Anschlag auf "Rainbow Warrior" "Wir sind die Terroristen"

Als französische Agentin bereitete Christine Cabon 1985 den Anschlag auf das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" vor. "Es war ein Anschlag", sagt sie jetzt. Eine Entschuldigung bleibt aus.

John Miller/Greenpeace

Von Anke Richter, Christchurch


Am 10. Juli 1985 erlebte Neuseeland erstmals auf eigenem Boden fremden Staatsterrorismus: Kurz vor Mitternacht explodierte im Hafen von Auckland im Rumpf des Greenpeace-Schiffs "Rainbow Warrior" eine Bombe, die das friedliche kleine Land nachhaltig erschütterte. Französische Geheimagenten hatten den Sprengsatz gezündet, um den Protest der "Rainbow Warrior" gegen atomare Tests auf dem Mururoa-Atoll zu sabotieren. Fotograf Fernando Pereira, der an Bord war, ertrank auf dem sinkenden Schiff. Andere entkamen nur knapp.

Frankreich stritt anfangs jede Verantwortung ab. Bis heute ist unklar, wer alles im Auftrag aus Paris agierte. Aber seit diesem Wochenende muss sich eine weitere Verantwortliche für den Anschlag erklären, die bisher ungeschoren davongekommen war. Greenpeace war damals vor Ort von einer damals 33-jährigen Französin bespitzelt worden, die sich als Touristin und Umweltaktivistin namens "Frederique Bonlieu" ausgab.

In Wirklichkeit hieß sie Christine Cabon und war in Neuseeland sechs Wochen lang in die Geheimaktion des französischen Militärs mit dem Codenamen "Opération Satanique" eingebunden. Greenpeace-Mitarbeiter erinnerten sich später, dass die angebliche Archäologie-Studentin oft noch im Büro blieb, als alle anderen gingen, um Einblick in Papiere und die Logistik der "Rainbow Warrior" zu bekommen.

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"Rainbow Warrior": Der Anschlag auf Greenpeace

Sechs Wochen vor der Bombenexplosion setzte Cabon sich erst nach Tahiti, dann nach Israel ab. Ihr Auftrag war erledigt, andere brachten den Sprengstoff am Schiffsrumpf an. "Sie verschwand, bevor wir etwas tun konnten", sagte der ehemalige Polizeikommissar Allan Galbraith in Auckland, der jahrelang auf der Suche nach ihr war. Es kursierten Gerüchte, sie habe sich einer Gesichtsoperation unterzogen, um unerkannt zu bleiben.

Als ihre Identität wenig später ans Licht kam und eine weltweite Fahndung begann, kehrte Cabon in letzter Minute vor einer Verhaftung nach Frankreich zurück. Dort setzte die ehemalige Geheimagentin ihre Arbeit im Staatsdienst bis zu ihrer Pensionierung vor acht Jahren unbehelligt fort. Sie bekam die Medaille der Ehrenlegion, der Legion d'Honneur - eine der höchsten Auszeichnungen der Franzosen.

Reporter von Fairfax Media in Neuseeland haben die hochdekorierte 66-Jährige vergangene Woche mithilfe einer französischen Lokalzeitung nach langer Suche aufgespürt. Die freundliche, grauhaarige Dame lebt zurückgezogen mit ihren vier Hunden im 250-Seelen-Dorf Lasseubetat in den französischen Pyrenäen. Als Stadträtin wird sie von ihren Mitbürgern geschätzt: Sie war stellvertretende Bürgermeisterin und hilft dem Ort als Hobby-Historikern aus.

"Es war ein Anschlag"

"Meine Arbeit war, was sie war", verteidigte sie sich jetzt in einem exklusiven Gespräch, das nicht aufgezeichnet werden durfte ("Ich war im Geheimdienst, ich lasse mich nicht reinlegen"). Während sie den Besuchern Apfelwein anbot, erzählte Cabon von ihrer Infiltrierung der Greenpeace-Truppe in Auckland 1985: "Ich entwarf sogar einen Brief an den französischen Präsidenten, um zu fordern, dass er mit den Atomtests aufhört." Sie habe keine Lüge gelebt, sondern lediglich "eine Rolle gespielt".

Für diese Rolle will sie sich nach wie vor nicht entschuldigen. Sie habe nur ihr Land verteidigt und stehe dazu - heute mehr denn je. Ein pazifistisches Land wie Neuseeland, das keinen Krieg auf eigenem Boden erlebt habe, könne das nicht verstehen. Dass man es dort anders sieht, ist ihr bewusst. "Wir sind die Terroristen. Wer immer den Auftrag befohlen hat, was immer die Gründe waren, gut oder schlecht, es war ein Anschlag."

Frankreich zahlte damals 13 Millionen Dollar Entschädigung und gab eine halbherzig abgerungene Entschuldigung ab. Da es sich um einen befreundeten Staat handelte, wurde der anfangs von beiden Seiten als "Terrorismus" bezeichnete Akt später zu "Kriminalität" umformuliert.

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Neuseelands Medien und Polizei verfolgten die Akteure, aber nur zwei der Agenten, die die Aktion in Auckland eingefädelt hatten, kamen vor Gericht: Alain Mafart und Dominique Prieur saßen ihre sieben- und zehnjährigen Gefängnisstrafen in unter zwei Jahren auf einer französischen Militärbasis in Polynesien ab und machten weiter Karriere.

Aus Sicht der Opfer war das ein Hohn - und politisch ein schmutziger Deal. Mafart und Prieur schrieben beide Bücher über ihre Taten. Oberst Luc Kister, der die Bombe auf dem Schiff gezündet hatte, entschuldigte sich 2015 zumindest im Fernsehen bei den Neuseeländern. Christine Cabon hat jedoch keine solche Botschaft der Reue. "Das würde zu viele Auswirkungen haben", verteidigte sie sich beim Gespräch in den Pyrenäen. "Ich könnte einigen Privatleuten eine Nachricht schicken, die ich in Neuseeland getroffen habe, aber nicht der Öffentlichkeit."

"Sie haben Leute benutzt"

Martini Gotje, der 1985 Erster Offizier auf der "Rainbow Warrior" war und den Anschlag nur knapp überlebte, ist nach wie vor nicht bereit, Christine Cabon jemals die Hand zu geben. Ihr vages Bedauern über die Mitverantwortung am Tod von Fernando Pereira reicht ihm nicht. "In der Zwischenzeit sind Fernandos Kinder ohne ihn aufgewachsen, und sie war Teil des Teams, das ihn umgebracht hat", zitiert ihn die "Sunday Star Times". Seine Wut richtet sich jedoch gegen Frankreichs Regierung: "Sie haben Leute benutzt, die ihre Drecksarbeit gemacht haben."

Gotje fordert nach wie vor Gerechtigkeit der Justiz, genauso wie Bunny McDiarmid, die damals an Deck der "Rainbow Warrior" aushalf und heute internationale Direktorin bei Greenpeace ist. "Wir werden niemals vergessen, was in jener Nacht vor 32 Jahren passierte," sagt sie zum späten Geständnis Cabons. "Und vor allem werden wir nie aufgeben."

Für die neuseeländischen Beamten, die die französischen Agenten vor drei Jahrzehnten um die ganze Welt verfolgten, ist der Fall jedoch abgeschlossen, und auch Premierminister Bill English will sich dazu nicht äußern, um das Handelsabkommen mit Frankreich nicht zu belasten. Seit der Enthüllung vom Samstag wird in dem nuklearfreien Pazifikstaat jedoch lautstark gefordert, dass Frankreichs Regierung der spitzelnden Stadträtin und den anderen Schiff-Saboteuren zumindest die Ehrenmedaillen aberkennen soll.



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