Großwildjäger im Porträt "Jäger zweifeln nie daran, das Richtige zu tun"

Mensch und Tier, Jäger und Gejagte: Der britische Fotograf David Chancellor porträtiert Großwildjäger und ihre Beute. Hier erzählt er, was sie antreibt und wie er in ihre Trophäenräume gelangte.

Von Sofia Dreisbach

Jägerin mit Springbock in Südafrika: "Es ist ein bisschen wie in den Krieg zu ziehen", sagt Fotograf Chancellor
David Chancellor - kiosk

Jägerin mit Springbock in Südafrika: "Es ist ein bisschen wie in den Krieg zu ziehen", sagt Fotograf Chancellor


Ein Junge steht mit blutverschmiertem Gesicht in der südafrikanischen Steppe neben seinem ersten erlegten Tier, einem Ziegenbock. Ein Mann posiert, das Gewehr lässig über die Schulter gelegt, neben einem erschossenen Löwen, der kopfüber an einem Ast aufgeknüpft ist. Ein Jäger mit weißen Haaren sitzt inmitten seiner Trophäen, das Zebrafell zu Füßen, den ausgestopften Bären im Rücken.

Der Fotograf David Chancellor hat diese Momente festgehalten: Bilder des Triumphs und des Stolzes. Bilder, die den Sieg des Menschen über das wilde Tier zeigen. Bilder, die viele Menschen wütend machen.

Der Tod des bekannten Löwen Cecil in Simbabwe hat eine internationale Debatte über Großwildjagd ausgelöst. Nach allem, was bekannt ist, wurde das Tier aus einem Nationalpark gelockt und erst viele Stunden nach der ersten Verwundung getötet.

Die Jagd auf Cecil war vermutlich illegal. Doch der Fall warf grundsätzliche Fragen auf: Wenn reiche Touristen Zehntausende Dollar zahlen, um in Afrika den König der Tiere mit Pfeil und Bogen zu erlegen - ist das dann eine moralische Untat? Oder kann es, wie Befürworter der Großwildjagd sagen, dem Artenschutz sogar dienlich sein? Und was sind das für Menschen, die sich die Köpfe wilder Tiere ins Wohnzimmer hängen?

Fotograf Chancellor, 53, gebürtiger Brite, versucht zu ergründen, wieso Menschen jagen, was sie antreibt und fasziniert. Es geht ihm um die Beziehung von Mensch und Tier in Afrika. Um das, was er "Wildlife Industry" nennt, gewissermaßen die Kommerzialisierung der Natur. Entweder, so erklärt er, werde mit touristischen Besichtigungen Geld verdient. Oder eben mit reglementierten Abschüssen.

In Pose: Ein professioneller Jäger hat seinen Trophäen-Löwen an einem Baum in der Kalahari-Savanne in Südafrika aufgeknüpft.

Feuertaufe: Einem Ritual gemäß trägt ein junger Jäger das Blut des ersten von ihm erlegten Tiers im Gesicht.

Blutverschmiert: Stolz präsentiert ein Jäger den weißen Springbock, den er geschossen hat.

Hoch zu Ross: Eine junge Amerikanerin präsentiert eine in Südafrika erlegte Antilope. Mit diesem Porträt gewann Chancellor 2010 den Taylor Wessing Photographic Portrait Prize.

Erfolgreich im Tarnanzug: ein Jäger in der südafrikanischen Provinz Ostkap

Familientradition: Ein professioneller Jäger mit seinem Sohn, fotografiert in der südafrikanischen Provinz Ostkap

SPIEGEL ONLINE: Mr. Chancellor, wer sind die Menschen, die für viel Geld in Afrika auf Großwildjagd gehen?

Chancellor: Die Jäger sind ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Man kann nicht sagen, die Mehrheit sind Soldaten oder Ärzte. Die Menschen haben nur eines gemeinsam: Sie zweifeln nie daran, das Richtige zu tun. Und es scheint ihnen dabei nicht sonderlich bewusst zu sein, dass sie viele Menschen für sich einspannen. Wenn man Großwild wie Löwen oder Elefanten jagt, was gefährlich ist, braucht man Fährtenleser, Hundeführer, Häuter und einen professionellen Jäger, der einen vor Ort führt. Für die Kunden spielte es nie eine Rolle, dass sie auch das Leben dieser Leute riskieren.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt die Jagdtouristen an?

Chancellor: Es gibt Leute, die an einem Punkt in ihrem Leben sind, an dem sie das Gefühl haben, absolut alles tun zu können und sich alles leisten zu können. Sie wollen eine Herausforderung, die über alles hinausgeht. Es ist ein bisschen wie in den Krieg zu ziehen. Dann gibt es diejenigen, die ihr Leben lang gespart haben, um ein bestimmtes Tier auf eine bestimmte Weise zu jagen. Außerdem gibt es die Sammler, die sich durch eine ganze Spezies arbeiten und jede Katzenart, jede Antilopenart in Afrika schießen.

SPIEGEL ONLINE: Also sind die Gründe sehr verschieden.

Chancellor: Einer der Gentlemen, den ich in seinem Trophäenraum fotografiert habe, hat dort 142 ausgestopfte Tiere. Er hat sein Leben dem Schießen verschiedener Arten gewidmet, immer die größten Tiere. Ich habe keine Ahnung, wieso. Wenn man diese Frage stellt, wird man keine logische Antwort erhalten. Er hat keinen Bedarf, sich zu erklären.

Dieser Jägerin aus Dallas haben es anscheinend Bären besonders angetan.

Kräftemessen: In diesem Fitnessraum in Dallas, Texas, möchte ein Jäger beim Schwitzen seine Trophäen bewundern.

Stubentier: Statt in der Wildnis steht dieser weiße Löwe nun auf einem Felsbrocken im Trophäenraum eines Jägers in Dallas.

An der Wand dieses Jägers, der wie die meisten anonym bleiben möchte, ist kaum noch Platz für weitere Mitbringsel von der Jagd.

Das Zebra zu Füßen: ein Jäger in seinem Trophäenzimmer in Dallas im Bundesstaat Texas

Eisbär, Zebra, Nashorn: Dieser Jäger aus Texas scheint nur wenige Tierarten nicht in seinem Trophäenraum zu haben.

In seiner Serie "Safari Club" zeigt Chancellor Jäger in ihrem Allerheiligsten, dem Trophäenraum. Die Porträtierten sind Preisträger verschiedener Jagd-Auszeichnungen, die vom Dallas Safari Club (DSC) vergeben wurden. Der DSC vertritt die Rechte von Jägern und setzt sich nach eigenen Angaben für den Artenschutz ein.

Einige der abgebildeten Jäger erhielten den "Preis für herausragende Leistungen in der Jagd", die höchste Auszeichnung des DSC. Verlangt wird dafür zum Beispiel der Abschuss aller Arten des nordamerikanischen Großwilds, aller neun spiralhörnigen Antilopen Afrikas oder aller Arten des wilden Ochsen weltweit. Der "Afrika Großwild Preis" geht an Jäger, die die "Großen Vier" erlegt haben: einen afrikanischen Elefanten, einen Büffel, einen Löwen und einen Leoparden.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihre Serie "Safari Club" entstanden?

Chancellor: Wenn ich einen Jäger bei der Löwenjagd begleitete, dann war er meist relativ alt und hatte schon viele Tiere geschossen, bevor er sich für erfahren genug hielt, um einen Löwen zu jagen. So kam ich an Menschen, die ihr Leben lang gejagt haben, aber ich würde sie mit nur einem Tier fotografieren. Ich wollte die vorherigen Stationen betrachten, die sie erst zu diesem Punkt gebracht haben. Ein Tribut an die Menschen, an das Ergebnis der Jagd, an das schiere, unbeirrte Verlangen, das ganze Leben lang zu jagen. Das konnte nur in ihren Trophäenräumen sein.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, in die Häuser der Großwildjäger gelassen zu werden?

Chancellor: Es war extrem schwer. Die meisten Trophäenräume sind Heiligtümer. Die Jäger sitzen in der Regel alleine dort, lesen Zeitung und rauchen. Oft sind die Ehefrauen seit der Hochzeit noch nie in den Räumen gewesen. Die Männer scheinen es zu genießen, von dieser Menge an Tod umgeben zu sein. Es hat mir geholfen, dass meine vorherige Arbeit recht bekannt war und dass dort kein Jäger namentlich genannt wurde.

Chancellor selbst war nach eigener Auskunft noch nie jagen. Er beobachtet und dokumentiert nur, seit 2007 in Afrika. Um die Jäger begleiten zu dürfen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, war viel Vorarbeit nötig. Aber Chancellor wollte dicht ran, er wollte hinter den Vorhang schauen und eine unverfälschte Sichtweise, wie er sagt. Wie viele Jäger er seither begleitet hat, kann er nicht beziffern. Er will auch nicht klar sagen, ob er die Großwildjagd gut oder schlecht findet. Unbeeindruckt lässt sie ihn jedenfalls nicht, der Anblick sterbender Elefanten hat sich in sein Gedächtnis gebrannt.

Chancellor: Als Kind habe ich George Orwells Kurzgeschichte "Einen Elefanten erschießen" gelesen und bei der ersten Elefantenjagd ist sie mir wieder durch den Kopf geschossen. Genau das macht ein Tier durch. Die Hinterbeine knicken unter dem Gewicht ein, der Rüssel wogt durch die Luft und donnert dann auf den Boden. Dann dreht er sich langsam, man sieht vielleicht noch die Reflexion des Himmels in seinen Augen und dann wird das Auge ein Spiegel. Es ist unglaublich schwer zu sehen, dass die Jagd zu so etwas führen kann. Aber es ist genauso schwierig, wenn Wilderer oder eine Krankheit das Tier getötet haben.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Chancellor: Die professionellen Jäger haben mich sehr beeindruckt, sie sind außergewöhnlich. Sie sind eins mit der Natur. Ich habe mit ihnen manchmal Wochen im Busch verbracht. Ihr Wissen über die Natur, die Tierwelt, ist herausragend. Viele von ihnen sagen, dass sie die Prozedur bis zu dem Moment genießen, wenn der Kunde abdrücken will. Dann sind sie enttäuscht, sie genießen das Töten nicht.



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