Bußgeldstreit in Görlitz Doktor Prejzek bleibt

Ein Arzt fährt auf dem Weg zu einem Patienten zu schnell - er soll Bußgeld zahlen und seinen Führerschein abgeben. Aus Protest will er seine Praxis schließen. Doch nun sieht es nach einer friedlichen Lösung aus.

Vratislav Prejzek
Danilo Dittrich

Vratislav Prejzek

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"Ich hätte nicht erwartet, dass mich so viele Journalisten anrufen", sagt Vratislav Prejzek. Der Arzt klingt müde. Ihren Anfang nahm die Geschichte, die den 34-Jährigen und die Lokalpresse seit Tagen in Atem hält, am späten Vormittag des 6. Januar mit einem Notarzteinsatz im sächsischen Görlitz - so sah es zumindest der Mediziner. Weil er nach eigener Aussage davon ausging, dass Lebensgefahr für den Patienten bestand, überschritt er das Tempolimit mit seinem Privatwagen erheblich: Mit 84 Kilometern pro Stunde statt der erlaubten 30 wurde er geblitzt.

Das Problem dabei: Nach Ansicht der Stadt Görlitz handelte es sich nicht um einen notärztlichen Einsatz, bei dem Prejzek Sonderrechte für sich beanspruchen habe können. Sondern lediglich um einen dringenden Hausarztbesuch, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Demnach war die Geschwindigkeitsüberschreitung nicht gerechtfertigt. Für Prejzek bedeutet das: zwei Monate Fahrverbot, zwei Punkte in Flensburg und ein Bußgeld in Höhe von 308,50 Euro. Ende März bekam er den entsprechenden Bußgeldbescheid. Er versuchte seine Sicht der Dinge beim Ordnungsamt zu erklären - nach eigener Aussage erfolglos.

Praxisschließung angekündigt

Das verärgerte den Arzt derartig, dass er sich zu einem drastischen Schritt entschloss: "Da ich es nicht einsehe, für meine Leistung im Notfall bestraft zu werden, habe ich mich schweren Herzens entschlossen, meine Praxis zu schließen", heißt es in einem Schreiben, das er zusammen mit dem Bußgeldbescheid auf seiner Homepage veröffentlichte. Und Prejzek machte auch deutlich, wem sein Ärger galt: den Mitarbeitern des Ordnungsamts. "Im Rahmen einer bürokratischen Farce werde ich zum Sündenbock abgestempelt", schrieb Prejzek.

Den Medienrummel, den sein Schreiben auslöste, hab er nicht beabsichtigt, sagt Prejzek nun dem SPIEGEL. Er habe sich damit lediglich an seine Patienten wenden wollen: "Ich wollte, dass sie wissen, warum ich mich so entschieden habe." Allerdings hatte er in seinem Text durchaus dazu aufgefordert, sich an die Politik zu wenden: "Sagen Sie am besten allen, wie Sie darüber denken", schrieb er. Vor allem vor dem Hintergrund des Notärztemangels in Sachsen verärgerte ihn das Verhalten der Behörden.

Die Stadt Görlitz sah sich offenbar genötigt zu reagieren - und ihre Mitarbeiter in Schutz zu nehmen: "Durch die Art und Weise des Umgangs in dieser Angelegenheit von Herrn Prejzek kam es zu einer Rufschädigung der Stadt und deren Mitarbeiter", hieß es in einer Pressemitteilung. Und: "Die Darstellung der Sachlage erfolgte wissentlich falsch."

Von diesen verhärteten Fronten ist jetzt keine Rede mehr - nach einem Gespräch mit dem Oberbürgermeister Siegfried Deinege gibt sich Prejzek versöhnlich: "Er war sehr engagiert, hat sich sehr eingesetzt, das fand ich gut." Endlich habe er seine Sichtweise der Dinge klarmachen können, erklären können, warum er von einem Notarzteinsatz ausgegangen sei. Details zu dem Gespräch mit dem Politiker will der Arzt nicht verraten. Deinege teilte auf Anfrage mit, das Gespräch sei sachlich und konstruktiv verlaufen. Prejzek habe eingeräumt, dass er mit der Geschwindigkeitsübertretung einen Fehler begangen habe.

"Ich hoffe, dass der Führerschein bleibt"

Prejzek jedenfalls will seine Praxis in Görlitz nun weiterführen, ebenso wie die Notarzteinsätze. "Diese Entscheidung des Mediziners begrüße ich sehr", hieß es von Deinege. Prejzek praktiziert nicht nur in Görlitz. In seinem Heimatland Tschechien betreibt er eine GmbH mit mehreren Arztpraxen.

Während er zunächst keinen Einspruch gegen den Bußgeldbescheid einlegen wollte, hat er sich nun doch dazu entschlossen. Laut Oberbürgermeister Deinege will Prejzek das Strafmaß akzeptieren, hofft aber, dass sich das Fahrverbot in eine Geldbuße umwandeln lässt. Das Verfahren werde derzeit noch geprüft.

Prejzek benötigt seinen Führerschein auch, da er im tschechischen Rumburk lebt - und mit dem Auto zu seiner Praxis nach Görlitz pendelt. Ihm sei von vielen Seiten Hilfe angeboten worden, Patienten und eine Mitarbeiterin hätten ihm angeboten, ihn zu fahren. Vor allem aber hat er einen Wunsch: "Dass endlich wieder Ruhe einkehrt." Für ihn selbst, aber auch für seine Patienten.



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