Panorama

Schiffbruch vor Griechenland

Überlebende erheben schwere Vorwürfe gegen Küstenwache

Ein Flüchtlingsboot sinkt vor einer griechischen Insel. 16 Menschen sterben, nur drei retten sich an Land. Nun klagen die Überlebenden an: Die Küstenwache habe von dem Unglück gewusst - aber nichts getan.

Von Samos berichten und

Montag, 26.03.2018   13:49 Uhr

Es war eine erschütternde Meldung, die vor gut einer Woche aus Griechenland kam: Ein Flüchtlingsboot kenterte vor der kleinen Insel Agathonisi, wenige Seemeilen vor der türkischen Küste. An Bord waren zwei Familien aus Afghanistan und dem Irak, viele Kinder und Jugendliche, auch ein wenige Monate alter Säugling, insgesamt 21 Personen. Doch nur drei Erwachsene schafften es an Land - alle Kinder ertranken. Zwei Personen werden noch vermisst, dabei soll es sich um die Schleuser handeln.

Es sind die ersten Flüchtlinge, die in diesem Jahr in der Ägäis gestorben sind. Nach Aussagen der Überlebenden hätten sie gerettet werden können. Die Vorwürfe der Flüchtlinge wiegen schwer - und sie sind begründet. Das scheint auch auf höchster politischer Ebene in Griechenland angekommen zu sein. Zwei Minister, die möglicherweise die politische Verantwortung für die Katastrophe tragen, sind am Wochenende auf die Insel Samos geflogen, um die Überlebenden zu treffen.

Zuerst kam der neue griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas am Freitag auf die Insel und traf die Überlebenden im örtlichen Krankenhaus. Die zwei Frauen und ein Mann sowie ihre Angehörigen machen die Behörden für ihr Leid verantwortlich. Die Verantwortlichen hätten nicht gehandelt, obwohl sie von dem Schiffbruch gewusst hätten, sagten sie einem Team des SPIEGEL, das auf Samos recherchiert.

Christoph Koitka/ SPIEGEL ONLINE

Hafen von Agathonisi

"Das Boot sinkt! Wir sinken!"

Die Geschichte, die der Minister zu hören bekam, ist verstörend: Die Familie aus Afghanistan befand sich demnach auf dem Weg zu ihren Verwandten. Einer aus der Familie war schon vor zwei Monaten auf Samos gelandet, er lebt derzeit in dem überfüllten Flüchtlingslager auf der Insel. Seine Angehörigen informierten ihn am frühen Freitagmorgen über WhatsApp davon, dass sie auf dem Weg sind.

Die Flüchtlinge kamen wohl schnell voran von der türkischen Küste in Richtung Agathonisi. Die Entfernung: knapp 20 Kilometer Luftlinie. Doch kurz vor der rettenden Insel kenterte das Boot. Die Ursache für das Unglück ist unklar. Am frühen Morgen schickten sie - ebenfalls per WhatsApp - einen Hilferuf an ihre Angehörigen. Eine Sprachnachricht, voller Panik. "Das Boot sinkt! Wir sinken!" Danach Stille.

Der afghanische Verwandte auf Samos alarmierte nach SPIEGEL-Informationen sofort Polizei und Küstenwache. Er telefonierte mit mehreren Verantwortlichen in Athen und auf Samos, er schickte Textnachrichten und sprach mit der Polizei. Sie alle beruhigten ihn: Deine Familie ist sicher. Er wollte das nicht glauben und hakte nach, immer wieder, beim Polizeiposten im Flüchtlingslager, bei der örtlichen Polizeiwache auf Samos.

Was die Behörden taten, wen sie alarmierten und ob überhaupt, ist unklar.

Mehr als 24 Stunden später

Sicher ist: Die einzige großangelegte Rettungsaktion, die von der Küstenwache verlautbart wurde, startete erst am Samstag, mehr als 24 Stunden nach dem ersten Notruf. In der Mitteilung vom frühen Samstagnachmittag heißt es, "eine umfassende Such- und Rettungsaktion nach vermissten Ausländern ist seit den frühen Morgenstunden im Gang".

Da hatte ein Bewohner der Insel Agathonisi die Überlebenden entdeckt. Er alarmierte daraufhin die Küstenwache, die mit 13 Schiffen, zwei Helikoptern und einem Flugzeug ausrückte. Doch alles, was die Retter zu diesem Zeitpunkt noch tun konnten, war, die Toten zu bergen und die drei Überlebenden ins Krankenhaus auf die größere Insel Samos zu bringen.

privat

Minister Kouroumblis (r.) im Krankenhaus von Samos

Sah eine Schiffsbesatzung den Sterbenden zu?

Im Krankenhaus konfrontierten die Überlebenden - eine Afghanin, eine Irakerin und ein Iraker - den Migrationsminister nun mit weiteren Vorwürfen: Sie erklärten, die Küstenwache habe nicht nur wegen der Anrufe und Textnachrichten Bescheid wissen müssen. Auch sei ein Schiff stundenlang vor Ort gewesen - in Sichtweite habe es gewartet und nicht auf die Rufe, das Winken reagiert. Erst als fast alle Schiffbrüchigen aus Erschöpfung oder Unterkühlung ertrunken seien, sei das Schiff abgedreht. Um was für ein Boot es sich gehandelt haben soll, ist nicht klar.

Die drei Überlebenden sahen ihre Kinder sterben. Mit letzter Kraft und ohne die Kleinen über Wasser halten zu können, retteten sie sich selbst bis ans Ufer. Jetzt verlangen sie eine Erklärung dafür, warum keine rechtzeitige Hilfsaktion gestartet wurde. Eine Antwort hatte der Politiker nicht, er versicherte nur, dass alles getan werde, um Leben zu retten.

Zwei Tage nach dem Migrationsminister erschien dann auch der griechische Minister für Schifffahrt und Inseln, Panagiotis Kouroumblis, auf Samos und suchte ebenfalls das Gespräch mit den Überlebenden. Ganz offensichtlich hatte sich der Minister bei der Küstenwache erkundigt, ob es einen Notruf am Freitagmorgen gegeben habe. Die Antwort: Ja, aber man habe mehrfach versucht, den Anrufer zurückzurufen, doch niemand habe geantwortet.

Dem SPIEGEL liegen jedoch Belege vor, dass der Angehörige der in Seenot Geratenen am Freitag mehrfach mit den zuständigen Stellen von Polizei und Küstenwache in Kontakt war, vom frühen Morgen bis mindestens zum Mittag. Danach ging er nach eigener Aussage bis zum Abend mehrfach zu verschiedenen Polizeiposten und bat darum, nach seiner Familie zu suchen.

Die Überlebenden forderten den Minister nun auf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Kouroumblis versprach das und noch mehr: "Deshalb bin ich hier", sagte er im Krankenzimmer, "um zu untersuchen, was passiert ist. Und wenn jemand verantwortlich ist, werde ich sehr hart sein."

Weitere Artikel
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH