Haiti ein Jahr nach dem Beben Vorher Trümmer, nachher Trümmer

Unzählige Häuser sind zerstört, mehr als eine Million Menschen leben in Zeltlagern, Tausende Kinder suchen ihre Eltern: Ein Jahr nach dem Erdbeben hat sich die Lage in Haiti kaum gebessert. Vorher-Nachher-Fotos dokumentieren drastisch, wie der Wiederaufbau stagniert.

Von Simone Utler


Port-au-Prince - Trümmerfelder, Leichenberge, leidende Menschen: Es waren erschütternde Bilder, die vor einem Jahr aus Haiti um die Welt gingen. Am 12. Januar 2010 wurde der Karibikstaat von einem schweren Erdbeben erschüttert. Mehr als 250.000 Menschen kamen ums Leben, schätzungsweise 1,3 Millionen Einwohner des ohnehin verarmten Landes wurden obdachlos. Besonders betroffen war die Hauptstadt Port-au-Prince. Tote wurden in Lastwagen abtransportiert und in Massengräber gekippt, niemand hat sie gezählt, niemand hat ihre Namen erfasst.

Schnell machte die internationale Gemeinschaft großzügige Hilfszusagen, versprach zehn Milliarden Dollar. Dutzende Hilfsorganisationen kamen in das kleine Land, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt. Stars aus aller Welt riefen zu Spenden auf, reisten in die Krisenregion. Und die Haitianer zeigten ihren unbändigen Willen, das Land wieder aufzubauen.

Doch bisher ist kaum etwas geschehen.

Tausende Gebäude sind noch immer zerstört. Wo einst Ministerien, die Kathedrale, Schulen und Universitäten standen, sind heute freie Plätze - oder Schutthaufen. Lediglich die größten Trümmerteile wurden aus der Stadt geschafft und entlang der Ausfallstraßen verteilt, nicht selten lagen noch Leichen darin. Oder die Trümmer wurden verwendet, um Löcher zu stopfen oder als Fundament für die Zeltstädte der Obdachlosen.

Für viele Haitianer ist bis heute jeder Tag ein Kampf ums Überleben. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebt weit unter der Armutsgrenze. Noch immer haust rund eine Million Menschen in behelfsmäßigen Zeltstädten.

Wie wenig sich seit dem Beben geändert hat, zeigen Vorher-Nachher-Fotos - klicken Sie auf die Grafik:

Auch Altagrace Réaud musste sich in einem der Obdachlosen-Camps von Port-au-Prince niederlassen. Von dem Steinhaus, in dem sie vor dem großen Beben lebte, stehen nur noch drei Wände. Ein Dach gibt es nicht mehr. "Die Besitzer wollen, dass ich für den Wiederaufbau zahle, aber ich habe überhaupt kein Geld", klagt die 59-Jährige, die 13 Kinder und Enkel zu versorgen hat.

"Ein Jahr der verpassten Chancen"

"2010 war ein Jahr der verpassten Chancen für den Wiederaufbau Haitis", empört sich der Oxfam-Leiter für Haiti, Roland Van Hauwermeiren. In Port-au-Prince gebe es außer den Bewohnern der Zeltstädte noch "Hunderttausende andere, die in den Ruinen der Stadt leben", teilte die Entwicklungsorganisation in einer Zwischenbilanz mit. Bislang seien erst fünf Prozent des Schutts weggeräumt und nur 15 Prozent der benötigten Übergangsbehausungen gebaut worden. Schuld daran ist laut Oxfam mangelnde Abstimmung zwischen den Geberländern und mangelnde Entscheidungsstärke der haitianischen Regierung.

Die wenigen erfolgreichen Projekte sind vor allem Hilfsorganisationen oder Privatinitiativen zuzuschreiben, die etwa Schulen oder Kinderheime wieder aufbauen. Auch sind mehrere neue Supermärkte entstanden und kleine Holzhäuser wurden errichtet.

Nach Einschätzung der Hilfsorganisation Care wird der Wiederaufbau des Landes noch Jahre oder auch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

"Grundsätzlich ist das Problem, dass wir uns in Haiti immer noch in der Phase der Nothilfe befinden", sagt Care-Mitarbeiterin Sabine Wilke. Es sei aber schon einiges erreicht worden - und die leidgeprüften Haitianer ließen sich nicht unterkriegen. "Natürlich herrscht Verzweiflung, aber auch ein großer Wille, am Wiederaufbau beteiligt zu werden und mitzuarbeiten."

Die internationale Staatengemeinschaft wurde zwar schnell aktiv - doch die Bedingungen waren extrem schwierig: Die Regierung war angeschlagen, viele Ministerien zerstört und etliche Mitarbeiter tot. Auch die seit 2004 in Haiti stationierte Uno-Mission Minustah hatte ihre Führung und mehr als hundert ihrer Mitarbeiter verloren.

Wirbelsturmsaison, Cholera, Wahldebakel

Die unglaublichen Zerstörungen sind auch nicht die einzigen Probleme, mit denen Haitianer und ausländische Helfer zu kämpfen haben. Direkt nach der Erstversorgung der Erdbebenopfer begann die Wirbelsturmsaison in Haiti - und im Oktober brach auch noch die Cholera aus.

Ausgerechnet in der Phase des Wiederaufbaus brach die seit rund einem Jahrhundert ausgerottete Epidemie aus und breitete sich vom Norden bis ins dicht besiedelte Port-au-Prince im Süden des Landes aus. Bis Ende 2010 starben mehr als 3300 Menschen an der Darminfektion, insgesamt infizierten sich etwa 150.000 Haitianer.

Zu allem Überfluss löste auch noch die Präsidentschaftswahl in Haiti Konflikte aus. Die erste Wahlrunde Ende November war von Fälschungsvorwürfen und gewaltsamen Protesten überschattet. Internationale Experten überprüfen derzeit die Wahlergebnisse, erst danach soll der Termin für die Stichwahl festgelegt werden.

Im Hinblick auf Gewalttaten hat sich die Situation in Haiti nach dem Erdbeben sogar verschlimmert: Frauen und Mädchen sind in den Notunterkünften des Landes laut Amnesty International zunehmend sexueller Gewalt ausgesetzt. Allein für die ersten 150 Tage nach dem Beben am 12. Januar 2010 seien in den Zeltstädten in der Hauptstadt Port-au-Prince und im Süden des Landes mehr als 250 Vergewaltigungen registriert worden.

Unicef lenkt die internationale Aufmerksamkeit auf die Not der Kinder in dem Karibikstaat. Kinder litten besonders unter den aufeinanderfolgenden Krisen in Haiti 2010, erklärte die Unicef-Vertreterin für Haiti, Françoise Gruloos-Ackermans. Rund 380.000 Jungen und Mädchen seien nach wie vor obdachlos und lebten in überfüllten Notlagern - das seien fast zehn Prozent der vier Millionen Kinder im Land. Nur bei rund 1250 von fast 5000 allein aufgefundenen Kindern sei es gelungen, die Eltern oder Angehörige zu finden, heißt es in einem Bericht des Uno-Kinderhilfswerkes.

Die Lage der Kinder in Haiti war bereits vor dem Erdbeben äußerst schwierig. So ging laut Unicef vor dem Beben nur jedes zweite Kind zur Schule, vier von zehn Kindern hatten nicht einmal Zugang zu einfachen Latrinen. 1,2 Millionen Kinder seien schon damals durch Krankheiten oder Gewalt bedroht gewesen, heißt es in dem Bericht.

Doch die Helfer geben die Hoffnung nicht auf.

Der Geschäftsführer von Unicef-Deutschland, Christian Schneider, sagte , Haiti sei "kein hoffnungsloser Fall". Die Haitianer hätten nach der Katastrophe eine "enorme Kraft" bewiesen. "Haiti ist wie ein Patient auf der Intensivstation", so Schneider. "Wir können nicht erwarten, dass der Schwerkranke schon jetzt alleine läuft. Die Hilfe muss weitergehen."

mit Material von dpa und AFP



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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
bonheur 10.01.2011
1. Und jetzt Herr Clinton und wo .....
Zitat von sysopUnzählige Häuser sind zerstört, mehr als eine Million Menschen leben in Zeltlagern, Tausende Kinder suchen ihre Eltern: Ein Jahr nach dem Erdbeben hat sich die Lage in Haiti kaum gebessert.* Vorher-nachher-Fotos*dokumentieren drastisch, wie der Wiederaufbau stagniert. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,738355,00.html
......sind die vielen - auch deutschen - Spendengelder? Und, und, und nur Fragezeichen??????? Das solche Aktionslosigkeiten die Spendenbereitschaft erlahmen lassen, ist nicht verwunderlich! Von mir gibt es keinen Pfennig, wenn ich nur an Pakistan denke, die Raketen zum Mond schießen, event. noch Atomprogramme haben und dann noch Spenden "fordern"!
frubi 10.01.2011
2. .
Zitat von sysopUnzählige Häuser sind zerstört, mehr als eine Million Menschen leben in Zeltlagern, Tausende Kinder suchen ihre Eltern: Ein Jahr nach dem Erdbeben hat sich die Lage in Haiti kaum gebessert.* Vorher-nachher-Fotos*dokumentieren drastisch, wie der Wiederaufbau stagniert. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,738355,00.html
Ich habe nichts anderes erwartet. Der Westen hat sein Gewissen mal wieder mit unnötigen Spendengalas beruhigt und die Menschen in Haiti gehen am Ende leer aus. Ein riesiges Trauerspiel. Aber die Medien feiern weiterhin Leute wie Maschmayer, Claassen und Co., die ihre gierigen Visagen auch noch in die Kameras halten dürfen.
lumpy24 10.01.2011
3. Verschwendung
Es ist schier unglaublich wo die Milliarden und abermals Milliarden fuer Haiti bleiben. Rohstoffe und Arbeitskosten sind in diesem armen Land doch nur marginal. Wo sind die ganzen Spendengelder geblieben? Wuerde mich mal sehr interessieren wenn SPON da mal nachharken koennte!
robr 10.01.2011
4. 1000 Worte
Zitat von sysopUnzählige Häuser sind zerstört, mehr als eine Million Menschen leben in Zeltlagern, Tausende Kinder suchen ihre Eltern: Ein Jahr nach dem Erdbeben hat sich die Lage in Haiti kaum gebessert.* Vorher-nachher-Fotos*dokumentieren drastisch, wie der Wiederaufbau stagniert. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,738355,00.html
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, neun Bilder sagen alles! Es hat sich offensichtlich so gut wie* überhaupt* nichts getan...
taiga, 10.01.2011
5. ----
Zitat von bonheur......sind die vielen - auch deutschen - Spendengelder? Und, und, und nur Fragezeichen??????? Das solche Aktionslosigkeiten die Spendenbereitschaft erlahmen lassen, ist nicht verwunderlich! Von mir gibt es keinen Pfennig, wenn ich nur an Pakistan denke, die Raketen zum Mond schießen, event. noch Atomprogramme haben und dann noch Spenden "fordern"!
Leute, spendet nur noch lokal, vor eurer Haustür. Es gibt genug Bedürftige hier, schaut mal um die Ecke.
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