Glimpfliche Silvesterfeiern Brände, Pannen und Randale

Von weit gehend glimpflich verlaufenen Silvesterfeiern ist in den Polizeiberichten der Bundesländer die Rede. Allerdings kamen mehrere Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, allein neun in Baden-Württemberg. Ansonsten verursachten Böller in Deutschland eine Reihe kleinerer und mittlerer Katastrophen - vor allem in Berlin.


Nicht nur friedlich verlaufen - Silvester in der Bundesrepublik
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Nicht nur friedlich verlaufen - Silvester in der Bundesrepublik

Fast eine Millionen Menschen feierten friedlich in Berlin rund ums Brandenburger Tor. Durch intensive Taschenkontrollen war die Mitnahme von Raketen weitgehend unterbunden worden. Dennoch endete für 62 Menschen die große Silvesterparty am Brandenburger Tor im Krankenhaus. Zudem leisteten Sanitäter 387 Mal Erste Hilfe.

Die Verletzungen stammten meist von zerbrochenem Glas, aber auch vereinzelten Knallkörpern. Zudem mussten alkoholbedingte Kreislaufprobleme behandelt werden.

40 Prozent mehr Brände

Im übrigen Stadtgebiet begann das Jahr 2003 für die Berliner Feuerwehr mit einem Dauereinsatz: Rund 40 Prozent mehr Brände als im Jahr zuvor, mehr als neun Stunden Ausnahmezustand und rund 3000 Notrufe in der Leitstelle prägten die Silvesternacht für die rund 1500 Helfer. Unmittelbar nach Mitternacht habe die Zahl der Einsätze schlagartig zugenommen, sagte ein Feuerwehrsprecher am Mittwoch.

Tödlich verlief ein Wohnungsbrand im Stadtteil Buckow. Eine ältere Frau starb im sechsten Obergeschoss eines Hochhauses. Hier war der Brand vermutlich durch einen implodierten Fernseher ausgelöst worden. In Neukölln fiel um 1.20 Uhr ein Mann aus Thüringen vom Balkon einer Wohnung im dritten Obergeschoss und starb später im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. In der Brunnenstraße in Mitte wurde einer 21-Jährigen in den linken Oberschenkel geschossen, als sie kurz nach Mitternacht auf der Straße das Feuerwerk beobachtete.

Einer der schlimmsten Unfälle mit Silvesterraketen ereignete sich um 0.39 Uhr in der Frobenstraße in Schöneberg. Auf dem Boden liegende Feuerwerkskörper explodierten, neun Menschen mussten ärztlich behandelt werden, davon zwei Kinder. In Steglitz wurde einem 17-Jährigen gegen 0.10 Uhr mit einer Silvesterrakete gegen die Brust geschossen. Seine Kleidung fing Feuer, er erlitt schwere Verletzungen. Im Bezirk Zehlendorf verlor ein 41-Jähriger zwei seiner Finger, als er auf dem Balkon Feuerwerkskörper zündete.

Drei Finger verloren

Ebenfalls mit dem Verlust von Fingern hat ein Mann in der Silvesternacht in Mittelfranken seine Unvorsichtigkeit beim Feuerwerk bezahlt. Der 26-Jährige hatte bei einer Feier in Polsingen nahe Treuchtlingen Feuerwerkskörper abgeschossen. Dabei explodierte ein Knaller in seiner linken Hand. Der Mann erlitt erhebliche Verletzungen an drei Fingern, die bei einer Notoperation teilamputiert werden musste, berichtete die Polizei.

Im Qualm überfahren

Das Zünden eines Feuerwerkskörpers auf einer Straße in Plauen (Vogtlandkreis) ist in der Neujahrsnacht einem Mann zum Verhängnis geworden. Wie die Polizei in Plauen mitteilte, wurde der 35-Jährige kurz nach Mitternacht von einem Auto erfasst, als er in der Rauchwolke der Silvesterrakete stand. Dadurch hatte ihn der 19-jährige Autofahrer nicht gesehen. Der Feiernde erlitt schwere Verletzungen und kam in die Intensivstation der Vogtlandklinik.

Gasalarm durch Böllerrauch

Abgebrannte Böller haben in einer Wohnanlage Lindenberg (Landkreis Westallgäu) in der Silvesternacht einen Gasalarm ausgelöst. Rund ein Dutzend Bewohner habe über Schwindel, Atembeschwerden und Kratzen im Hals geklagt, berichtete die Polizei. Die Feuerwehr konnte jedoch mit Gasdetektoren die Herkunft des Gases nicht ermitteln. Vermutlich hätten sich durch das Abbrennen von Böllern Dämpfe im Treppenhaus angereichert, hieß es. Die Hausbewohner wurden angehalten, ordentlich zu lüften.

Vorsätzliches Böller-Attentat?

In Darmstadt wurde ein 22 Jahre alter Mann aus Pakistan von einem Feuerwerkskörper schwer verletzt. Ein Böller explodierte direkt vor seinem Gesicht und verletzte die Netzhaut seiner Augen. Der Mann und seine beiden Freunde berichteten, Unbekannte hätten Feuerwerkskörper direkt auf sie geworfen. Nach der Attacke seien sie auch noch mit einem Messer bedroht worden. Der verletzte Mann musste in eine Augenklinik gebracht werden. Welche Schäden er davonträgt, ist nach Angaben der Polizei noch unklar.

Fondue mit Folgen

In Wiesbaden entzündete sich nach Angaben der Polizei ein unbeaufsichtigter Fondue-Topf und setzte eine Wohnung in Brand. Die Bewohner gelangten selbstständig ins Freie, die Nachbarn kamen wegen der Rauchentwicklung nur mit Hilfe der Feuerwehr durchs Treppenhaus. In der Brandwohnung blieben eine weiße Maus und zwei Vögel zurück, die in den Flammen starben. Ein Kaninchen konnten die Feuerwehrleute retten. Die Wohnung ist nicht mehr zu bewohnen, die Familie kam bei Nachbarn unter. Bei einer Explosion in einem Mehrfamilienhaus sind in der Nacht zum Dienstag in Langen (Kreis Offenbach) zwölf Menschen leicht verletzt worden. Als Ursache nannte die Polizei in Offenbach eine Verpuffung. Die ursprüngliche Annahme, es habe sich um eine Gasexplosion gehandelt, habe nicht zugetroffen: In dem Haus gebe es keine Gasleitungen. Stattdessen hätten sich im Keller des Hauses unbekannte, dort gelagerte Materialien entzündet. Die Verpuffung habe den Brand ausgelöst. In dessen Verlauf wurde auch das Nachbarhaus in Mitleidenschaft gezogen. Die zwölf Verletzten bis zu 69 Jahren seien am Dienstagmorgen alle wieder aus der ärztlichen Behandlung entlassen worden. Sie konnten aber nicht in ihre Häuser zurück, sondern wurden nach Angaben der Polizei vorübergehend in einer Sporthalle untergebracht. Wie viele Menschen insgesamt ausquartiert wurden, konnte die Polizei nicht sagen.

Diverse Brände

Im Frankfurter Norden setzte kurz nach Mitternacht ein Feuerwerkskörper den Dachstuhl eines vierstöckigen Hauses in Brand. Die Feuerwehr konnte zwei gehbehinderte Bewohner in Sicherheit bringen und verhindern, das das Feuer sich auf Nachbargebäude ausdehnte. Ein Feuerwehrmann wurde leicht verletzt und musste im Krankenhaus behandelt werden. Aus Sicherheitsgründen musste während der Löscharbeiten die Oberleitung der Straßenbahn abgestellt werden, der Verkehr auf dieser Linie wurde eingestellt. Der Schaden beträgt rund 50.000 Euro.

Unvorsichtig abgeschossene Feuerwerksraketen waren in der Silvesternacht auch in Bayern vermutlich die Ursache von zwei Bränden mit hohem Sachschaden. Insgesamt wurden bei Bränden im Freistaat seit Dienstag mindestens zehn Menschen verletzt.

Ein Feuerwerkskörper hat vermutlich zu einem Wohnhausbrand in Regensburg mit Sachschaden von rund 300.000 Euro geführt. Ein Hausbewohner und zwei Feuerwehrmänner erlitten leichte Rauchvergiftungen. Die Rakete war laut Polizei in einen Holzbalkon geflogen, der in Brand geriet. Da die Flammen auf Nachbarhäuser überzugreifen drohten, mussten 30 Menschen ihre Wohnungen vorübergehend verlassen.

Bei einem möglicherweise durch eine Silvesterrakete ausgelösten Wohnhausbrand in Wolnzach (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm) wurden in der Silvesternacht zwei Menschen verletzt. Der Schaden beläuft sich nach Polizeiangaben auf mindestens 200.000 Euro. Das Feuer brach am Dachstuhl des Hauses aus und erfasste binnen kürzester Zeit das Obergeschoss. Ein 43-jähriger Mann und seine 46 Jahre alte Frau erlitten Rauchvergiftungen, als sie ihre Katzen aus der Wohnung in Sicherheit brachten.

Randale in Leipzig

Nach Auseinandersetzungen mit der Polizei sind in Leipzig in der Neujahrsnacht sieben Menschen vorläufig festgenommen worden. Ein Polizist wurde durch Steinwürfe verletzt, teilte Polizeisprecherin Birgit Höhn mit. Am Connewitzer Kreuz im Süden der Stadt hatten sich nach Mitternacht 800 Menschen überwiegend aus dem linken Spektrum versammelt. Rund 300 davon seien gewaltbereit gewesen.

Aus der zum großen Teil alkoholisierten Menschenmenge wurden Silvesterraketen auf die Polizisten abgefeuert und mit Steinen geworfen. Einsatzfahrzeuge wurden beschädigt. Außerdem gingen Schaufensterscheiben der umliegenden Geschäfte zu Bruch. Ein Wartehäuschen der Verkehrsbetriebe wurde zerstört. Auf die Gleise wurden Bauzäune und Container geworfen. Gut zwei Stunden lang musste wegen der Auseinandersetzungen der Straßenbahnverkehr unterbrochen werden.

Die Polizei war mit 200 Kräften im Einsatz. Gegen die sieben Festgenommenen im Alter von 16 bis 26 Jahren wird wegen Landfriedensbruchs ermittelt. Sie wurden am Neujahrstag wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Ebenfalls wieder auf freiem Fuß sind zwei Menschen, die zur Ausnüchterung und wegen eines Platzverweises in Präventivgewahrsam genommen worden waren.

Brennende Autos in Paris

Trotz eines massiven Polizeieinsatzes sind in der Silvesternacht in und um Paris fast 200 Autos in Brand gesteckt worden. Bei Krawallen und Zusammenstößen mit der Polizei wurden mehr als 120 Personen verletzt, von denen 40 in Krankenhäuser gebracht wurden, hieß es nach Polizeiangaben vom Mittwoch. 70 Personen wurden vorläufig festgenommen.

Telefonzellen und Bushaltestellen wurden zerstört, Beamte wurden mit Steinen beworfen und Müllcontainer in Brand gesteckt. Zum Jahreswechsel 2001/2002 waren im Großraum Paris mehr als 130 Autos in Brand gesteckt worden. In Straßburg brannten mehr als 20 Autos. Dort wurden 26 Personen vorläufig festgenommen. Ausschreitungen wie in den vergangenen Jahren konnten in der elsässischen Hauptstadt durch einen deutlich verstärkten Polizei-Einsatz verhindert werden.



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