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Globalisiertes Verbrechen: "Der Krieg gegen Drogen ist verloren"

Die Organisierte Kriminalität ist die flexibelste Macht der Welt, warnt Mafia-Experte Misha Glenny. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Autor und Journalist, wie Verbrecherbanden in Osteuropa den Kapitalismus aufgebaut haben - und warum die Mafia zum Franchise-Unternehmen geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Mister Glenny, warum haben Sie für Ihr Buch einen Titel gewählt, der an eine bekannte Fast-Food-Kette erinnert?

Kokain-Sicherstellung in Kolumbien: "London, Mailand und Berlin werden überschwemmt von Rauschgift"
REUTERS

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Glenny: Das Organisierte Verbrechen ist seit 1990 weltweit gewachsen und Bündnisse eingegangen, genauso wie Firmen es tun. Und einige Gruppen wie die sehr gefürchteten Tschetschenen erlauben sogar, ihren Namen zu benutzen, um Gegner einzuschüchtern. Sie sind quasi Franchise-Geber wie die Burger-Brater.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es weltumspannende Verbrecherorganisationen?

Glenny: Nicht im engeren Sinn. Aber im Kokainhandel etwa gibt es durchaus einen hohen Organisationsgrad, der von der Herstellung bis ins Abnehmerland reicht. So trafen sich Ende 1992 kolumbianische Kokainkartelle und europäische Gangster auf der Karibikinsel Aruba, um den Kokainschmuggel nach Europa auszuweiten - übrigens auf Einladung italienischer Anwälte aus Brasilien. Auf diese Weise entstanden neue Vertriebsrouten über Westafrika und auf dem Balkan.

SPIEGEL ONLINE: Welche neuen Akteure kamen mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ins Spiel?

Glenny: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion drängten unglaublich viele neue und sehr potente Gruppen auf den Markt, die anders funktionierten als die klassische italienische Mafia. Deren alter Clan-Loyalität stand ein neuer Funktionalismus gegenüber. Diese neuen Gruppen wollen ausschließlich viel Geld verdienen. Sie verstehen sich als Profitcenter.

SPIEGEL ONLINE: Ist demnach die italienische Mafia ein Auslaufmodell?

Glenny: Das kann man so nicht sagen. Aber die Mafia und die japanische Yakuza, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern im Kampf gegen den Kommunismus groß gemacht wurden, waren in gewisser Weise immer Teil des Staates. Erst als die Cosa Nostra Allmachtsphantasien entwickelte und 1992 mit der Ermordung der sizilianischem Staatsanwälte Falcone und Borsalino den Staat herausforderte, hat die Regierung in Rom reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Cosa Nostra heute geschlagen?

Glenny: Nein, aber damals war sie so sehr mit ihrer Verteidigung beschäftigt, dass sie die ungeheuren Chancen nicht wahrnahm, die der weltweite Drogenmarkt bot. Diese Zeit hat aber die kalabrische ‘Ndrangheta genutzt, ihre Gewinne aus den Entführungen zu investieren - und ist damit unermesslich reich geworden ( siehe SPIEGEL-ONLINE-Interview mit einem 'Ndrangheta-Paten: "In Deutschland fühlen wir uns wohl").

SPIEGEL ONLINE: Trotz der Konkurrenz aus dem Osten?

Glenny: Ja, denn diese Gruppierungen waren zunächst im eigenen Land beschäftigt. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verschwand nicht nur eine Ideologie, sondern der ganze Staat löste sich auf. Allein Bulgarien hat 14.000 Mitarbeiter seiner Sicherheitsbehörden entlassen, die plötzlich arbeitslos waren und die nichts anderes konnten als schmuggeln, überwachen und Netzwerke aufbauen. Hinzu kam die privilegierte Gruppe der Sportler, die plötzlich ohne staatliche Hilfe dastand, etwa die Ringer. Manche schlugen dank ihrer Kontakte und Fähigkeiten eine höchst erfolgreiche Verbrecherkarriere ein.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern liegt es an diesen Banden, dass viele dieser Länder bis heute keine vertrauenswürdigen, rechtsstaatlichen Strukturen aufgebaut haben?

Glenny: Der Anteil ist groß, aber man darf auch nicht vergessen, dass diese Banden damals den Aufbau des Kapitalismus überhaupt erst ermöglicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Glenny: Diese Gruppen waren in den Wirren jener Zeit die Geburtshelfer des neuen Wirtschaftssystems. Da es keine funktionierenden staatlichen Instanzen mehr gab, weder bei Polizei noch Gerichten, haben sie die Aufgabe übernommen. Die Kriminellen haben die Spielregeln festgelegt und dafür gesorgt, dass sie eingehalten wurden. So war es in Russland und auch in der Ukraine. Ohne diese Banden hätte sich der Kapitalismus in Osteuropa nicht so schnell entwickeln können.

SPIEGEL ONLINE: Im Westen herrschte damals die Angst, osteuropäische Mafia-Gruppen könnten sich auch hier ausbreiten. Hat sich diese Befürchtung bewahrheitet?

Glenny: Die sind doch nicht dumm. Sie wollen hier keinen Streit, sondern ihr Kapital sicher anlegen. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind mindestens zwischen 200 und 300 Milliarden Dollar aus Russland abgeflossen und vorwiegend in westlichen Industrienationen angelegt worden.

SPIEGEL ONLINE: Alles Mafia-Geld?

Glenny: In Teilen sicher, aber die Abgrenzung ist schwierig. Das Geld stammte vorwiegend aus dem Öl- und Gasgeschäft und wurde unter anderem über Israel, Zypern, Deutschland und Großbritannien gewaschen.

SPIEGEL ONLINE: Hat also die Globalisierung dem organisierten Verbrechen geholfen?

Glenny: Auf jeden Fall. Mit der enormen Zunahme der internationalen Waren- und Kapitalflüsse stieg auch der Anteil der kriminellen Gelder, ohne dass es Möglichkeiten der Kontrolle gab.

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