Minderjähriger Flüchtling in Griechenland Seine letzte Hoffnung ist sein Bruder in Deutschland

Minderjährigen Flüchtlingen kann kaum etwas Schlimmeres passieren als griechisches Chaos und deutsche Regeltreue: Majid hat es erlebt. Er will zu seinem Bruder nach Passau, hängt aber fest in Athen. Das ist seine Geschichte.

Majid in Athen: Seit zwei Jahren steckt er in Griechenland fest
Giorgos Christides

Majid in Athen: Seit zwei Jahren steckt er in Griechenland fest

Von und


Als Majid im Herbst 2016 ganz alleine auf Lesbos ankommt, ist er 15 Jahre alt. Der Asylsuchende aus Afghanistan versucht alles, um zu seinem älteren Bruder in Deutschland zu gelangen: Er klettert auf eine Fähre, wobei er fast ertrinkt. Er kauft sich einen bulgarischen Ausweis in der Hoffnung, auf dem Landweg weiterzukommen. Er wird erwischt.

Zwei Jahre später ist Majid in Griechenland gestrandet. Er zog in Unterkünfte auf Lesbos und Athen und musste wieder ausziehen. Er wurde sexuell missbraucht, war in Schlägereien verwickelt, hatte Ärger mit der Polizei und verlor den letzten Rest Hoffnung. So erzählt er es. Zweimal habe er versucht, sich umzubringen, sagt er.

Majids Schicksal ist so einzigartig wie das jedes minderjährigen Flüchtlings, der an Europas Außengrenze strandet. Aber es zeigt, dass die EU kläglich daran scheitert, den Schwächsten zu helfen, den traumatisierten Kindern und Jugendlichen, die vor Krieg und Gewalt oder einfach aus Hoffnungslosigkeit geflohen sind.

Am schlimmsten ist es, wenn sie mit Griechenland und Deutschland zu tun haben - dem wichtigsten Tor zu Europa und dem begehrtesten Ziel von Asylbewerbern dort.

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Fotostrecke: Minderjährig, geflüchtet, allein

Die griechischen Behörden wollen möglichst viele der unbegleiteten Minderjährigen zu ihren Verwandten nach Deutschland schicken. Nicht nur, weil Kinder zu ihren Familien gehören, sondern auch, weil sich Griechenland nicht um sie kümmern kann. Mehr als 3000 unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind derzeit im Land, es gibt aber nur rund tausend Plätze in geeigneten Einrichtungen. Fast 1900 Kinder stehen auf Wartelisten, Hunderte leben auf der Straße, irgendwie. Das Land ist heillos überfordert, es fehlt an Personal, Infrastruktur und Unterstützung.

Griechische Asylbeamte, Fachanwälte und Sozialarbeiter sagten dem SPIEGEL, die griechische Unfähigkeit werde nur durch die deutsche Regeltreue übertroffen. Die Behörden in Deutschland ließen kaum noch einen Fehler durchgehen, dabei ist gerade bei der Familienzusammenführung die Bürokratie gewaltig und die Fristen sind knapp.

Es ist ein warmer Augustmorgen, als der SPIEGEL Majid zum ersten Mal trifft. Die Holzbänke auf dem Viktoriaplatz im Zentrum der griechischen Hauptstadt sind von Flüchtlingen besetzt, die Athener schlürfen ihre Eiskaffees in einem der vielen kleinen Straßencafés. Majid trägt schwarzes T-Shirt zur schwarzen Jeans, seinen Kaffee rührt er kaum an, gelegentlich zieht er an einer Zigarette.

Majid floh vor dem Krieg gegen den IS

Er erzählt seine Geschichte, unemotional, in gutem Englisch, mit einer leisen, fast unhörbaren Stimme. Im Juli 2001 wurde er in Afghanistan geboren, seine Familie floh in den Iran, als er ein Säugling war. Er wuchs in Mashhad auf, die zweitgrößte Stadt Irans ist Heimat für viele afghanische Flüchtlinge, denen die Regierung aber die Staatsbürgerschaft mit allen Rechten verwehrt.

Andererseits drängt die iranische Armee die jungen Männer dazu, in Syrien gegen den IS zu kämpfen. Als Lohn winkt die Staatsbürgerschaft, wer sich weigert, landet häufig im Gefängnis. Majid hatte einfach nur Angst: "Ich habe Iran verlassen, weil ich nicht in Syrien kämpfen wollte. Ich wollte nicht sterben".

Majid in einer Unterkunft, in der er ein paar Tage übernachten kann
Giorgos Christides

Majid in einer Unterkunft, in der er ein paar Tage übernachten kann

Seine Mutter half, sammelte bei den Verwandten Geld, um die Schlepper zu bezahlen - insgesamt rund 2000 Euro. Majids Ziel: sein Halbbruder in Deutschland, der seit 2014 in Bayern lebt und eine Ausbildung macht. Der erste Teil der Flucht war einfach: Ende April 2016 machte Majid sich auf den Weg, durchquerte Iran und die Türkei und landete am 14. Oktober 2016 mit einem Schlauchboot auf der Insel Lesbos. Wie die meisten Geflüchteten hatte er die Papiere auf Anraten der Schlepper über Bord geworfen. Viele verbergen so ihre wahre Nationalität, um nicht in ein sicheres Herkunftsland abgeschoben zu werden.

Es war der zweite Teil, der kompliziert, langwierig und schließlich zum Albtraum wurde: Die europäische Bürokratie.

Monatelang passierte überhaupt nichts

Eigentlich folgen die EU-Regeln einer einfachen Logik: Wer aus seiner Heimat flieht und Europa erreicht, darf zu seinen Angehörigen reisen, auch wenn die in einem anderen EU-Land leben. Eine Familie gibt Halt und kann füreinander sorgen. Das Recht auf Familienzusammenführung gilt insbesondere für unbegleitete Kinder und Jugendliche, denn sie sind besonders schutzbedürftig. Geregelt ist das im so genannten Dublin-Verfahren. Der Staat, in dem der Minderjährige die EU betreten hat, stellt demnach ein Übernahmeersuchen an jenen Mitgliedstaat, in dem die Angehörigen leben.

Wer - wie die überwiegende Mehrheit - in Griechenland die EU erreicht, ist also auf die Behörden vor Ort angewiesen. Der Haken: Der Antrag muss binnen drei Monaten nach Registrierung gestellt sein.

In Griechenland wird für Kinder und Jugendliche wie Majid ein Vormund bestellt, der über die Hürden der Bürokratie und des Asylverfahrens helfen soll. Gibt es ein Familienmitglied in einem anderen EU-Mitgliedstaat, informiert der Vormund den griechischen Asyldienst, der wiederum den Antrag stellt.

Bei Majid klappte das nicht: Monate vergingen, ohne dass die Behörden ihn und seinen Wunsch, zu seinem Bruder nach Deutschland zu reisen, zur Kenntnis nahmen. Monate, die er im Flüchtlingslager Moria verbrachte. Dort traf ihn die deutsche Sozialarbeiterin Daliah Vakili, die als Kulturmittlerin in dem größten und berüchtigten Lager Griechenlands arbeitete. Majid fiel ihr auf, sie beschreibt ihn als intelligent, sensibel und nachhaltig frustriert. Moria bezeichnet sie als "schrecklichen Ort", für Kinder gänzlich ungeeignet.

In Moria ist es, ähnlich wie im Gefängnis, für die eigene Sicherheit von entscheidender Bedeutung, sich mit seinen Mitinsassen zusammenzutun. Majid aber wurde von den Iranern als Afghane und von den Afghanen als Iraner abgelehnt. Er fühlte sich, so erzählt er es heute, isoliert, verlassen, verloren: "Moria war die Hölle."

Deutschland lehnt immer mehr Anträge ab

Majid wusste nicht, wer für ihn zuständig ist und er hatte täglich zu kämpfen, mit den schlechten Lebensbedingungen, mit Reibereien im Lager, endlosen Schlangen für die Mahlzeiten, mit Heimweh und Einsamkeit. Und trotzdem schaffte es Majid, mit Hilfe seines Bruders in Passau einen Asylantrag zu stellen. Nur war es dann bereits Mitte Februar 2017, vier Monate nach seiner Ankunft.

Weitere vier Monate später, am 16. Juni 2017, schickte der griechische Asyldienst endlich das Übernahmeersuchen nach Deutschland, acht Monate nach Majids Ankunft. "Unser Büro wurde von Majids gesetzlichen Vertreter verspätet informiert", sagt Isa Papailiou, Leiterin des Büros der verantwortlichen griechischen Behörde.

Die Verzögerung über die vorgeschriebene Dreimonatsfrist hinaus machte Majids Chancen auf Ausreise zu seinem Bruder zunichte. In verspäteten Fällen können die Behörden zwar selbst entscheiden, ob ein Härtefall vorliegt. In Majids Fall entschied das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aber dagegen - und lehnte den Antrag am 4. September 2017 ab. Seitdem gibt es fast nur noch Ablehnungen. Früher zeigten sich die deutschen Behörden großzügig, wenn ihre Kollegen aus Griechenland einen Antrag schickten. Das ist vorbei.

Wird Majid gleich nach seinem 18. Geburtstag abgeschoben?

Die Zahl der Übernahmeersuchen aus Athen an Deutschland ist von gut 370 im Jahr 2014 auf mehr als 1600 bis Ende Juli dieses Jahres gestiegen, die Quote der positiven Bescheide sank aber von über 90 Prozent auf rund 22,5 Prozent. In dem flüchtlingsfeindlichen Klima, das in Deutschland inzwischen herrscht, gibt es offensichtlich wenig Bereitschaft, Fehler in Kauf zu nehmen. (Lesen Sie hier ein Interview zu dem Thema.)

Das Bamf erklärt die gestiegene Zahl der Ablehnungen damit, dass seit 2018 "relevante Unterlagen wie Familienbücher, Geburtsurkunden bzw. Herkunftsnachweise" fehlten, sowie "Übersetzungen dieser Dokumente aus den jeweiligen Herkunftsländern". Zudem hielten sich die griechischen Behörden "auffällig" häufig nicht an die Fristen.

"Unser Dienst tut alles in seiner Macht Stehende", verteidigt sich Isa Papailiou vom griechischen Asyldienst. Im Fall von Majid gab sie nicht auf und reichte zwei weitere Anträge mit zusätzlichen Informationen ein - auch die lehnte das Bamf ab.

Interview mit Anwältin Natassa Strachini

Einen vierten Antrag wird es nicht geben, Majid wird wohl vorerst in Griechenland bleiben müssen. Sein offizielles Asylinterview haben die Behörden auf den 19. Juli 2019 gelegt. Fünf Tage nach seinem 18. Geburtstag. Lehnen die Behörden seinen Antrag dann ab, dürfte er abgeschoben werden. Nicht nach Iran, wo er fast sein ganzes Leben verbracht hat, aber nicht als Staatsbürger anerkannt ist, sondern in sein Geburtsland Afghanistan. "Das wäre schrecklich. In Afghanistan gibt es niemanden und nichts für mich", sagt er.

Eine kleine Hoffnung bleibt

Jetzt gibt es nur noch eine winzige Hoffnung: Um Majids Bruder und die Sozialarbeiterin Daliah Valiki hat sich ein Kreis von Unterstützern für den jungen Afghanen gebildet. Sie haben eine Website aufgesetzt, ein Video gedreht, eine Petition gestartet und alle politischen Hebel in Bewegung gesetzt. Ihnen ist es vermutlich zu verdanken, dass Majid einen Termin bei der Deutschen Botschaft in Athen bekommen hat. Dort will er ein Visum beantragen, um auf diesem Weg doch noch zu seinem Bruder zu gelangen.

Aber Bürokratie ist gnadenlos: Majid braucht dafür einen Reisepass und die von den Behörden des Heimatlands bestätigte und übersetzte Geburtsurkunde. Beides hat Majid nicht und wird es wohl auch nicht bekommen.

Ob er den Willen aufbringt, den Prozess noch einmal zu beginnen, ist unklar. In Moria hatte er einen einzigen Freund gefunden, erinnert sich Vakili. Der Junge war ein Iran-Afghane wie Majid, aber die beiden wurden in den Wirrungen des griechischen Systems getrennt. Seither geht es für Majid bergab. Vakili hält bis heute Kontakt zu ihm und sie macht sich große Sorgen: "Ich weiß nicht, ob er das überlebt", sagt sie und berichtet von Banden, die Geflüchtete durch die Straßen Athens jagen.

Mitte September, als der SPIEGEL Majid zuletzt kontaktierte, war er obdachlos. Er verbrachte seine Tage ziellos in Athen, seine Nächte in einem Park oder einem besetzten Gebäude. Er geht nicht zur Schule, hat keine Freunde, wenig Geld. Die Aussicht, zu seinem Bruder zu ziehen, ist seine einzige Hoffnung.

Gespräche beendet Majid immer mit der gleichen Frage: "Glaubst du, sie lassen mich nach Deutschland gehen?"

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