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Kampf für Feuerbestattung in Griechenland: "Beleidigung der Toten"

Von , Thessaloniki

Wer nach seinem Tod eingeäschert werden will, hat in Griechenland keine Chance - bis heute gibt es dort nicht ein einziges Krematorium. Die orthodoxe Kirche verhindert Feuerbestattungen, viele Hinterbliebene müssen auf Nachbarländer ausweichen.

Friedhof in Athen (Archiv): Einäscherung unerwünscht Zur Großansicht
REUTERS

Friedhof in Athen (Archiv): Einäscherung unerwünscht

Im Jahr 1996 wurde Antonis Alakiotis um einen Gefallen gebeten, den er nur unter größten Anstrengungen erfüllen konnte. Er sollte sicherstellen, dass der letzte Wille eines Freundes umgesetzt wird: die Einäscherung nach dem Tod. Feuerbestattungen waren in Griechenland damals jedoch gesetzlich verboten. "Diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, für das Recht auf Einäscherung zu kämpfen", sagt Alakiotis. Er gründete eine gemeinnützige Organisation und startete eine Kampagne, um Feuerbestattungen in Griechenland zu legalisieren.

Erfolg hatte Alakiotis zunächst nicht. Als der besagte Freund 2004 starb, musste er 3500 Euro investieren und den Leichnam nach Bulgarien bringen lassen - dort sind Einäscherungen gängige Praxis.

Zwar wurde die Feuerbestattung in Griechenland 2006 legalisiert, aber der Kampf von Antonis Alakiotis ist längst nicht vorbei. Denn noch immer gibt es in dem Land kein einziges Krematorium - auf kommunaler Ebene sind die Widerstände groß. Das liegt vor allem an der mächtigen orthodoxen Kirche: Sie lehnt Feuerbestattungen ab. Und gegen ihren Willen passiert im strenggläubigen Griechenland wenig, mehr als 90 Prozent der Griechen wurden von der orthodoxen Kirche getauft, ihr Einfluss ist gewaltig.

"Seit 2000 Jahren heißt es in der Lehre der Kirche, dass die Toten begraben werden sollen, nicht verbrannt", sagt der einflussreiche Bischof Anthimos von Thessaloniki. "Verbrennung steht unserem Glauben auf Auferstehung entgegen. Warum sollten wir eine solche Praxis billigen?"

Bei Menschen, die sich nach ihrem Tod einäschern lassen, will die Kirche die Begräbniszeremonie verweigern - ein immenses Druckmittel. "Die Kirche kann und will keinen Kompromiss eingehen. Wir werden jedem klar machen: Wenn er sich für Einäscherung entscheidet, wird er verdammt", so Bischof Anthimos.

"Beleidigung der Toten"

Schätzungen zufolge werden täglich mehrere Tote aus Griechenland nach Bulgarien gebracht, um dort verbrannt zu werden. Bestattungsunternehmen bieten diesen Service auf ihren Websites an. Laut Konstantinos Baboulas, einem Bestattungsunternehmer aus Thessaloniki, sind die Kosten vergleichbar mit einer traditionellen Beerdigung: 2500 bis 3000 Euro.

Die meisten Griechen entscheiden sich nach wie vor für eine traditionelle Bestattung. Bei etwa 110.000 Toten pro Jahr sind die Friedhöfe häufig überfüllt. Die große Mehrheit der griechischen Familien mietet daher Gräber nur für drei Jahre. Dann werden die Särge wieder aus dem Boden geholt, um Platz zu schaffen für den nächsten Toten. Nicht immer ist die Verwesung zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen. In diesem Fall werden die Toten in kleinere Gräber gelegt - so lange, bis nur noch das Skelett übrig bleibt, das schließlich in einem Beinhaus aufbewahrt wird. Die Alternative wäre ein privates Familiengrab, was sich aber längst nicht jeder leisten kann.

Die frühen Exhumierungen seien eine "Beleidigung der Toten", sagt Alakiotis. "Einäscherungen würden das Platzproblem lösen und den Hinterbliebenen den Schmerz der Exhumierung ersparen."

Auf die Exhumierungen angesprochen, antwortet Bischof Anthimos, Platz könne nicht wirklich ein Problem sein: "Sie haben keine Probleme, Raum für Golfplätze zu finden."

Im Sommer wurde eine weitere Verordnung verabschiedet, die den Verfechtern der Einäscherung neue Hoffnung gibt: Sie erlaubt Städten, Krematorien außerhalb von Friedhöfen auf städtischen Grundstücken zu bauen. Einer der Befürworter ist Thessalonikis Bürgermeister Yannis Boutaris. Er will 2015 ankündigen, wo, wann und wie das erste Krematorium der Stadt gebaut werde.

Der Bürgermeister war selbst betroffen

"Die Bürger sollten selbst entscheiden können", sagt Boutaris. Er kennt das Problem aus eigener Erfahrung: Als seine Frau Athena starb, bereitete er die Einäscherung in Bulgarien vor. Da sie auch die Riten einer Beerdigung gewünscht hatte, bat er einen befreundeten Priester aus der Stadt Florina, der sich schließlich dazu bereiterklärte.

Das Beispiel zeigt: Der Aufwand für eine Feuerbestattung ist enorm - und nach dem Willen der Kirche soll es in Griechenland künftig nicht einfacher werden. "Die Einäscherung wird hier keine Wurzeln schlagen, Tradition ist hier sehr stark", sagt Bischof Anthimos. Man werde den Gläubigen klarmachen, dass es im Fall von Einäscherungen keine Bestattungsriten geben wird. "Die Verantwortung liegt bei ihnen."

Alakiotis hält das für den bestrafenden Akt einer Institution, die eigentlich die Liebe verbreiten soll. Er fragt sich: "Begräbnisrituale werden auch für Verbrecher abgehalten. Warum sind Menschen, die nach ihrem Tod verbrannt werden wollen, in den Augen der Kirche weniger wert?"

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1. Kirche
FKassekert 22.11.2014
dann muss man eben fuer die Bestattung der Toten andere Riten finden und anwenden. Alles moeglich, Luther hat es ab 1517 bewiesen! Begraben, ausgraben, Beinhaus ... alles gegen den Willen der Leute?
2. Griechenland ist wie Frankfurt am Main
Lampenluft 22.11.2014
Die zuständige Grünendezernentin in Frankfurt am Main hat letztes Jahr für eine Schließung des Frankfurter Krematoriums gesorgt. Dies war eine lang erkämpfte Errungenschaft der Bürger Frankfurt am Mains. Jetzt kann die Stadt im Katastrophenfall nicht mal mehr ihre Toten versorgen und die Frankfurter Bürger bezahlen Mehrkosten für die Transporte außerhalb der Stadt und die dadurch monopolisierte Privatwirtschaft (die in Offenbach auch in den Händen der Grünen ist).Fazit: In Griechenland wird am Fortschritt gearbeitet, in Frankfurt wird der Rückschritt vollzogen. Denn der Bürger bezahlt diesen grünen Wahn.
3. Und in Deutschland?
Germanenkrieger 22.11.2014
Und in Deutschland darf ich die Urne meines/r Liebsten nicht mit nach Hause nehmen, sondern muss sie in ein Erdloch schmeissen,Das finde ich genaus schlimm.Aber wie immer und fast überall auf der Welt geht es halt um die EINE Sache.Umd Geld :-(
4.
humpalumpa 22.11.2014
Glaub es ist eher eine Beleidigung der Toten, nach ihrem Ableben von Maden zerfressen zu werden. Aber gut. Wer das für seine Angehörigen möchte, weil die Religion es so vorbetet, bitte. Die Macht, die Religion in so ziemlich allen Ländern der Welt auch heute noch hat, ist wirklich nicht mehr zeitgemäß. Wann werden Staat und Kirche endlich getrennt? Das gilt auch für Moscheen...
5. Letztendlich kommt es drauf an, wie man sich die Wiederauferstehung vorstellt?
uhu_13 22.11.2014
Und wer nicht daran glaubt irgendwann einmal im Beinhaus aufzuwachen, hat auch wirklich kein Problem damit eingeäschert zu werden? Letztendlich, jeder nach seiner Fasson.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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