Großfeuer: Der Sommer, in dem Russland brannte

Es war die schlimmste Naturkatastrophe in Russland seit Jahrzehnten: Im Sommer wüteten dort verheerende Waldbrände. Als der Rauch Moskau erreichte, musste auch SPIEGEL-ONLINE-Autorin Ann-Dorit Boy flüchten.

Moskau: Gefahr in der Luft Fotos
AFP

Von den Waldbränden in der russischen Provinz hatte ich schon im Juli gelegentlich in den Moskauer Zeitungen gelesen. Alles unter Kontrolle, hieß es stets. Bis zu dem Freitag Anfang August, an dem der beißende Rauch der brennenden Torffelder plötzlich in meiner Wohnung stand. Vom Balkon aus konnte ich nur mit Mühe das Nachbarhaus erkennen. Auf der Straße gingen die Menschen mit Mundschutz spazieren und im Radio sprachen aufgeregte Moderatoren von zigfach erhöhten Kohlenmonoxidwerten und überfüllten Leichenhallen.

An diesem Tag begriffen ich und die restlichen gut zehn Millionen Moskauer, dass die Waldbrände in dem europäischen Teil Russlands wohl die größte Naturkatastrophe seit Jahrzehnten waren. Nach Wochen der Gluthitze standen 9000 Quadratkilometer Wald und Felder in Flammen. Ganze Dörfer wurden von der Feuerwalze überrollt. Offiziell starben 50 Menschen, vermutlich waren es mehr. Hunderte wurden verletzt, Tausende waren obdachlos.

Während wir Moskauer vor dem Smog in klimatisierte Restaurants flüchteten, verteidigten die Leute in den Branddörfern mit Eimern und Schüsseln voll Wasser ihre Habe. Denn, auch das haben wir erst in diesen Tagen begriffen, es fehlte überall an Feuerwehrleuten, Löschfahrzeugen und Wasserspeichern. Ein Viertel der Weizenernte brannte ab, und die Flammen fraßen sich bis vor die Tore der großen Atomanlagen.

Dann ging Premierminister Putin höchstselbst auf Katastrophentournee. Er legte die Stirn in Falten und versprach den Brandopfern neue und schönere Häuser bis zum Winter. Anfang September bin ich nach Mochowoje gefahren, ein 200-Seelen-Dorf 160 Kilometer südöstlich von Moskau. Außer verkohlten Grundmauern war nicht viel übrig.

Die Bewohner vegetierten in einer Kaserne und warteten auf ihre neuen Unterkünfte, winzige, billig hochgezogene Einfamilienhäuschen. Weil auf dem Baugrund meterhoch das Grundwasser stand, fragte ich einen der Arbeiter, ob das so gedacht sei. "Das hier ist nicht für Menschen", sagte er und lachte, "sondern für Frösche."

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Brandkatastrophe: Bloß weg aus Moskau

Die Gefahr des Rauchs
Wie gefährlich ist der Rauch?
Bei den Wald- und Torfbränden in Russland verbrennt organisches Material. Dabei werden mehrere Gase freigesetzt, vor allem Kohlendioxid (CO2) und das weitaus giftigere Kohlenmonoxid (CO). Eine Vergiftung mit Kohlenmonoxid kann im Extremfall zum Erstickungstod führen. Das Gas bindet sich dabei an roten Blutkörperchen, die eigentlich für den Transport von Sauerstoff zuständig sind. Bei der Vergiftung wird also CO statt Sauerstoff in die Organe transportiert. Die Zellen ersticken dadurch. "Es ist, als wenn man sich bei laufendem Motor in einer geschlossenen Garage ins Auto setzt", sagt Bundesfeuerwehrarzt Hans-Richard Paschen. Vergiftungen durch Rauchgas sind immer Mischvergiftungen, nahezu alle Todesfälle werden aber durch CO verursacht. In Russland kommen die starke Hitze und Rußpartikel hinzu. In der Lunge können Rußpartikel zu einer chemischen Schädigung der Schleimhaut führen. Diese kann wieder ausheilen, bei intensiverer Belastung aber auch das Lungengewebe verändern und verhärten.
Wie können sich die Menschen schützen?
Für die meisten Menschen in Moskau besteht bisher keine Gesundheitsgefahr. Wer aber unter Vorerkrankungen der Lunge leidet, sollte sich am Besten nur in geschlossenen Räumen aufhalten.
Was bringt ein Mundschutz?
Feuchte Tücher vor dem Mund sowie vor Fenstern und Türen helfen nur bedingt. Sie schützen hauptsächlich vor Rußpartikeln, helfen aber nicht gegen die giftigen Gase in der Atemluft. Dasselbe gilt für häufiges Duschen und Mundschutz.
Warum sind Torffeuer besonders gefährlich?
Bei den Bränden werden große Mengen an Treibhausgasen frei, wie Kohlendioxid, Methan und Stickoxide. Die Emissionen sind bei Torfbränden noch viel höher als bei Waldbränden, da sich im Torf über Jahrtausende Biomasse, und damit Kohlenstoff, angesammelt hat. Beim Feuer wird auf einmal sehr viel CO2 freigesetzt. "Wie viel genau, können die Satelliten erst messen, wenn sich der Rauch verzogen hat", sagt Florian Siegert, Biologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Sind die Klimaschäden irreparabel?
Die Gase bleiben in der Atmosphäre. Wald und Torf müssten auf der gleichen Fläche wieder wachsen - bei Torfbeständen dauert dies jedoch bis zu 10.000 Jahre.
Fotostrecke
Waldbrand-Katastrophe: Rauch über Russland

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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