Von Carsten Volkery, London
Er war tagelang die Hauptfigur eines landesweiten Skandals. In "Newsnight", der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, wurde er des Kindesmissbrauchs bezichtigt. Sein Name fiel in der Sendung zwar nicht, doch waren die Anspielungen auf den "ranghohen Tory-Politiker" so eindeutig, dass er im Internet umgehend geoutet wurde.
Dabei hatte Lord McAlpine sich nichts zuschulden kommen lassen. In dem Kinderheim, in dem er in den achtziger Jahren angeblich einen Jungen missbraucht haben sollte, war er nie gewesen. Das kam allerdings erst heraus, als es schon zu spät war. Die Journalisten hatten den Politiker mit den Vorwürfen nicht konfrontiert.
Nun holt der frühere Tory-Schatzmeister und Thatcher-Vertraute zum Gegenschlag aus. Mit der BBC hat er sich am Donnerstag bereits auf eine Entschädigung von 185.000 Pfund geeinigt. Am Wochenende war BBC-Chef George Entwistle zurückgetreten, weitere Mitarbeiter sind suspendiert.
Der vermeintlich aussichtslose Kampf gegen das Internet-Gerücht
Als nächstes will der Lord sich die Twitter-Nutzer vornehmen, die seinen Namen mit Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht haben. Schon bevor die "Newsnight"-Sendung am Freitagabend vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde, zirkulierte McAlpines Name in dem sozialen Netzwerk. Der Journalist Iain Overton vom Bureau of Investigative Journalism, das den TV-Bericht produziert hatte, kündigte das Outing des vermeintlichen Kinderschänders an.
Nach der Ausstrahlung der Sendung mischten sich auch Prominente ein. "Warum taucht Lord McAlpine in den Trends auf?", twitterte Sally Bercow, die Ehefrau des Sprechers des Unterhauses, John Bercow, anspielungsreich. Und sie fügte hinzu: "Unschuldiges Gesicht". Auch der bekannte "Guardian"-Kolumnist George Monbiot wollte sich nicht mit der Anonymität des vermeintlichen Täters zufriedengeben und twitterte McAlpines Namen. Beide haben über 50.000 Follower, die Nachricht wurde unzählige Male weitergeleitet.
McAlpines Fall zeigt, wie schnell sich falsche Anschuldigungen heute verselbständigen können. In Deutschland hatte Bettina Wulff, Frau des früheren Bundespräsidenten, ebenfalls diese Erfahrung gemacht, als ihr eine Rotlichtvergangenheit angedichtet wurde.
Wie Wulff versucht auch McAlpine, gegen das Internet-Gerücht zu kämpfen; auch wenn das beinahe aussichtslos erscheint. Er will alle Twitter-Nutzer, die ihn verleumdet haben, verklagen. "Twitter ist kein Ort, wo man einfach ungestraft lästern kann, und wir werden das beweisen", sagt McAlpines Anwalt Andrew Reid. Sein Team habe sämtliche Tweets und Retweets archiviert, auch die inzwischen gelöschten. Die Verurteilung per Twitter sei "eine sehr gemeine Art, Leuten unnötig wehzutun", sagte der Anwalt. Das gerichtliche Vorgehen solle den Betreffenden eine Lektion sein.
"Es wird die Leute eine Menge Geld kosten"
McAlpine will sich nicht mit Entschuldigungen zufriedengeben, sondern fordert eine Entschädigung. "Es wird die Leute eine Menge Geld kosten", sagte sein Anwalt. Mit der Drohung will er möglichst viele Verleumder dazu bewegen, wie die BBC eine außergerichtliche Einigung zu suchen. Dies sei am Ende am günstigsten, sagte Reid.
Bercow hat sich bislang nicht entschuldigt. Sie halte ihren Tweet nicht für rufschädigend, twitterte sie, er sei "nur dumm". Sie will nun ebenfalls ihre Anwälte einschalten.
Monbiot hat sich bereits zweimal bei McAlpine entschuldigt. In einem öffentlichen Statement schrieb er: "Ich habe dabei geholfen, einen unschuldigen Mann schlechtzumachen." Es tue ihm unendlich leid, zu den "fiebrigen Anspielungen" beigetragen zu haben. Man akzeptiere die Entschuldigung, sagte Reid. Aber auch Monbiot solle zahlen.
McAlpine gibt sich keinen Illusionen hin. Sein Ruf werde sich von dieser Sache nie wieder erholen, sagte der 70-jährige Engländer. Er sei tief schockiert, seine Frau außer sich vor Wut.
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