Großbritannien Regierung erwägt Sonderkontrollen für Muslime

Die britische Regierung denkt laut einem Zeitungsbericht darüber nach, die Sicherheitskontrollen an Flughäfen drastisch zu verschärfen - aber nur für einige Passagiere. Wer sich seltsam benimmt, ungewöhnlich aussieht oder bestimmte Länder bereist, gerät ins Visier der Terrorfahnder.


London - Das Verkehrsministerium in London denke darüber nach, mit besonderen Sicherheitschecks jene Fluggäste herauszufiltern, die sich verdächtig verhielten, ungewöhnliche Reisegewohnheiten hätten oder einer bestimmten Volksgruppe beziehungsweise Religion angehörten, berichtete die Tageszeitung "The Times" heute. Das Verkehrsministerium habe mit dem britischen Flughafenbetreiber BAA schon darüber geredet, wie sich die besonderen Kontrollen umsetzen ließen, berichtet die Zeitung. Die BAA betreibt sieben britische Flughäfen. Das Ministerium wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Zwei Passagiere am Londoner Flughafen Heathrow
AP

Zwei Passagiere am Londoner Flughafen Heathrow

Einer der ranghöchsten muslimischen Polizisten in Großbritannien, Ali Dizaei, äußerte im Sender BBC seine Bedenken gegenüber dem Vorhaben. Seiner Ansicht nach gebe es kein besonderes "Profil", an dem ein Terrorist zu erkennen sei, sagte er am Vorabend. Zwar könne es für die Sicherheitsdienste interessant sein, welche Reisen ein Fluggast in der Vergangenheit gemacht habe und wie er sein Flugticket bezahle, sagte Dizaei. Aber besondere Kontrollen würden "hochproblematisch", wenn es um die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe oder einer Religion oder um das Herkunftsland von Reisenden gehe.

Anscheinend solle eine neue Art von Verbrechen in Großbritannien eingeführt werden, "nämlich 'Reisen, obwohl man Asiatisch ist'", kritisierte Dizaei. Ein Sprecher des Muslimischen Rats in Großbritannien wird im "Guardian" mit den Worten zitiert, dass bei Sicherheitskontrollen nicht das Aussehen entscheiden dürfe. In Großbritannien leben rund eineinhalb Millionen Muslime.

Der frühere Chef von Scotland Yard, Lord John Stevens, hatte am Sonntag vorgeschlagen, sich bei den Sicherheitskontrollen auf "junge Muslime" zu konzentrieren. "Der islamische Terrorismus im Westen ist bislang von jungen muslimischen Männern verübt worden, (...) die fast immer alleine oder in kleinen Gruppen reisen", schrieb er in "News of the World".

British Airways fordert Entschädigung für Ausfälle

Die Fluggesellschaft British Airways (BA) prüft mögliche rechtliche Schritte gegen die britische Flughafenbehörde wegen der Störungen im Luftverkehr seit dem Terroralarm. Die Fluggesellschaft ziehe es "ernsthaft in Betracht", von der BAA eine Entschädigung für die Ausfälle von Flügen zu verlangen, sagte eine Sprecherin der britischen Fluglinie am Montagabend in London.

Seit Aufdeckung der mutmaßlich geplanten Anschläge musste die BA wegen der verschärften Sicherheitsvorkehrungen Dutzende Flüge streichen. Im "Guardian" hieß es, der Verlust für die Fluglinie belaufe sich auf umgerechnet rund 74 Millionen Euro. Die Firmensprecherin wollte diese Zahl nicht bestätigen.

Die Ermittlungen in London haben bislang kein greifbares Ergebnis gebracht. Die Polizei durchsuchte mehrere Wohnungen und ein Waldstück westlich von London. Die Ermittler beschlagnahmten dabei mehrere Schusswaffen, wie die BBC meldete. Ob es aber tatsächlich einen Zusammenhang zwischen den Anschlagsplänen und den Waffenfunden gibt, ist noch unklar. Die Behörden halten sich mit Informationen weiter zurück. Am Abend meldete die Polizei eine weitere Festnahme. 24 Verdächtige sind nun vorerst in Haft.

Einer der Hauptverdächtigen der mutmaßlichen Terrorgruppe könnte von Pakistan an Großbritannien ausgeliefert werden. Rashid Rauf habe die britische Staatsbürgerschaft und könne deshalb ausgeliefert werden, auch wenn es zwischen den beiden Ländern kein Abkommen dafür gebe, sagte der pakistanische Außenamtssprecher Tasnim Aslam in der Hauptstadt Islamabad. Pakistan habe aber bislang keinen Auslieferungsantrag aus London erhalten. Rauf soll die entscheidenden Hinweise zur Aufdeckung der geplanten Anschläge geliefert haben; er wurde dem Sprecher zufolge in Pakistan verhört.

Am Mittwoch wollte der britische Innenminister John Reid seine europäischen Kollegen über den derzeitigen Anti-Terror-Einsatz informieren. Neben Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wurden auch die Innenminister von Frankreich, Finnland und Portugal in London erwartet.

ffr/AFP/AP



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