verbracht und es nicht mehr ausgehalten hatte.

Cornelia Schwandt verdrängt den Anblick, der für eine Mutter unerträglich sein muss, mit Aktionismus. "Ich fummel ständig an ihm rum, fasse ihn an, massiere ihn", sagt die 50-Jährige, "das tut mir gut, dann fühl ich mich nicht so unnütz". Sie ist eine patente Frau mit Turnschuhen und Ruhrpott-Manier. Ihre wasserstoffblonden Haare trägt sie wie Farah Fawcett in "Drei Engel für Charlie", wenn sie spricht, wippt die Mähne um ihr Gesicht. Ihren Job in einer Boutique hat sie gekündigt.

"Ich bin's, die Mama", begrüßt Cornelia Schwandt ihren Sohn, nennt den Wochentag und das Datum. "Du liegst in Unna, wir helfen dir, du brauchst keine Angst haben, wir lassen dich nicht alleine." Wenn sie geht, schaltet sie manchmal den Fernseher an, sucht ein Fußballspiel.

Lange Zeit hat sie geglaubt, Kevin würde eines Tages aufwachen, sie mit den blauen Augen, die sie ihm vererbt hat, anschauen und fragen: "Was ist los?" Heute hofft sie wenigstens auf eine Reaktion, wenn sie ihn berührt, mit ihm redet. Ein Blinzeln, ein Zucken. Die Enttäuschung ist groß, wenn nichts kommt.

Dann fährt sie heim in das Haus am Rande Gladbecks. Die Tür ist Schalke-Blau gestrichen, an einem Mast im Garten flattert eine Schalke-Fahne im sommerlichen Wind. Kevin wohnte noch bei seinen Eltern. Er hatte Industriemechaniker gelernt. "Da bleibste immer Keule", dachte er und wollte auf die Technikerschule.

Mehrfach musste Kevin im vergangenen Jahr operiert werden. Beide Seiten der Schädeldecke wurden abgenommen, ein Steg blieb zurück. Nur so können die Schwellungen abklingen, Hirnwasser kann abfließen.

"Mein Kevin lebt nicht mehr"

Dennis Schwandt ist Kevins älterer Bruder. Viermal in der Woche fährt er nach Unna, manchmal öfter. Am Anfang hätte er am liebsten 24 Stunden am Tag an dessen Bett gesessen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Überwindung kosten ihn die Besuche bei Kevin. Er kämpft gegen sein schlechtes Gewissen. Dennis Schwandt hat vor eineinhalb Jahren sein Studium beendet, geheiratet, Kevin sollte Trauzeuge sein. Dennis ist 28 Jahre alt, er will sein Leben planen - ein Leben, das seinem Bruder verwehrt bleibt.

Das Leid dringt ein in den Alltag. Kürzlich wollte Cornelia Schwandt ein Paket für Kevin auf der Post abholen. "Wie alt ist Ihr Sohn denn?", fragte die Frau am Schalter. "22", antwortete Cornelia Schwandt. "Dann brauche ich aber eine Vollmacht!" Cornelia Schwandt hätte am liebsten laut geschrien, dass ihr Sohn keine Vollmacht ausstellen kann, dass er im Wachkoma liegt, dass sie seine gesetzliche Betreuerin ist, dass sie niemandem wünscht, an ihrer Stelle zu sein. Stattdessen zog sie ihren Betreuerausweis aus der Handtasche.

An Kevins Geburtstag standen sie um sein Bett, Cornelia Schwandt hatte einen Kuchen gebacken, Freunde drehten ein Video. Sie wissen nicht, ob Kevin sie überhaupt wahrgenommen hat, ob er sie hören kann. "Mein Kevin, wie ich ihn kenne, lebt nicht mehr", sagt Cornelia Schwandt. Sie sagt es ohne Tränen, mit fester Stimme, voller Schmerz.

Sie kann sich an jeden Moment des 7. Mai vergangenen Jahres erinnern. Kevin ist mit seinem besten Freund Marcel auf Schalke, Niederlage gegen Mainz 05. In Gladbeck ist Stadtfest. Die jungen Männer feiern, trinken Bier. Kevins Eltern sitzen in einer Eisdiele, winken ihnen zu. "Es war ein so lustiger Abend", sagt Cornelia Schwandt. Als sie und ihr Ehemann längst im Bett liegen, treibt sich Kevin mit seinen Freunden auf dem Festplatz herum. Es ist nach Mitternacht, 8. Mai.

Kevin läuft hinter das Rathaus zu einem Parkplatz, einem beliebten Treffpunkt für Jugendliche. Er uriniert in ein Gebüsch, läuft zurück. Ein junger Mann äußert seinen Unmut über Kevins Austritt. Es kommt zu einer Rangelei zwischen ihm und einem Brüderpaar, man schubst sich gegenseitig, provoziert sich verbal. Der eine nimmt Kevin, 1,92 Meter groß, in den Schwitzkasten. Die Lage beruhigt sich.

Da geht Erdinc K. - ein völlig Unbeteiligter - auf Kevin zu und verpasst ihm jenen Faustschlag.

Kevins Eltern eilen ins Marienhospital in Bottrop. Nach einem CT wird die Kopfverletzung als chirurgisch nicht zu versorgender Schädelbruch diagnostiziert. Die Ärzte beruhigen die Eltern, eine Platzwunde, nichts Wildes, Kevin müsse nur seinen Rausch ausschlafen.

Kevins Zustand verschlechtert sich rapide, er kommt ins Klinikum Duisburg, fällt ins Wachkoma. "Ich habe jetzt einen anderen Sohn, einen schwerstbehinderten", sagt Cornelia Schwandt.

Der Staatsanwalt spricht von einem "Unlucky Punch"

Erdinc K., 18 Jahre alt, kein Eintrag im Strafregister, kleiner und schmächtiger als Kevin, sagte im Prozess, er wisse nicht, warum er das getan habe. Auch alle Zeugenbefragungen bestätigen: Es gab keinen Grund, warum Erdinc K. auf Kevin losging. Erdinc K. sagt, er habe zu viel Alkohol getrunken. Da er erst Tage nach der Tat festgenommen wurde, können das nur seine Kumpel bestätigen. Erdinc K. hat keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, er jobbte zuletzt in einem 400-Euro-Job.

Der Staatsanwalt spricht von einer "Verkettung unglücklicher Vorfälle", die nicht vorhersehbar gewesen seien - und von einem "Unlucky Punch". Das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Gladbeck verurteilt Erdinc K. zu einem Jahr Jugendstrafe auf Bewährung - wegen schwerer Körperverletzung.

Die Anklage hätte auf versuchten Totschlag lauten müssen, sagt Burkhard Benecken, Rechtsanwalt der Familie aus Marl. Er hat Berufung eingelegt und fordert, dass der Fall noch einmal vor einem Schwurgericht verhandelt wird. Denn: Erdinc K. habe von den möglicherweise tödlichen Folgen gewusst, die sein Faustschlag auslösen kann, sagt Benecken.

Zwölf Stunden vor Beginn des Prozesses soll Erdinc K. das Gewaltvideo "Bouncers in Russia" auf seine Facebook-Seite gestellt haben, in dem der sogenannte "tödliche Schlag" vorgeführt wird. Der Sieben-Minuten-Film ist eine regelrechte Anleitung, wie man einen Menschen mit einem einzigen Schlag töten kann.

"Wer sich auch nach einer Tatbegehung geradezu feiert und Gewaltvideos veröffentlicht, zeigt, dass er mit dem tödlichen Ausgang seines eigenen Tuns gerechnet hat", konstatiert Benecken. Noch hat das Landgericht Essen nicht entschieden, ob es ein neues Verfahren zulassen wird.

Parallel läuft ein weiteres Verfahren: Die Zivilkammer prüft mit Hilfe von Sachverständigen, wie schwer Kevins Verletzungen sind und wie viel Schmerzensgeld ihm zusteht. Welchen Wert hat ein Menschenleben, auch wenn es nicht in Geld aufgewogen werden kann?

Kevin lag in verschiedenen Kliniken auf Intensivstation, in der Reha-Abteilung, jetzt im Pflegeheim. "Bereits nach einem Jahr betragen die Behandlungskosten für Kevin mehrere hunderttausend Euro", sagt Jens Kuschel von der AOK Nordwest.

Bislang wurde im Fall Schwandt im Prozesskostenhilfeverfahren eine Größenordnung von 60.000 Euro angenommen - den Maßstäben der deutschen Rechtsprechung entsprechend, dem Ausmaß und der Tragik des Falls wird diese Summe nicht gerecht. Kevins Hirnverletzungen sind irreversibel, selbst wenn er jemals wieder das Bewusstsein erlangen würde, müsste er mit schwersten Behinderungen leben.

Kevins Schicksal hat in Gladbeck große Anteilnahme ausgelöst, es gab Benefizveranstaltungen, Geldspenden. Cornelia Schwandt fällt es schwer, Geld von Fremden anzunehmen. So, wie es ihr jedes Mal schwerfällt, sich von Kevin zu verabschieden. "Ich weiß zwar nicht, wie", sagt sie dann zu ihm, "aber wir kriegen das wieder hin." Kevin reagiert nicht.

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