Gestrandeter Frachter vor Langeoog Bergungsexperten pumpen Ballasttanks der "Glory Amsterdam" leer

Der gestrandete Frachter kann noch nicht geborgen werden - nun versuchen die Haverie-Experten es mit einem Trick, der auch nicht ganz ohne Risiko ist. Das Schweröl soll dabei erst mal an Bord bleiben.

Frachter "Glory Amsterdam"
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Frachter "Glory Amsterdam"


Die Bergung des vor der Nordseeinsel Langeoog gestrandeten Frachters wird noch einige Tage dauern. Von Dienstagabend an soll nun das Wasser aus den Ballasttanks des Frachters abgepumpt werden, damit Schlepper ihn von der Sandbank ziehen können.

Dies werde einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte der Leiter des Havariekommandos, Hans-Werner Monsees. Die Bergung werde nun Schritt für Schritt vorbereitet. "Wir hoffen, dass wir es vor dem Wochenende erledigt haben."

Ursprünglich sollten Schlepper den 225 Meter langen Schüttgutfrachter "Glory Amsterdam" schon am Montagabend von der Sandbank ziehen. Doch das Havariekommando musste seine Pläne ändern, weil die Wassertiefe selbst bei Hochwasser dafür nicht ausreichte; der Frachter schwamm nicht hoch genug auf. Die Experten suchten am Dienstag deshalb nach einer Alternative.

Nun wollen sie die 22.000 Tonnen Ballastwasser abpumpen, die das unbeladene Schiff stabil auf See halten sollten. Gleichzeitig sollen zwei Hochseeschlepper es mit rund 1000 Meter langen Schleppleinen sichern. Der Wind könnte den leichter werdenden Frachter sonst noch weiter aufs Land treiben, erläuterte ein Sprecher des Havariekommandos, Michael Friedrich.

Umweltschützer und Fischer blicken mit Sorge auf den gestrandeten Frachter. In den Treibstofftanks der "Glory Amsterdam" sind gut 1800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel. Der Unglücksfrachter sei eine erhebliche Gefahr für den Nationalpark Wattenmeer, in dem zurzeit zahlreiche Wattvögel, Enten und Gänse rasteten, teilte die Umweltschutzorganisation WWF mit. Die deutschen Kutter- und Küstenfischer befürchten, dass Öl die Fanggebiete über Monate verschmutzen könnte.

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Sturm "Herwart": Havarie vor Langeoog

Schweröl wird vorerst nicht abgepumpt

Dennoch haben sich die Bergungsspezialisten dagegen entschieden, die Treibstoffe vorsorglich abzupumpen. "Das Schiff ist sicher und weist keine Risse auf", sagte Sprecher Friedrich. Beim Abpumpen bestehe erst recht die Gefahr, dass Öl ins Wasser gelange. Ein Ölüberwachungsflugzeug fliegt regelmäßig über das Gebiet rund um den Frachter. Ausgetretenes Öl hat es nach Angaben des Havariekommandos bisher nicht entdeckt.

Die "Glory Amsterdam" war am Sonntag in der Deutschen Bucht abgetrieben. Das Schiff hatte zuvor den Hamburger Hafen verlassen und war in der Nähe von Helgoland auf Reede gegangen. Auf diese Weise könnten die Schiffe Hafengebühren sparen, sagte Friedrich. Während des Sturms riss sich der Anker los. Schlepper versuchten zu verhindern, dass der manövrierunfähige Frachter auf die Sandbank zwei Kilometer vor Langeoog treibt. Doch die Schleppleine riss während des Sturms mit bis zu sieben Meter hohen Wellen immer wieder.

Auf der "Glory Amsterdam" befinden sich auch noch 22 Seeleute. Ihnen geht es nach Angaben des Havariekommandos gut. Ein Mechaniker habe bisher erfolglos versucht, die Ruderanlage zu reparieren, sagte Friedrich. Diese sei blockiert, was die Bergung zusätzlich erschweren könne.

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) forderte angesichts der schwierigen Bergung schärfere Sicherheitsvorschriften im Schiffsverkehr. Schiffe mit unzureichend ausgebildeten Besatzungen müssten bei der Hafenstaatenkontrolle gestoppt werden, teilte der Politiker mit. Außerdem seien strengere Bauvorschriften vor allem für Tanks und Ruderanlagen nötig.

oka/dpa



insgesamt 35 Beiträge
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ansv 31.10.2017
1. Pavlov lässt grüßen
Immer dieser Ruf nach strengeren Vorschriften wann immer etwas passiert. Dass vorher all diejenigen weggespart wurden, die die Einhaltung der existierenden Vorschriften überwachen sollten, ignoriert man dabei gerne.
jing&jang 31.10.2017
2. Billig billig noch billiger
so ist das auch in der Berufsschifffahrt. Unter der Mannschaft ist bestimmt kein Ingenieur, das sind vermutlich alles angelernte "Seemänner" die durch Alternativlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt des Heimatlandes keinen anderen Job finden und so notgedrungen zur Seefahrt kommt. Weder die Reeder noch die Versicherer interessiert die Qualifikation der Seeleute. So ein Kahn mùßte sich in der Elbe querlegen, dann passiert wirklich mal was an den Vorgaben, weil der Waren- und damit der Geldfluss gestört ist. Und warum geht die Havarie Kommission auf die Vorgabe ein nicht erst den Diesel und das Schweröl abzupumpen, das wäre doch der sichere Ansatz einer Bergung insbesondere dann, wenn der Kahn als Denkmal im Watt verbleibt.
lorberost 31.10.2017
3. unser Experten...
Zitat: Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) forderte angesichts der schwierigen Bergung schärfere Sicherheitsvorschriften im Schiffsverkehr. Zitatende. Na, die Wortmeldung vom Wenzel Stefan war wieder ganz wichtig und zeigt, daß er null Ahnung hat. Aber Hauptsache, er bedient sein Publikum.....
schliemann_ernst 31.10.2017
4. Hoffentlich hat Herr Wenzel die notwendigen Fachkenntnisse !
Was ein blockiertes Ruder mit der Mannschaft zu tun haben soll erschließt sich mir als ehemaligem Marineoffizier nun überhaupt nicht. Solch einen Defekt in bis zu sieben Meter hohen Wellen bei Sturm zu reparieren ist selbst sehr gut ausgebildeten Schiffstechniker und Maschinisten kaum möglich. Aber vielleicht kann man ja den Minister der Grünen auf das Schiff bringen, der wird es schon richten.
teletubby1951 31.10.2017
5. woher so plötzlich mänöverierunfähig?
"Während des Sturms riss sich der Anker los. Schlepper versuchten zu verhindern, dass der manövrierunfähige Frachter auf die Sandbank zwei Kilometer vor Langeoog treibt." ??? es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum das schiff plötzlich nicht mehr mänöverieren kann, wenn es doch selbständig den hafen verlassen hat, um auf reede gebühren zu sparen.
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