Golf für Anfänger: Schland im Morgenland

Von , Abu Dhabi

Training, Taktik und viel Kampfgeist - WM-Gucken in den Golfstaaten ist ein schwieriger Akt. Man muss dem TV-Techniker widerstehen, der eine Sechs-Meter-Satellitenschüssel am Haus installieren möchte. Schließlich bleibt nur der Weg in die Illegalität.

Euphorisierte Massen, wilder Torjubel? Fehlanzeige. Am Golf geht Public Viewing anders Zur Großansicht
AP

Euphorisierte Massen, wilder Torjubel? Fehlanzeige. Am Golf geht Public Viewing anders

Schon drei Tage vor Beginn der WM drückten die Techniker der ARD auf den Knopf. Punkt 5 Uhr 30 wurde der Satellit "Hotbird" abgeschaltet.

Seither ist "Das Erste" in der gesamten Türkei und der Golfregion nicht mehr zu empfangen. 13° Grad Ost sendet nicht mehr, angeblich, um Gebühren zu sparen. Was geht die öffentlich finanzierte ARD schon die paar Türken und Scheichs an?

"Das Erste" ist das Letzte.

"No problem, Sir", sagte der indische Fernsehtechniker um die Ecke. Er müsse nur eine größere Schüssel auf dem Dach montieren. Wie viel größer? "Twenty feet, Sir." Sechs Meter, das ist Hubble-Format. Ich wollte eigentlich nur Özil schauen, nicht den Big Bang.

Auch das ZDF hat sein Satelliten-Programm für die Zeit der WM komplett umgestellt. Es sendet Schulfunk. "ZDFneo" heißt der Kanal. Man lernt viel über Eisbären und die Pharaonen.

Die WM in den Golfstaaten zu verfolgen verlangt gutes Training, Taktik und Kampfgeist. Theoretisch gibt es "Live-Streams" im Internet. Von der italienischen RAI und TF1 aus Frankreich etwa. Aber die sind am Golf wegen irgendwelcher Copyright-Erwägungen gesperrt. Und die ARD-"Mediathek" zeigt in der Regel eine Eins, um die sich ein heller Schatten dreht. 90 Minuten lang. Plus Nachspielzeit.

Die Fifa hat die Übertragungsrechte hierzulande an den Sportskanal von al-Dschasira verkauft. Es gibt "Pay-per-view"-Angebote, aber die sind teuer und mit vielen Kleinstklauseln versehen. So haben die Wasserpfeifen-Cafés und Hotels Fernseher für Public Viewing aufgestellt. Zum Teil mit Rabatten für jedes geschossene Tor. Das ist gut. Schlecht war, dass in den ersten drei Spieltagen die Übertragungen zusammenbrachen, rätselhafter Weise immer nach der zweiten Nationalhymne.

Verschwörungstheorien kursieren

Kryptische Nachrichten wanderten über den Schirm ("Wechseln Sie von Nilesat zu Arabsat"). Es kam zu vereinzelten Protesten gegen das "Fußball-Debakel", wenn auch nicht zu Straßenkämpfen wie aus gleichem Grund in Bangladesh.

Die Regierung kündigte Untersuchungen und eine Klage an. Al-Dschasira verteidigte sich damit, es sei "Sabotage" gewesen. Ausgebootete Konkurrenten hätten Störsignale gesendet und Hacker auf die WM angesetzt. Es klang wie Cyber-Krieg. Tatsächlich hatte al-Dschasira nur zu wenig Bandbreite gemietet.

Die deutsche Botschaft sprang ein und ließ vorm "Brauhaus" im Rotana-Beach-Hotel eine Leinwand aufstellen. Es gab Brezeln und Bier, aber nur die Spiele der Deutschen.

In der Expats-Gemeinde begannen Internet-Adressen zu kursieren, wo die Spiele im Netz zu sehen seien. Alle vermutlich streng illegal, aber hilfreich. Als Geheimtipp gilt immer noch CCTV5, ein ostasiatischer Sportsender, der alle Fifa-Spiele überträgt. Tatsächlich: Es funktioniert. Das Bild ist zwar grob gerastert, aber es bewegt sich. Das helle Pixel muss der Jabulani-Ball sein.

Die Spieler sehen aus wie Playmobilfiguren, egal ob Rooney oder Ronaldo, alle gleichermaßen kantig. Aber egal, der Ton jedenfalls ist ausgezeichnet. Wenn auch chinesisch.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wo ist das Problem?
CobCom 05.07.2010
Wenn die Bandbreite stimmt, gibt es Möglichkeiten. Die deutschen Spiele konnte ich problemlos in HD verfolgen, wenn ich keinen Zugriff auf einen Fernseher hatte. Ort: Mexico. Das Spiel gegen England hatte ich mit englischem, das Argentinienspiel mit spanischem Kommentar. Man muss halt etwas flexibel sein, dann geht´s.
2. So ein Blödsinn
willi_wichtig 05.07.2010
Zitat von sysopTraining, Taktik und viel Kampfgeist - WM-Gucken in den Golfstaaten ist ein schwieriger Akt. Man muss dem TV-Techniker widerstehen, der eine Sechs-Meter-Satellitenschüssel am Haus installieren möchte. Schließlich bleibt nur der Weg in die Illegalität. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,703974,00.html
Ich bin in Syrien. Das ist auch durch den Al Jazeera Vertrag abgedeckt. Es gibt hier überhaupt kein Problem. Man kann an jeder Ecke Fussball schauen. Im Cafe, beim Italiener, in der Altstadt im Cafehaus, public viewing. Alles ist möglich. Mit arabischem Kommentar (ok, fast so schlimm wie Vuvuzela, 90 Minuten ohne Luft zu hohlen), englisch, französisch, HD, 3D. Alles kein Problem. Gibt halt kein Deutsch, was nun nicht wirklich kein Verlust ist. Das einzige Blöde: Bei deutschen Spielen Lodda im Studio. Zu den techn. Problemen: Ja die gab es. Genau beim Eröffnungsspiel. Danach lief es völlig Problemfrei. Der Reporter ist wirklich ein Anfänger.
3.
willi_wichtig 05.07.2010
Zitat von sysopTraining, Taktik und viel Kampfgeist - WM-Gucken in den Golfstaaten ist ein schwieriger Akt. Man muss dem TV-Techniker widerstehen, der eine Sechs-Meter-Satellitenschüssel am Haus installieren möchte. Schließlich bleibt nur der Weg in die Illegalität. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,703974,00.html
Etwas allerdings stört mich wirklich: Es gibt keine Chance (ausser mit techn. Tricks), die Livestreams der deutschen öffentlich, rechtlichen zu Empfangen. Ich nehme hier ausdrücklich mal RTL von der Kritik aus. Das ist ein kommerzieller Sender. Aber bei ARD und ZDF habe ich da keinerlei Verständnis. Ich verstehe ja, dass die den Livestream nicht einfach so ins Ausland Senden können, da es da sicher Vertragliche Regelungen in den Lizenzverträgen gibt. OK. Aber ich habe keinerlei Verständnis, dass ich da keine Chance habe. Ich habe die Lizenzgebühren mit finanziert. Die Gebühren wurden wiederholt, unter anderem mit der Begründung des Webangebotes, erhöht. Ich zahle meine Gebühren. Also muss ich auch die Möglichkeit haben, für mein Geld etwas zu bekommen. Auch wenn ich im Ausland bin. Da muss man eben entsprechende Authentifizierungsmöglichkeiten schaffen. Da gibts z.B. die GEZ Nummer zusammen mit der deutschen PA Nummer. Auf Anfrage beim ZDF kriegt man eine dumme Antwort: Wir danken für ihr Verständnis, dass sie unser Angebot im Ausland nicht nutzen können. Wieso danken die für etwas, das ich nun wirklich nicht habe?
4. WM Uebertragungsprobleme im im Morgenland? Fehlanzeige!
ndomeyer 05.07.2010
Ich kann mich willi_wichtig nur anschliessen. Al Jazeera uebertraegt alles und selbst bei mir in Riyadh werden die Spiele an jeder Ecke uebertragen. Mein Tip: Englisch lernen! Scheint im Ausland bei der Kommunikation zu helfen.
5. selten einen interessanteren Beitrag gelesen.
Bjoern Dittmann 05.07.2010
Vielen vielen Dank Spiegel Redaktion!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Golf für Anfänger
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare
Zum Autor
Alexander Smoltczyk, Jahrgang 1958, berichtet für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE aus den Golf-Staaten und der arabischen Welt. In seinem Blog "Golf für Anfänger" erzählt er tausendundeine Geschichten aus dem Orient.

Fotostrecke
Im Sand von Abu Dhabi: Und täglich grüßt der Scheich


Fotostrecke
Abu Dhabi: Wundersames im Orient