Aus Copiapó, Chile, berichtet Klaus Ehringfeld
Wer in diesen Tagen in Copiapó mit den 33 Kumpeln sprechen will, die vor einem Jahr aus dem dunklen und feuchten Bauch der Kupfermine San José in der chilenischen Atacama-Wüste befreit wurden, muss entweder viel Geld mitbringen oder viel Glück haben. Kaum einer der Mineros will reden, ohne dafür bezahlt zu werden.
Jorge Galleguillos, der elfte Minenarbeiter, der vor einem Jahr bei der spektakulären Aktion befreit wurde, fragt: "Was ist mein Anreiz"?
Und die Frau und Managerin des zweiten Geretteten, Mario Sepúlveda, setzt gleich einen Preis fest für das Gespräch: 2600 Euro. "Wir berechnen für ein Interview das, was wir auch für einen halbstündigen Vortrag in Rechnung stellen", sagt sie.
Die ganze Welt hatte Anteil genommen am Schicksal der Bergleute, die 69 Tage in 700 Meter Tiefe ausharren mussten. Ihre Auffahrt in die Freiheit in der Rettungskapsel "Fénix 2" wurde in allen Kontinenten live übertragen. 1,3 Milliarden Menschen schauten zu, während die Männer einer nach dem anderen in dieser kalten und klaren Wüstennacht aus ihrem Bergverlies befreit wurden. Zurück im Leben waren sie nicht mehr die einfachen Mineros, die Steine in der Kupfermine geklopft hatten, sondern Personen der Zeitgeschichte. Mehr oder minder.
"Letztes Fenster für 15 Minuten Berühmtheit"
Aber Galleguios, zweitältester Minero der Gruppe, war nicht gefragt. Er hatte unter Tage kaum für Schlagzeilen gesorgt. Er zog nicht Paletten an Telefonkabeln hinter sich her, wie Triathlet Edison Peña, er war kein Führer wie Luis Urzúa, kein Sanitäter wie Yonni Barrios, kein Clown wie Mario Sepúlveda, nicht religiös inspiriert wie José Henríquez und auch nicht depressiv wie Jimmy Sánchez. Galleguios war - wie die meisten der 33 Kumpel - still und introvertiert. Wie die meisten Männer, die viele Jahre ihres Lebens unter Tage zubringen.
So gehörte er zu den Bergleuten, die anschließend eher im Schatten als im Licht standen. Ihm liefen kein deutsches Boulevard-Blatt und kein US-Fernsehsender mit einem Exklusiv-Vertrag in fünfstelliger Höhe hinterher. Aber vor einem Jahr hat er gesehen, wie seine Kumpel Kasse gemacht haben. Jetzt sagt er am Telefon: "Ich will auch meinen Teil haben." Er ergänzt: "Einem von uns hat das japanische Fernsehen 2000 Dollar gezahlt. Da ist mir die Kinnlade runtergefallen, warum soll ich dann mit Dir umsonst reden?"
Das Verhandeln dauert acht Minuten, man legt seine Positionen dar, beteuert, die andere Seite zu verstehen und will nach drei Tagen Bedenkzeit nochmal telefonieren.
Kaum einer hat zurückgefunden
Alberto Iturra, der Psychologe, der die Bergleute und ihre Familien betreute, wundert das Verhalten von Galleguillos und vielen anderen Mineros nicht. "Der Jahrestag ist ihr zweites und vermutlich letztes Fenster für 15 Minuten Berühmtheit. Und diejenigen, die damals leer ausgingen, die wollen jetzt ihren Teil", sagt der Therapeut. Er sitzt in seiner Praxis in Copiapó in einer dicken Winterjacke. Ein kleiner Heizofen vertreibt langsam die Kälte des Frühlingsmorgens. Er selbst sei übrigens auch "pleite", gibt Iturra nebenbei zu verstehen. Zwei Tage nach der Rettung seien ihm die Minenarbeiter "weggenommen" worden. Dabei hätten sie noch lange eine psychologische Begleitung gebraucht, ergänzt er. "Das Resultat sieht man ja jetzt".
Viele Kumpel machten notgedrungen mit ihrem Unglück Geld. Sie sind "Mineros marketineros" geworden, hauptberufliche Selbstvermarkter. Denn den meisten der 33 geht es ein Jahr nach ihrer Rettung schlechter als vor dem Unfall. Und vor allem viel schlechter, als sie es selber erwartet hatten. Kaum einer hat in die Normalität zurückgefunden, viele warten darauf, dass sich die Versprechen auf ein besseres Leben endlich einlösen. "Sie haben gedacht, nach der Rettung fliegen ihnen die gebratenen Tauben in den Mund", betont Psychologe Iturra.
Aber die Journalisten gingen, die Medien fanden andere Helden, und der plötzliche Reichtum schmolz bei vielen wie Schnee in der Wüstensonne. Die Mineros von San José landeten in der rauen Wirklichkeit.
Und so antworten viele der 33 auf die Frage, was sie so machen: "Ich warte." Darauf, dass ihnen jemand eine Arbeit anbietet, auf das große Geld, das ein Hollywood-Film bringen soll. Die 14 ältesten und krankesten der 33 bekommen jetzt immerhin eine Rente von 350 Euro pro Monat. Eine Sammelklage gegen die Regierung haben die Kumpel dennoch angestrengt. Sie soll ihnen Tausende Dollar bringen, aber in der Bevölkerung gelten die Bergleute jetzt als raffgierige Undankbare. Dabei haben bisher fast nur andere das dicke Geschäft gemacht. 17 Bücher sind inzwischen veröffentlicht, andere angekündigt. Alle über, aber keines von oder mit den Mineros.
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