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Umstrittene Gurus in Indien: Erlöser in Wrestling-Kostümen

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

YouTube/Meet AV Productions

Ihre Anhänger sind folgsam, ihr Einfluss gewaltig. Manche indische Gurus scheffeln Millionen - und nehmen es mit der Ehrlichkeit nicht so genau. Immer wieder geraten selbsternannte Heilige mit dem Gesetz in Konflikt.

In seinem ersten Spielfilm vollbringt Gurmeet Ram Rahim Singh Ji Insa wahre Wunder, das lässt schon die Vorschau erahnen: Darin spaltet der korpulente Inder mit bloßer Hand Baumstämme, wandelt durch die Luft, legt halsbrecherische Manöver auf einem Motorrad hin und schaltet nebenbei Dutzende Angreifer aus.

"The Messenger of God" ("Bote Gottes") heißt der Bollywood-Streifen. Der Titel scheint durchaus ernst gemeint. Denn Darsteller Rahim ist hauptberuflich kein Schauspieler, sondern religiöser Führer. Ein Guru, wie es viele in Indien gibt.

Mitte Januar sollte die Vorpremiere auf einer Open-Air-Leinwand im indischen Gurgaon steigen, 350.000 Menschen kamen laut "Indian Express" - doch wenige Minuten vor Beginn wurde die Vorführung abgesagt.

Vorausgegangen war ein Zank mit den Ämtern: Die oberste indische Zensurbehörde hatte den Film ursprünglich nicht freigegeben, weil man religiöse Unruhen befürchtete. Eine Beschwerdekammer hob die Entscheidung in letzter Sekunde auf. Die Chefin der Zensurbehörde, Leela Samson, trat kurz darauf wohl auch wegen dieses Vorfalls zurück und klagte über politische Einflussnahme.

Dass der Film dann doch nicht gezeigt wurde, hängt vielleicht mit dieser Vorgeschichte zusammen. In Gurgaon wurden vorsorglich 60 Menschen festgenommen, um Handgreiflichkeiten zwischen Anhängern und Kritikern Rahims zu vermeiden.

Ausgestattet mit übernatürlichen Kräften?

Der Fall zeigt, wie viel Einfluss Gurus in Indien haben können. Viele von Rahims Anhängern werden die Action-Szenen und den Mummenschanz - der Star tritt durchweg goldbehängt und in Wrestling-Kostümen auf - ernst nehmen. Sie glauben ihrem Guru, wenn der in Interviews behauptet, dass es nicht Stunts sind, die im Film zu sehen sind, sondern echte Wunder.

Angeblich bis zu 50 Millionen Anhänger weltweit soll Rahim nach Angaben seiner Organisation Dera Sacha Sauda (DSS) haben. Viele von ihnen werden den Film sehen wollen - als Beweis, dass ihr Guru mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist. Sie werden ein Kinoticket kaufen und den selbsternannten Heiligen so noch reicher machen. Schätzungen indischer Medien zufolge hat Rahim mit DSS ein Vermögen von umgerechnet rund 40 Millionen Euro angehäuft.

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Gurus in Indien: Wenn Glaube reich macht
Gurus sind in Indien oft ungeheuer populär - und manche von ihnen nutzen die spirituelle Führerschaft schamlos aus. Die Methoden folgen einem ähnlichen Muster: Es gibt das Versprechen auf Erleuchtung und Erlösung, eine kräftige Prise Personenkult und eine Fassade aus guten Werken, mit denen die Anführer Spendenaufrufe rechtfertigen. So können die Organisationen Kranken- oder Waisenhäuser betreiben, Schulen bauen und Brunnen finanzieren - allerdings wird darauf oft nur ein Teil der Spenden verwendet. Fürstliche Anwesen und Flotten teuerster Automobile gehören für einige von Indiens spirituellen Führern dazu.

Der Glaube ist in Indien eine Wachstumsbranche. Berechnungen zufolge nehmen die Abertausenden Prediger, Gurus, Ashram- und Tempel-Betreiber jedes Jahr mehr als 25 Milliarden Euro ein - so schätzt zumindest der Unternehmer Krishnan Ganesh, der selbst mit dem boomenden Devotionalien-Handel OnlinePrasad im Internet Millionen macht. Radhika Ghai Aggarwal, die die indische Verkaufsplattform shopclues.com betreibt, sagt, dass sich das Geschäft mit religiösem Zubehör über ihre Seite allein im vergangenen Jahr versiebenfacht habe.

Mit welchen Tricks Geld gemacht wird, kann man im Sai-Baba-Tempel in Neu-Delhi beobachten. Sai Baba von Shirdi (1836-1918), der ein Mensch gewordener Gott gewesen sein soll, ist bis heute einer der beliebtesten Heiligen Indiens.

Sai Baba von Shirdi Zur Großansicht
Getty Images/ UIG

Sai Baba von Shirdi

Vor allem donnerstags besuchen seine Anhänger die Tempel, die zu seinen Ehren errichtet wurden. Sie kaufen auf dem Markt am Heiligtum Blumen und Puffreis, Tempeldiener nehmen die Opfergaben entgegen - und schaffen sie dann heimlich zurück an die Verkaufsstände, wo sie wieder und wieder verhökert werden.

Wie ein riesiges Sparschwein

Im Tempel sitzt die Statue Sai Babas auf einem riesigen Marmorpodest, das innen hohl ist. Durch Schlitze befüllen die Anhänger den Sockel wie ein riesiges Sparschwein mit Rupien-Noten.

Jeder fünfte Inder lebt in bitterer Armut, viele hungern, viele sind verzweifelt. Sie sind bereit, Mittelsmännern mit angeblich gutem Draht zu den Göttern für ein bisschen Fürsprache ihre letzte Rupie zu geben - leichte Beute für spirituelle Scharlatane. "Die Ärmsten der Armen werden skrupellos abgezockt", sagt Prabir Ghosh, Präsident des Verbands für Wissenschaft und Rationalismus in Indien.

Dass die Regierung nicht einschreitet, hält der in Kalkutta ansässige Autor für einen Skandal. "Die Prediger und die Politiker stecken unter einer Decke. Ein Guru kann Millionen Wähler mobilisieren und manipulieren. Jeder Politiker weiß, dass diese 'Heiligen' Betrüger sind, aber keiner von ihnen würde es wagen, das zu sagen", so Ghosh.

Guru Asaram Bapu sitzt derzeit im Gefängnis

Manche Gottesmänner scheinen irgendwann zu glauben, dass sie über dem Gesetz stehen. Selbst gegen einige prominente laufen oder liefen Prozesse und Ermittlungen, meist geht es um sexuelle Übergriffe, nicht selten auch um Morde an Kritikern oder Rivalen. Der schwerreiche Asaram Bapu etwa sitzt derzeit wegen des Verdachts der Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens in Untersuchungshaft. Als Guru Baba Rampal 2014 im Zusammenhang mit einem Mordfall festgenommen werden sollte, lieferten sich seine Anhänger Straßenschlachten mit der Polizei.

Auch Rahim steht unter Verdacht. Seit kurzem ermittelt die Bundespolizei CBI gegen den 47-Jährigen mit den Rockstar-Allüren: Ihm wird vorgeworfen, 400 Anhänger in seinem Ashram dazu genötigt zu haben, sich kastrieren zu lassen. Der Guru soll den Männern weisgemacht haben, dass sie nur so Gott näher kommen könnten, teilten die Ermittler mit.

Sollte Rahim für schuldig befunden werden, könnte er schon bald hinter Gittern sitzen, statt auf einem Motorrad den Actionhelden zu geben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
plasmopompas 20.02.2015
Nichts ist so absurd, als das nicht irgendwo Menschen daran Glauben würden.
2.
D_v_T 20.02.2015
Ich hatte kurze Zeit überlegt, ob heute nicht doch erster April ist... Leider nein. Man stelle sich vor, hier wäre Vergleichbares mit Schwarzenegger oder Stallone passiert... eigentlich unvorstellbar.
3. Nichts
Georg_Alexander 20.02.2015
setzt die Vernunft und die kritische Distanz besser ausser Kraft als die selbstgewählte Übergabe der Urteilsfähigkeit an andere Idealere, Höhere ... Dies ist die Funktionsweise aller Ideologien - inklusive aller Religionen.
4. Der beste Guru den es je gab!
hermannheester 20.02.2015
So könnte man die Werbung umschreiben, die so mancher dieser "heiligen Männer" zu betreiben pflegen. Sie sind nicht nur "heilig" sondern auch schein-heilig. Immer mehr "Gurus" schießen aus de mBoden und wollen Kasse machen. Die Europäer (vor allem) sie brauchen "ihren Guru" Hauptsache "indisch" (wie die Currywurst).
5. Man darf das Ganze nicht zu ernst nehmen
ultimo44 20.02.2015
Aus unserer westlichen Perspektive und auch aus der Perspektive vieler Inder muten die Gurus und die um sie herum versammelten Glaubensgemeinschaften tatsächlich zumindest grotesk, zumeist betrügerisch und gelegentlich auch verbrecherisch an. Auch ich würde mich dieser Meinung nach dem Besuch einiger Veranstaltungen dieser Art definitiv anschließen. In Gesprächen mit anderen Besuchern dort zeigt sich aber, dass diese die Realitäten durchaus genau so sehen wie wir, diese aber vollständig unterschiedlich bewerten. Zum Beispiel haben sie mit der persönlichen Bereicherung ihres Gurus in der Regel überhaupt kein Problem. Im Gegenteil sehen sie diesen Umstand als Beweis der Richtigkeit seiner Lehre an und folgen ihm deshalb umso mehr. Auch die Bereitschaft, an Wunder zu glauben ist wesentlich höher ausgeprägt als bspw. in Europa. Ich selbst habe diese Gurus stets als amüsant bis lächerlich empfunden und fragte mich immer, wie hunderttausende Ihnen mit leuchtenden Augen an den Lippen kleben können. Die Menschen dort hatten aber auf jeden Fall Ihren Spaß dabei, fühlten sich wahrscheinlich prächtig unterhalten, haben viel zu viel Geld für Bücher und Merchandise ausgegeben und sind dann zufrieden nach Hause gegangen. Ich hatte daher den Eindruck, dass den Gurus eher eine Funktion zukommt, wie man sie bei uns Rockbands, Schlagersängern oder Comedians zuschreibt. Und die dürfen sich ja auch bei uns persönlich bereichern und jeden Blödsinn machen, auf den sie Lust haben, ohne dass das jemand in Frage stellen würde.
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Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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