Grubenwunder von Chile "Jetzt wird alles gut"

Die Nächte in der Atacama-Wüste sind lang, kalt, voller Ängste - Doña Alicia, die Mutter eines verschütteten Kumpel, und SPIEGEL-ONLINE-Autor Klaus Ehringfeld sprechen über die Dinge, die sie bewegen. Sie frieren und hoffen und weinen schließlich.

dpa

Irgendwann nahm Doña Alicia meine Hand, drückte sie so fest, wie sie zuvor ihre eigenen Hände ineinander gepresst hatte. "Mi niño", sagte sie mit rauer Stimme, "mein Junge, jetzt wird alles gut."

Wir hatten in dieser kalten Wüstennacht gerade gemeinsam verfolgt, wie Florencio Ávalos als erster der 33 chilenischen Mineros nach 70 von Dunkelheit umschlossenen Tagen den Weg durch den Rettungsschacht in die Freiheit gefunden hatte. Alicia Campos war mir in den zurückliegenden Wochen ans Herz gewachsen, ihr unerschütterlicher Optimismus, ihr viel zu süßer Mate-Tee und ihre Maisfladen, die sie abends, wenn es kalt wurde in der Atacama-Wüste, auf das Lagerfeuer warf.

Alicia brachte Heimeligkeit in diese unwirtliche Umgebung. Sie ist die Mutter von Daniel Herrera, dem Lkw-Fahrer unter den Kumpeln, und sie wartete praktisch seit dem Unfall Anfang August im "Hoffnungscamp" auf die Befreiung ihres Sohnes.

Ich war das erste Mal im September in Chile, um über den Stand der Rettungsarbeiten zu schreiben, und dann fuhr ich nochmals im Oktober, um über die Befreiung zu berichten. Und immer hockte Alicia auf einem Plastikstuhl unter ihrem Sonnendach und war bereit für einen Plausch.

"Was wollen die alle hier?"

Als es dann so weit war saßen wir wieder am Lagerfeuer, um uns herum 2000 Journalisten, Kameramänner, hektische Reporter, grelle Lichter, überall Flachbildschirme in der Wüste. Und Doña Alicia, eine einfache Frau aus einem Dorf im Süden Chiles, sagte nur: "Was wollen die alle hier? Vor einer Woche saß ich noch jeden Abend alleine, jetzt muss ich Termine an Reporter vergeben."

Wenn sie Lust hatte, erzählte sie von der Erinnerungsecke, die sie in ihrem Haus mit all den Geschenken für Daniel einrichten wolle, dass sie ihm die Ohren lang ziehen werde, wenn er je wieder das Wort Mine erwähnt, und dass sie ahnte, wie sich die Frauen an ihren Sohn ranmachen würden, wenn er rauskommt. Schließlich war er einer der wenigen Singles unter den 33.

So sprachen wir über die Dinge, die uns bewegten - und irgendwann erzählte ich ihr, warum ich unbedingt dabei sein wollte, wenn sie die Kumpel rausholten. Ich erzählte von Luz María Dávila, der Mutter in Ciudad Juárez, deren beiden Söhne im Januar von Killern der Kartelle getötet wurden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Ich erzählte von Haiti, wo ich nur Tod und Trümmer gesehen hatte. Und ich sagte ihr, dass ich so gerne über etwas berichten wollte, was ein gutes Ende nimmt, wo das Leben über den Tod siegte.

Und dann passierte mir das, was Doña Alicia zuvor geschehen war, mir kamen die Tränen. "Sie nahm meine Hand, drückte sie fest und sagte nur: "Mi niño, jetzt wird alles gut."

Einige Stunden später sah ich sie dann im Fernsehen, wie sie ihren Daniel in den Arm nahm, als er als 17. Minero aus der Rettungskapsel kletterte. Und tatsächlich war alles gut.



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