Gutachter-Schlacht Eschede-Prozess steht vor dem Aus

Acht Monate nach seinem Beginn steht der Prozess um das ICE-Unglück von Eschede vor seinem überraschenden Ende. Weil die Gutachter streiten, kapitulieren die Richter. Nun wird das Verfahren vermutlich eingestellt.

Von und Georg Mascolo


Bei dem Unglück im Juni 1998 waren 101 Menschen ums Leben gekommen
DPA

Bei dem Unglück im Juni 1998 waren 101 Menschen ums Leben gekommen

Hamburg - Der Vorsitzende Richter verstand manchmal nur noch Bahnhof. Eindringlich mahnte Michael Dölp alle Teilnehmer am Prozess um das ICE-Unglück von Eschede, sich klar auszudrücken und doch bitte Fachausdrücke zu vermeiden. Schließlich halte er hier keinen "Kongress über Radreifenlehre“ ab.

Genau diesen Anschein aber hat das Verfahren am Lüneburger Landgericht bisweilen erweckt. Da erörterten Mathematiker die Betriebsfestigkeit von gummigefederten Rädern, da stritten Physiker über Ermüdungsprüfungen, Lastfaktoren und Steifigkeiten. Und das alles zerrte an den Nerven der Juristen.

Nun soll Schluss sein mit dem zermürbenden Fachkolloquium, das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung von 101 Zugreisenden am 3. Juni 1998 steht acht Monate nach Eröffnung offenbar vor dem überraschenden Ende. Am kommenden Montag will Richter Dölp eine 14-seitige Erklärung verlesen, der Kernpunkt: Es sei äußerst schwierig festzustellen, wer die individuelle Schuld für das größte Eisenbahnunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte trage. Deshalb plant die Kammer, das Verfahren gegen die drei Angeklagten, einen pensionierten Abteilungspräsidenten beim früheren Bundesbahnzentralamt, einen Technischen Bundesbahnoberamtsrat und einen Ingenieur beim Radhersteller Vereinigte Schmiedewerke, gegen Zahlung einer Geldauflage einzustellen.

Offiziell wollen sich zwar weder Staatsanwälte noch die Verteidiger dazu äußern, aber bereits im Vorfeld hat die Kammer ihren Vorstoß nach allen Seiten abgesichert. So bedeutete sie der Staatsanwaltschaft, wenn sie nicht zustimme, unter das Verfahren einen Schlussstrich zu ziehen, dann würde es sich noch über Jahre hinziehen, vermutlich ohne dass entscheidend neue Erkenntnisse zu Tage kämen. Neue und aufwändige Gutachten seien notwendig. "Die haben uns die Pistole auf die Brust gesetzt“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft in Lüneburg.

Nun wird wohl alles ganz schnell gehen: In der kommenden Woche sollen Staatsanwälte und Verteidiger zum Vorschlag des Gerichts Stellung nehmen. Der Hamburger Anwalt Otmar Kury hat bereits angekündigt, dass er es "als großen Erfolg der Verteidigung sehen“ würde, wenn das Verfahren eingestellt werde.

Unfallursache war ein defekter Radreifen
AP

Unfallursache war ein defekter Radreifen

Anschließend sollen auch die Opfer und Hinterbliebenen angehört werden, die als Nebenkläger auftreten. Selbst wenn deren Protest heftig ausfallen wird: Nach der Strafprozessordnung ist ihre Zustimmung – anders als die der Angeklagten und der Staatsanwaltschaft – für die Einstellung des Verfahrens nicht notwendig.

Zuvor hatten sich die Juristen und 13 Sachverständige in 53 Verhandlungstagen vergeblich bemüht, aufzuklären, warum der Radreifen des ICE gebrochen war und wer dafür die Verantwortung trägt. Bald war das Verfahren zu einer wahren Gutachter-Schlacht ausgeartet: Auf der einen Seite standen die drei Sachverständigen des Darmstädter Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit, die die Staatsanwaltschaft engagiert hatte. Ihnen gegenüber formierte sich eine Armada von Fachleuten aus aller Welt, die die Verteidigung ins Rennen schickte. Die internationale Besetzung erforderte es, dass jedes Wort simultan in englisch übersetzt werden musste, der japanische Experte bekam sogar einen eigenen Dolmetscher an die Seite.

Die Weltelite der Bahnexperten warf sich gegenseitig Rechenfehler vor, bezichtigte sich falscher theoretischer Ansätze und ungenügender Versuchsanordnungen. Einig seien sich die Fachleute nur in einem Punkt gewesen, sagt Hans-Jürgen Kühlwetter, ehemaliger Leitender Regierungsdirektor beim Eisenbahn-Bundesamt, der für die Fachzeitschrift "Eisenbahn-Revue International“ den Prozess beobachtete: "Vor dem ersten Einsatz unter dem ICE hätten umfassendere Versuche über den Radreifen gemacht werden müssen.“

Die entscheidenden Fragen für das Gericht blieben allerdings unbeantwortet: War der Crash tatsächlich unvorhersehbar, wie einige Gutachter versichern? Sind nur die drei Angeklagten verantwortlich, wie die Staatsanwaltschaft meint? Oder gibt es doch ein "Organisationsverschulden“, wie die Nebenkläger glauben? Dann müssten auch die Bosse der Bahn belangt werden.

Wird das Strafverfahren jetzt eingestellt, bleibt die Frage nach den Schuldigen für immer unbeantwortet - eine Frage, die besonders die Hinterbliebenen und Verletzten bis heute quält.

Für die noch anhängigen zivilrechtlichen Verfahren freilich ist es vor allem bedeutsam, wie Richter Dölp nun die Einstellung nach Paragraf 153 a der Strafprozessordnung begründen wird. Immerhin tönte erst vergangene Woche der US-Entschädigungsspezialist Ed Fagan, er werde die Deutsche Bahn in den USA auf Milliardenzahlungen verklagen.

Kommt der Richter zu dem Schluss, die Bahn trage Schuld an der Katastrophe, es sei nur schwer, die Personen genau zu benennen, so bliebe das Risiko bestehen, dass die Opferangehörigen in Amerika gegen das Unternehmen vorgehen werden. Reichen dem Richter aber ganz einfach die Beweise für einen Urteilsspruch gegen die drei Angeklagten nicht aus, wäre die Bahn, so sehen es besonders deren Juristen, aus dem Schneider. Das Gegenteil vor einem US-Gericht zu beweisen, wäre für die Kläger unbezahlbar.



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