Familienzusammenführung von Geflüchteten Das erste Lächeln seit dem Schiffbruch

Sie hat ihre vier Kinder verloren, ihr Boot sank auf der Flucht nach Griechenland: Seit Monaten wartet die Afghanin Fahima in Athen darauf, dass sie zu ihrer Familie nach Deutschland darf. Jetzt kam der Bescheid.

Die griechische Insel Agathonisi von der Stelle des Schiffbruchs gesehen
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Die griechische Insel Agathonisi von der Stelle des Schiffbruchs gesehen

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Seit fünf Monaten wartet Fahima in Athen auf einen kleinen Lichtblick in ihrem Leben. Jetzt darf die 45-jährige Afghanin nach Deutschland reisen, wo ihre Angehörigen leben.

Am 16. März hatte sie mit ihrer Familie und einer Gruppe Iraker ein Boot bestiegen, dass sie von der Türkei nach Griechenland bringen sollte - als vorerst letzte Etappe einer langen Flucht. Das kleine Boot sank kurz vor der Insel Agathonisi. Fahima ist eine von nur drei Überlebenden der Tour. Die anderen 16 Menschen ertranken in der kalten Ägäis, neun davon Kinder. Alle hätten wohl gerettet werden können. Auch die vier Kinder von Fahima kamen ums Leben.

Die Afghanin blieb weitgehend unverletzt, an der Trauer aber ist sie fast zerbrochen. Seit ein paar Wochen ist sie in einer kleinen Wohnung in Athen untergebracht. Mit ihr leben dort ihre Schwester Zarghona und deren Kinder Darab und Mariam, 25 und 17 Jahre alt, die schon ein paar Wochen vor Fahima in Griechenland angekommen sind. Zarghona war selbst nicht auf dem Boot, aber sie hat ihren Ehemann, ihre älteste Tochter und zwei ihrer Söhne bei dem Unglück verloren.

"Aus humanitären Gründen"

Aufrecht gehalten hat die vier einzig die Aussicht darauf, mit dem Rest ihrer Familie in Deutschland vereint zu werden. Und die war trüb. Gemäß der Dublin-Vereinbarung kann ein EU-Mitgliedstaat zwar einen anderen darum bitten, ein laufendes Asylverfahren zu übernehmen, um "Personen jeder verwandtschaftlichen Beziehung aus humanitären Gründen, die sich insbesondere aus dem familiären oder kulturellen Kontext ergeben, zusammenzuführen". Aber als die griechischen Behörden im Mai ein sogenanntes Übernahmeersuchen an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) schickte, war die EU über die Frage der Verteilung von Geflüchteten heillos zerstritten.

Fahimas schlimmste Stunden

Selbst die Anwältin der griechischen Flüchtlingshilfeorganisation RSA, Natassa Strachini, die das Unglück vom März ausführlich dokumentierte und Fahima und ihre Angehörigen betreute, war skeptisch. Sie hatte gegenüber den Behörden argumentiert, dass die Afghanen in Deutschland ein stabiles Umfeld und Unterstützung durch ihre Angehörigen haben. Auch Karl Kopp, Leiter der Europa-Abteilung von Pro Asyl, war zunächst wenig zuversichtlich.

Umso größer ist die Freude, dass es jetzt doch klappt. Das Bamf hat alle drei Anträge auf Familienzusammenführung genehmigt - den von Fahima, den von ihrem Neffen Darab, der dafür verantwortlich ist, dass seine Tante gerettet wurde, und den Antrag von Darabs Mutter Zarghona mit ihrer minderjährigen Tochter Mariam. Strachini glaubt, dass auch das große öffentliche Interesse an dem Schicksal der Familie zu der positiven Entscheidung beigetragen hat.

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Die Erleichterung bei den Geflüchteten ist groß: "Ein positiver Bescheid aus Deutschland war unsere letzte Hoffnung auf ein gutes Leben", sagte Darab SPIEGEL ONLINE, als er über die Entscheidung informiert wurde. "Zum ersten Mal seit dem Schiffbruch habe ich ein Lächeln auf den Gesichtern meiner Mutter und meiner Tante gesehen."

Pro Asyl: "Sieg der Humanität"

Karl Kopp von Pro Asyl lobt die Entscheidung des Bamf: "Wir sind sehr erfreut, dass die Humanität hier gesiegt hat", sagte er. In einer traurigen Debatte über die Flüchtlinge in Europa sei das ein Lichtblick. Die Organisationen werden die Afghanen noch betreuen, bis sie zu ihren Angehörigen reisen.

Darab, Mariam, Fahima und Zarghona (von links) in ihrer Wohnung
Giorgos Christides

Darab, Mariam, Fahima und Zarghona (von links) in ihrer Wohnung

Wann genau die vier nach Deutschland können, ist noch nicht klar, aber die Bundesregierung hat generell schnellere Zusammenführungen versprochen - im Gegenzug nimmt Griechenland Asylbewerber zurück, die an der deutsch-österreichischen Grenze aufgegriffen werden und in Griechenland zum ersten Mal registriert wurden. Die Regierung in Athen erwartet, dass Deutschland jetzt die rund 2000 Familienzusammenführungen zulässt, die im jüngsten Streit über die EU-Flüchtlingspolitik gestoppt worden waren.

Vertrauliche Informationen

Die Angehörigen der vier leben und arbeiten in Paderborn und Düsseldorf, einige schon seit Jahrzehnten. Jeden Monat war ein Familienmitglied aus Deutschland nach Athen geflogen, um die Wartenden zu unterstützen. Jetzt freut sich die Familie darauf, dass alle wieder zusammenkommen werden. Sie werden den Verlust nun gemeinsam betrauern können. Die Familie ist dankbar, dass das Bamf trotz der schwierigen politischen Situation die Zusammenführung genehmigt hat.

Nun drängen die Organisationen Pro Asyl in Deutschland und RSA in Griechenland darauf, dass die griechischen Behörden die Umstände des Schiffbruchs weiter genau untersuchen. Eine SPIEGEL-Recherche auf Samos kurz nach dem Unglück hatte ergeben, dass die griechischen Behörden unmittelbar nach dem Schiffbruch informiert worden waren. Fahimas Neffe Darab hatte die Küstenwache alarmiert, aber sie kam erst 24 Stunden später - als Fahimas Kinder längst vor ihren Augen ertrunken waren.

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