Golf von Aden Islamisten bereiten Angriff auf Piraten vor

Die Entführung des saudi-arabischen Supertankers "Sirius Star" bringt Islamisten auf den Plan. Die Milizen bereiten nach eigenen Angaben einen Angriff auf die Piraten vor. "Wir haben unsere Kämpfer in Stellung gebracht", sagte ein Sprecher der Extremisten.


Mogadischu - Islamistische Rebellen im vom Bürgerkrieg zerrütteten Somalia wollen gegen die Seeräuberei am Horn von Afrika vorgehen. "Wir haben unsere Kämpfer in Stellung gebracht", sagte ein Sprecher der Extremisten, Scheich Abdirahim Isse Adow, am Samstag. Als erster Schritt sollten die Versorgungs- und Kommunikationswege zwischen den Piraten auf dem Schiff und ihren Komplizen an Land unterbrochen werden.

Gekaperte "Sirius Star": Rebellen wollen angeblich am Lösegeld teilhaben
DPA

Gekaperte "Sirius Star": Rebellen wollen angeblich am Lösegeld teilhaben

Die Islamisten begründen ihre Angriffspläne damit, dass es sich bei dem Öltanker um ein muslimisches Schiff aus einem islamischen Land handele. Die "Sirius Star" hat eine 25-köpfige Besatzung und Ladung im Wert von schätzungsweise hundert Millionen Dollar an Bord. Die Islamisten kämpfen seit fast zwei Jahren gegen die vom Westen unterstützte Regierung in Somalia.

In der Frage des gekaperten Supertankers, der nahe der Stadt Harardere im Meer ankern soll, sind die Rebellen gespalten: Ein Bewohner Hararderes sagte, eine Gruppe Islamisten sei mit den Piraten zusammengekommen und habe eine Beteiligung an einem Lösegeld gefordert. Es gebe aber noch keine Abmachung.

Einige Beobachter gehen davon aus, dass die Rebellen, die die Interimsregierung in Süd- und Zentralsomalia zunehmend bedrängen, Verbindungen zu den Seeräubern haben und sich einen Teil möglicher Lösegeldzahlungen sichern wollen. Die Piraten wie die Aufständischen haben das zurückgewiesen. Presseberichte legen nahe, dass die Seeräuber das erpresste Geld verwenden, um in Saus und Braus zu leben und ihre Ausrüstung zu verbessern.

Zudem nahm die Piraterie 2006 während der nur wenige Monate dauernden Herrschaft der sogenannten Union der Islamischen Gerichte in der Hauptstadt Mogadischu wie in weiten Teilen des Landes ab. Die Islamisten waren von Regierungssoldaten mit Hilfe von Äthiopien Anfang 2007 vertrieben worden. Seit kurzem stehen ihre Kämpfer, die den Großteil des Landes zurückerobert haben, jedoch wieder vor den Toren der Stadt.

Piraten hatten die "Sirius Star" vor einer Woche geentert. Der Tanker war ihnen rund 830 Kilometer südöstlich des kenianischen Hafens Mombasa ins Netz gegangen - weit entfernt vom Golf von Aden vor Somalia. In Somalia existiert seit 1991 kein funktionierender Zentralstaat mehr. Die Piraten nutzen den rechtlosen Raum, um immer größere Schiffe zu kapern und für sie Lösegeld zu fordern.

Rebellensprecher Adow sagte zur Lage im Küstengebiet: "Wir haben Harardere unter Kontrolle, es wäre unmöglich für Piraten, sich dort zu verstecken." Die Seeräuber sollen im Fall der "Sirius Star" angeblich 25 Millionen Dollar Lösegeld verlangen. Die spektakuläre Entführung dieses Schiffes gilt als die bisher größte dieser Art und hat in der Reedereibranche weltweit noch mehr Besorgnis ausgelöst. Dem ägyptischen Suezkanal drohen nach Einschätzung von Kreisen des Kanalbetreibers Geschäftseinbußen wegen der immer stärker um sich greifende Piraterie.

Große Reedereien meiden zunehmend das Gewässer südlich des Meerweges, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet. So schickt die dänische Reederei A. P. Moller-Maersk einige ihrer 50 Öltanker auf die Strecke über das Kap der Guten Hoffnung statt durch den Suezkanal. Auch andere Schifffahrtsunternehmen wie die norwegische Frontline erwägen ähnliche Schritte. Als Reaktion auf die zunehmende Piraterie haben mehrere Staaten Kriegschiffe in die Region entsandt. Auch die Bundeswehr hat Schiffe dort und soll sich an einem geplanten EU-Einsatz beteiligen.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) dringt auf ein europäisches Mandat mit einer klaren Rechtsgrundlage für den Kampf gegen Piraten vor der Küste Somalias. "Es muss ein robustes Mandat sein, das zur Abschreckung beiträgt und ein wirkungsvolles Handeln ermöglicht", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS"). Damit könnte die Bundesmarine auch mit Waffengewalt gegen Piraten vorgehen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte: "Angesichts der immer größeren Dreistigkeit der somalischen Piraten müssen wir dringend handeln. Wir brauchen endlich wieder sichere Seewege am Horn von Afrika."

Die Bundesregierung will die geplante Militärmission der EU mit einer Fregatte unterstützen. Rechtliche Unklarheiten bestehen aber vor allem über die Befugnisse der deutschen Marinesoldaten - etwa, ob sie Polizeiaufgaben wie Verhaftungen übernehmen dürfen. Nach dem Grundgesetz sind die Aufgaben von Soldaten und Polizisten eindeutig getrennt.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
Klicken Sie auf die Überschrift, um mehr zu erfahren
Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

Hilfsorganisationen übten Kritik an der bisherigen Praxis der Bundesregierung. So habe das Welternährungsprogramm (WFP) im Sommer seine Hilfslieferungen an Somalia für mehrere Wochen unterbrechen müssen, weil die Bundesregierung sich geweigert habe, Frachter mit Hilfsgütern zu eskortieren. Dies sei geschehen, obwohl ein Kriegsschiff der Bundesmarine im Golf von Aden im Einsatz war. "Wir haben das schon sehr bedauert, dass diese Hilfe nicht geleistet wurde", sagte der Leiter des deutschen WFP-Büros, Ralf Südhoff, der "FAS".

Derweil wurde bekannt, dass somalische Piraten einen im September entführten Chemikalien-Frachter freigegeben haben. Das erklärte am Samstag die im griechischen Piräus ansässige Reederei Mare Shipmanagement. Wie viel Lösegeld gezahlt wurde, wollte sie nicht sagen. Nach Angaben des griechischen Handelsmarineministeriums kam die 19-köpfige Besatzung unversehrt frei. Die "MV Genius" sei nun auf dem Weg in die Vereinigten Arabischen Emirate und inzwischen knapp tausend Kilometer von Somalia entfernt.

Die Nato-Kriegsschiffe im Golf von Aden
Flaggschiff und Zerstörer "Durand de la Penne"
Der italienische Zerstörer ist ein 5000-Tonnen-Mehrzweckkriegsschiff. Es dient der Abwehr von Luft- und U-Boot-Angriffen - letztere werden im Golf natürlich keine Rolle spielen. Bei Landgang und Küstenbombardierungen kann der Zerstörer Schützenhilfe leisten. Dieses erste Schiff der De-la-Penne-Serie wurde 1993 in Betrieb genommen. Der italienische Admiral Giovanni Gumiero führte den Nato-Flottenverband, bevor das Schiff zur Anti-Piraterie-Mission geschickt wurde.
Fregatte "Themistokles"
Die Fregatte "Themistokles" ist ein Schiff aus der Elli-Klasse der griechischen Marine. Sie wurde 1979 in den Niederlanden gebaut und 2003 an Griechenland verkauft. Dort wurde das Schiff modernisiert und zur "HS Themistokles" umbenannt. An Bord der 3100 Tonnen schweren Fregatte befinden sich neben Torpedos und Missiles auch zwei Hubschrauber.
Fregatte "Cumberland"
Die "Cumberland" ist eine F85-Fregatte der britischen Royal Navy. Das in Schottland gebaute Kriegsschiff wurde 1989 in Betrieb genommen. Ursprünglich sollte die Cumberland gegen U-Boote eingesetzt werden, bekämpft jetzt aber auch feindliche Schiffe und Flugzeuge. Sie kann auf eine Maximalgeschwindigkeit von 30 Knoten beschleunigt werden.
kaz/Reuters/dpa/AP

insgesamt 2450 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Robert B., 18.11.2008
1. Kriegsschiffe
Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
dcl 18.11.2008
2.
---Zitat--- Die US-Marine erklärte, die meisten Attacken der vergangenen Monate hätten durch "Sicherheitsteams an Bord" abgewehrt werden können. ---Zitatende--- Genau. Diese Sicherheitsteams werden natürlich von internationalen Sicherheitsunternehmen wie Blackwater o.ä. gestellt, in welchen die Spezialisten der US Navy nach ihrer militärischen Karriere ihr Brot verdienen. Handelsschiffe sind weder auf Verteidigung noch auf Angriff gebaut und bei zwei Millionen Barrel Öl möchte ich mir den Beschuss mit sog. reaktiven Panzerbüchsen (Panzerfaust) nicht vorstellen. Sicherheitsteams führen zur Eskalation auf den Handelsschiffen. Wozu gibt es bitte Kriegsschiffe? Die sind genau für solche Operationen gebaut worden und sind personell auf kriegerische Maßnahmen eingestellt. Dieses Rumgeeiere, auch von Seiten der Bundesmarine, ist zum heulen. Haben die Jungs Angst, dass ihre teuren Spielzeuge Kratzer bekommen könnten?
Interessierter0815 18.11.2008
3.
Zitat von sysopDie Kaperung des Super-Tankers weit vor der Küste Somalias zeigt: Das Problem der Piraterie wird für die internationale Seefahrt immer bedrohlicher. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Seehandel wieder sicher zu machen?
Die Welt am techn. Fortschritt teilnehmen lassen? Erst klauen wir die Rohstoffe der Länder und dann flennen wir noch, das sie sich wehren.
yato, 18.11.2008
4. Da war die Realität wieder mal schneller als Hollywood
Zitat von Robert B.Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
scheint ja nicht sehr viel gebracht zu haben seit 5 jahrhunderten, oder hatten piraten in der weltgeschichte schon jemals so einen dicken fisch an der angel? mit der zivilisierung hat das übrigens wohl doch nicht so gut geklappt - sind wir jetzt eigentlich wieder im mittelalter? ...man mag sich gar nicht vorstellen was mit so einem riesentanker voll öl alles möglich wäre, wenn die piraten durchdrehen...
TranceData, 18.11.2008
5.
Piraten wurden früher von der Marine versenkt. Also: Back to the roots...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.