Waldbrände in Griechenland "Sie wollten die Rettung und haben den Tod gefunden"

Griechenland erlebt die verheerendsten Waldbrände seit mehr als zehn Jahren. Mehr als 50 Menschen starben, Überlebende berichten von dramatischen Szenen. Die Feuer bringen die Einsatzkräfte an ihre Grenzen.

Von , Thessaloniki


Ioannis Makris ist seit 30 Jahren beim griechischen Roten Kreuz. "So etwas Schreckliches habe ich noch nie erlebt", sagt er dem SPIEGEL. "Und ich hoffe, dass ich es nie wieder erleben muss."

Makris leitet den Einsatz des Roten Kreuzes bei den verheerenden Waldbränden in der Region Athen. Er gehört zu den Einsatzkräften, die 26 Leichen in Mati bargen, einem Viertel der Hafenstadt Rafina nahe Athen. Die Toten sind Opfer der verheerenden Waldbrände, die in Griechenland wüten.

Es sind die verheerendsten Brände in Griechenland seit mehr als einem Jahrzehnt. Am Nachmittag teilte die Feuerwehr mit, es seien mindestens 74 Personen ums Leben gekommen. Zuvor war von etwa 50 Todesopfern die Rede gewesen. Die Zahl der Verletzten wird mit mehr als 170 angegeben.

Regierungschef Alexis Tsipras ordnete drei Tage Staatstrauer an. Er versprach den Betroffenen Hilfe. Zypern, Spanien, Italien und Bulgarien sicherten Griechenland zu, Flugzeuge, Einsatzkräfte, Ärzte und Löschfahrzeuge zu schicken.

Die Flammen lodern weiter, etwa 700 Personen wurden in Sicherheit gebracht. Temperaturen von etwa 40 Grad und Windböen erschweren die Lösch- und Rettungsarbeiten. Einige Feuer sind inzwischen unter Kontrolle.

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Waldbrände in Griechenland: Inferno bei Athen

Die 26 Toten in Mati wurden in einem Feld gefunden, kaum 20 Meter vom Meer entfernt. Einsatzkräfte vermuten, dass die Gruppe zunächst versuchte, dem Feuer über eine Straße zu entkommen. Dieser Weg sei aber versperrt gewesen.

Deshalb habe sich die Gruppe mutmaßlich Richtung Wasser orientiert - im Meer habe sie Schutz vor den Flammen suchen wollen. Allerdings hätten Felsen am Strand einen rettenden Sprung unmöglich gemacht. So kamen ganze Familien ums Leben. Manche der Opfer, berichtet Makris, hätten sich vor ihrem Tod umarmt und seien in dieser Position gefunden worden.

"Sie wollten die Rettung und haben ihren Tod gefunden", sagte Vassilis Andriopoulos vom Roten Kreuz, der vor Ort war, im Fernsehen. "Es ist eine unbeschreibliche Tragödie."

Überlebende berichten von dramatischen Szenen. Eine Frau, die per Boot aus Mati in Sicherheit gebracht wurde, sagte dem TV-Sender SKAI: "Mati gibt es nicht mehr. Ich habe Tote und verbrannte Autos gesehen. Ich kann froh sein, dass ich noch am Leben bin. Es war schwierig, überhaupt zum Strand zu gelangen. Es war die Hölle."

"Ich vermisse meine Schwester, zwei Enkel und andere Verwandte"

Eine Frau, die in Mati war und nun im Krankenhaus liegt, sagte der Onlinezeitung "Iefimerida", das Feuer sei gegen fünf Uhr am Nachmittag aufgekommen. "Der Strand war voll, Einheimische, Touristen. Ein Mann kam und schrie, wir sollten ins Wasser gehen." Die Wellen hätten die Leute aufs offene Meer hinausgetrieben. "Ich war fünf Stunden im Wasser", sagte die Frau. Erst am späten Abend habe ein Fischerboot sie an Bord genommen.

Das Schicksal vieler Menschen aus der Region ist ungewiss, die Behörden zählen fast 200 Vermisste. Am Morgen versuchten Menschen verzweifelt, Angehörige und Freunde zu finden. Ein Mann aus Mati sagte dem TV-Sender SKAI: "Ich vermisse meine Schwester, zwei Enkel und andere Verwandte. Ihre Handys sind alle aus. Sie sind nicht in ihrem Haus. Ich hoffe, sie leben noch." Auf Facebook veröffentlichen Betroffene Appelle, bei der Suche zu helfen.

Rot-Kreuz-Mitarbeiter Makris ist inzwischen in Kineta, einem Küstenort etwa 50 Kilometer westlich von Athen. Dort brennt es noch immer. Makris und seine Kollegen gehen von Tür zu Tür, schauen in jedes Auto, ob sich Leichen darin befinden.

"Ich hoffe, die Zahl der Todesopfer wird nicht dreistellig"

Gleichzeitig versuchen etwa 150 Feuerwehrleute mit mehr als 70 Fahrzeugen, die Flammen unter Kontrolle zu bringen. Die Armee und freiwillige Helfer unterstützen die Einsatzkräfte. Eine Einwohnerin Kinetas beschrieb, wie die Flammen den Ort umschlossen hätten. "Kineta brennt von einer Seite zur anderen. Unsere Häuser sind verbrannt."

Evangelos Bournous, Bürgermeister von Rafina, sprach im griechischen Radio von einem "biblischen Desaster". "Ich habe wirklich Angst, ich kann nicht fassen, dass so viele gestorben sind. Ich hoffe, die Zahl der Todesopfer wird nicht dreistellig", sagte er. "Ich habe mein Haus verloren, meine Familie war in Gefahr." Bournous zufolge stieg die Zahl der Toten auf mehr als 60.

Die Verstorbenen werden in ein Leichenschauhaus nach Goudi gebracht, einen Stadtteil Athens. Die Polizei befürchtet, dass es schwierig werden könnte, die verbrannten Körper zu identifizieren.

Mit Material von dpa und Reuters



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