Großbritannien Die Drinks-and- Drugs-Europameister

Die Briten sind Europameister im Konsumieren illegaler Drogen. Das hat Tradition, aber die Experten wissen nicht so recht warum - oder machen das miese Wetter dafür verantwortlich.

Von , London


Prinz "Harry Pothead": Nicht mal sonderlich wild
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Prinz "Harry Pothead": Nicht mal sonderlich wild

London - Prinz Harry, die Nummer drei bei der Thronfolge im Vereinigten Königreich, war gerade mal 16, als er vergangenes Jahr zusammen mit Freunden im väterlichen Schloss Highgrove seine ersten Marihuana-Joints rauchte. Dabei trieb es "Harry Pothead", wie er seitdem gerne genannt wird, im Vergleich mit anderen adoleszenten Sprösslingen der Royals nicht mal sonderlich wild.

Harrys Vetter Nicholas Knatchbull, ein Patensohn von Prinz Charles, verbrachte bereits etliche Wochen in einer amerikanischen Drogenklinik; und "Der Ehrenwerte" Lord Frederick Windsor, ein Cousin der Queen, schnupfte auf Londoner Schickeria-Partys munter Kokain.

Es sind allerdings nicht nur Verwandte Ihrer Majestät Elisabeth II, die auf der Insel illegalen Rauschmitteln zugetan sind. Auch viele ihrer Untertanen ziehen es vor, die Welt nicht immer nüchtern zu sehen. Die Briten halten - wie die EU-Agentur für Drogen in Lissabon feststellte - den Titel der Europameister im Konsum von Rauschgiften aller Art.

Kein Grund, nüchtern zu bleiben
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Kein Grund, nüchtern zu bleiben

Demnach haben 29 Prozent aller Schüler auf der Insel vor ihrem 16. Geburtstag bereits Cannabis probiert. Und während etwa in Deutschland 3,7 Prozent aller Jugendlichen schon mal Ecstasy geschluckt haben, sind es in Großbritannien mehr als dreimal so viel.

Bedenklicher ist der massenhafte Genuss harter Drogen. Das Londoner Super-Model Naomi Campbell schnupfte jahrelang weißes Pulver, bevor sie sich den "Anonymen Narkotikern" anschloss. Gerade wurden zwei prominente Fernsehmoderatoren ihre Jobs los, nachdem Boulevardblätter sie als Kokser geoutet hatten.

Nicht nur bei den noch weiter verbreiteten aufputschenden Amphetaminen, sondern auch den härtesten illegalen Drogen, den Opiaten, sind die Briten vorneweg: Ein Drittel des in der gesamten EU beschlagnahmten Heroins wurden auf der Insel sichergestellt.

Auf eine laxe Einstellung von Polizei und Justiz lässt es sich nicht schieben, dass der Drogenkonsum auf der Insel zum Volkssport geworden ist. "Im Vergleich zu den Niederlanden", sagt der auf Rauschgiftdelikte spezialisierte Londoner Strafverteidiger Paul Crampin, "sind die Strafen hier zu Lande drakonisch."

Supermodel Campbell: Jahrelang weißes Pulver geschnupft
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Supermodel Campbell: Jahrelang weißes Pulver geschnupft

Doch schon im "Swinging London" der sechziger Jahren konnten die Cops mit ihren Razzien bei Rockstars wie Mick Jagger oder Paul McCartney nicht verhindern, dass illegale Drogen zum essenziellen Bestandteil einer Popkultur wurden, die wiederum die gesamte britische Gesellschaft prägte.

Brandon Cox von der Londoner Forschungsstelle "DrugScope" macht neben der Dominanz der Popkultur "unsere Nähe zu Amerika" für den verbreiteten Drogenkonsum verantwortlich. Zwar haben inzwischen auch Produzenten-Länder - Kolumbien mit Kokain oder Pakistan mit Heroin - massive Probleme, doch weltweit führend beim Rauschgiftkonsum sind mit Abstand seit langem die Amis.

Mit ihnen verbindet die Briten auch das Erbe des protestantischen Puritanisms. Ein klassisches Element ihres Nationalcharakters, die steife Oberlippe, scheint sie besonders empfänglich für enthemmende Substanzen zu machen. "Ecstasy", so meint die in London lebende Argentinierin Maria Quevedo, die die Anfänge der Rave- und Club-Szene miterlebt hat, "ist die ideale Droge für die verklemmten Engländer."

Ecstasy-Pillen: Widrigen Lebensumständen mit "drinks and drugs" begegnen
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Ecstasy-Pillen: Widrigen Lebensumständen mit "drinks and drugs" begegnen

Während es für solche kulturellen Erklärungsversuche bislang keine wissenschaftliche Evidenz gibt, lässt sich eine Hypothese bemühen, die sich sogar statistisch fundieren lässt: das Wetter. Was soll man auch tun, wenn einem über Monate das unwirtlich nasse Klima aufs Gemüt schlägt? Viele Briten versuchen den widrigen Lebensumständen offensichtlich mit "drinks and drugs" zu begegnen.

Gestützt wird die Wetterhypothese von den Iren, auf deren Insel es noch mehr regnet - und die sich im Wettstreit um den Titel des Drogen-Europameisters als härteste Konkurrenten der Briten profiliert haben. Auch die mit langen, dunklen Wintern geschlagenen Skandinavier liegen beim Giftgenuss über dem EU-Schnitt.

"Je weiter man nach Norden kommt", bestätigt das der Londoner Suchtexperte John Marsden, "umso ausgeprägter ist in der Tat der Konsum von Drogen - und übrigens auch Inzest."

"Wir kennen keine Studien zur Frage, warum die Briten so viel Drogen nehmen", sagt freilich Thomas Pietschmann von der Forschungsabteilung der Uno-Agentur für Drogenkontrolle. Die einzige fundierte Hypothese ergäbe sich, wenn man die Einkommensunterschiede in Betracht zöge. "Nirgendwo in Europa nämlich", so Pietschmann, "ist die Kluft zwischen Armen und Reichen so groß wie in Großbritannien." In der Tat leisten sich die Briten eine chancen- und ambitionslose Unterklasse, die keinen rechten Grund sieht, nüchtern zu bleiben.

Im Gegensatz zu diesen Crack und Heroin rauchenden Ghettokids muss man sich um die Drogenfreunde der königlichen Familie wohl keine Sorgen machen. Bereits Königin Victoria hat vorexerziert, dass sich das Amt des Staatsoberhaupts über Jahrzehnte wunderbar mit moderatem Drogengenuss vereinbaren lässt. Die Urgroßmutter der Queen gönnte sich regelmäßig Cannabisöl oder ein Gläschen Laudanum - eine im 19. Jahrhundert populäre Mixtur aus Alkohol und Opium.



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