Haiti-Erdbeben: Die verschleppte Katastrophe

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Fast zwei Jahre ist es her, dass Haiti von einem heftigen Erdbeben erschüttert wurde, doch noch immer ringen die Menschen mit den Folgen der Katastrophe. Fotos zeigen, was sich in dem Land seither verändert hat - zu wenig.

Haiti: Was sich seit dem Beben verändert hat Fotos
REUTERS

Hamburg - Der 12. Januar 2010 war für Haiti eine Katastrophe. Ein Erdbeben der Stärke 7,0 erschütterte den Karibikstaat - und stürzte das ärmste Land der westlichen Hemisphäre noch tiefer ins Elend. Die Zahlen, hinter denen sich der Schrecken verbirgt, sind gewaltig, kaum zu fassen: fast 230.000 Tote, etwa 190.000 zerstörte Häuser, 3978 kaputte oder schwer beschädigte Schulen, 30 zusammengefallene Krankenhäuser, 19 Millionen Kubikmeter Schutt.

Fast zwei Jahre sind seither vergangen, doch der Wiederaufbau kommt nur schleppend voran. Große Teile der Hauptstadt Port-au-Prince gleichen nach wie vor einem Trümmerfeld. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen (Uno) wurde bislang erst knapp die Hälfte der Schuttmassen weggeschafft. Viele dicht bebaute Viertel sind für Maschinen kaum zugänglich, die Beseitigung der Trümmer an diesen Stellen ist äußerst mühsam.

Rund eine halbe Million Haitianer leben laut Uno-Angaben noch immer in teils erbärmlichen Notunterkünften - etwa in einem der engen, schmutzigen Zeltcamps in Port-au-Prince. Hilfsorganisationen sorgen dort zwar für das Nötigste, doch das Leben in den Obdachlosenlagern ist besonders für Frauen gefährlich. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden mehrere tausend Frauen in den Notunterkünften Opfer sexueller Gewalt.

Eine halbe Million Cholera-Kranke

Die medizinische Versorgung war in Haiti seit jeher mangelhaft, doch nach dem Beben hat sich die Situation noch einmal verschlechtert. So forderte die weltweit schlimmste Cholera-Epidemie Tausende Tote. Uno-Blauhelmsoldaten aus Asien sollen das potentiell tödliche Bakterium kurz nach der Katastrophe eingeschleppt haben.

Fast 7000 Menschen im Land seien bereits an der Cholera gestorben, rund 515.000 Haitianer erkrankt, berichtete die "Huffington Post" Ende Dezember 2011 unter Berufung auf Angaben von Hilfsorganisationen. Damit sind mehr als fünf Prozent der etwa zehn Millionen Einwohner des Landes von der Krankheit betroffen. Die Zahl der täglichen Neuerkrankungen sei im Vergleich zum Oktober jedoch deutlich zurückgegangen, so die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen".

Und es gibt auch Fortschritte beim Wiederaufbau. So hat etwa das Deutsche Rote Kreuz (DRK) im vergangenen Jahr laut eigenen Angaben zwei Schulen und eine Universitätsfakultät aufgebaut. Zudem würden gerade die letzten von insgesamt 3000 Wohnhäusern fertiggestellt. Dabei seien auch Toiletten und sanitäre Einrichtungen entstanden - etwas, das in Haiti nicht selbstverständlich ist. So war zuletzt von den benötigten 12.000 provisorischen Toiletten gerade mal ein Drittel in Betrieb.

"Wir brauchen weiter Geld für Haiti"

"Die Situation ist sehr komplex und schwierig", sagt Malteser-Sprecherin Claudia Kaminski. Ihre Hilfsorganisation betreibt in Port-au-Prince Cholera-Prävention in 18 Notunterkünften. "Weil andere Organisationen sich aus diesen Camps zurückgezogen haben, mussten wir unsere Hilfe dort ausweiten", so Kaminski: Zelte reparieren, Latrinen reinigen, Hygiene-Aufklärung. Insgesamt sind neun internationale Kräfte der Malteser-Hilfsorganisation vor Ort, darunter auch einige Deutsche. Unterstützt werden sie von 121 lokalen Mitarbeitern.

8,6 Millionen Euro haben die Malteser seit 2010 an Spenden erhalten. Pro Jahr seien davon 2,6 Millionen Euro ausgegeben worden. Damit wurde unter anderem ein Gesundheitszentrum in Darbonne im Süden des Landes finanziert, das in diesem Jahr in haitianische Hände übergeben werden soll. "Wir brauchen weiter Geld für Haiti", sagt Kaminski.

Der Weg von der ersten Not- und Übergangshilfe hin zu einer echten Entwicklungszusammenarbeit ist beschwerlich. Die Notunterkünfte sollen keinesfalls zu einer Dauerlösung werden. "Der Sinn unserer Hilfe ist ein anderer: Die Leute sollen wieder in ihre Stadtviertel zurückkehren können", so die Malteser-Sprecherin.

Kritik an langsamen Planungen

"Wir haben uns bemüht, das Gesamtbild vor Augen zu haben", sagt Astrid Nissen, Leiterin des DRK-Teams vor Ort und bereits seit Anfang 2005 ununterbrochen in Haiti. "Dort, wo wir einer Familie ein Haus gegeben haben, haben wir auch Hygieneprojekte und Katastrophenvorsorge wie Erste-Hilfe-Kurse oder Risikoanalysen durchgeführt."

Mehr als 33 Millionen Euro an Spenden hatte das DRK 2010 für Haiti gesammelt. Bis heute seien 30 Millionen davon ausgegeben oder verplant. Etwa die Hälfte des Geldes wurde laut DRK für den Bau von Wohnhäusern oder Schulen eingesetzt, ein Drittel für Gesundheitsprojekte. "Heute gibt es in Carrefour eine funktionierende Frühgeborenen-Klinik. Das gab es vor dem Erdbeben nicht. Hier hat die Hilfe wirklich eine langfristige Verbesserung im Vergleich zu vor der Katastrophe bewirkt", so Nissen. Trotzdem, sagt die 40-Jährige, müsse man nach wie vor aufpassen, nicht von den großen Problemen überwältigt zu werden.

Mittlerweile kommen viele strukturelle Schwierigkeiten, die bereits vor der Katastrophe vorhanden waren, wieder an die Oberfläche. "Deshalb besteht die große Herausforderung jetzt darin, langfristig angelegte Programme ans Laufen zu bringen", sagt Nissen. Neben dem Bau von Häusern und Latrinen sowie der Katastrophenvorsorge für die jährlich wiederkehrende Hurrikan-Saison gehe es nun besonders darum, möglichst viele Menschen wieder in die Lage zu bringen, ihr eigenes Einkommen zu verdienen.

Das Rote Kreuz bildet dazu Haitianer in unterschiedlichen Bautechniken aus. Auch die Stärkung der landwirtschaftlichen Produktion und der Fischerei gehören zu den Zielen der Hilfsorganisation. "Für Leute, die aus der Stadt zurück aufs Land kehren, bieten wir technische Beratung und Unterstützung an", sagt Nissen. Grundlegende Werkzeuge oder das Saatgut für die erste Ernte werden vom Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. "Fischern zeigen wir, wie sie die Kühlkette in Gang halten, damit sie ihre Produkte besser vermarkten können", so Nissen.

Die Caritas zieht eine positive Zwischenbilanz ihrer Aufbauarbeit. "Trotz aller Probleme, die unsere Arbeit erschweren, sind wir sehr zufrieden mit dem Erreichten", sagt Caritas-Präsident Peter Neher. Schüler würden in neuen, erdbebensicheren Gebäuden nach modernen Lehrplänen unterrichtet, und in einem Berufsschulzentrum würden Handwerker ausgebildet, die für den weiteren Wiederaufbau wichtig seien. Auch ein Altenzentrum und ein medizinisches Zentrum seien gebaut worden.

Kritik übte Neher daran, dass der lange angekündigte Masterplan der Regierung Haitis zum Wiederaufbau noch immer nicht vorliege. Damit fehlten wichtige städtebauliche Planungen. Wie schleppend die Aufbauarbeiten zum Teil vorangehen, dokumentieren auch diese Bilder.

Mit Material von dpa

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1. Was sollte sich ändern?
kanadasirup 09.01.2012
Zitat von sysopFast zwei Jahre ist es her, dass Haiti von einem*heftigen Erdbeben erschüttert wurde, doch noch immer*ringen*die Menschen*mit den Folgen der Katastrophe. Fotos zeigen, was sich in dem Land seither verändert hat - zu*wenig. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,807326,00.html
Haiti hat - abgesehen von der Kolonialzeit - noch nie funktioniert. Mehrere Interventionen der USA im letzten Jahrhundert haben daran auch nichts ändern können. Wieso sollte sich das jetzt plötzlich beheben lassen?
2. ...
seine_unermesslichkeit 09.01.2012
Zitat von sysopFast zwei Jahre ist es her, dass Haiti von einem*heftigen Erdbeben erschüttert wurde, doch noch immer*ringen*die Menschen*mit den Folgen der Katastrophe. Fotos zeigen, was sich in dem Land seither verändert hat - zu*wenig. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,807326,00.html
Auf dem 5. Foto ist, wenn ich recht schaue, ein Mann mit einer Schubkarre auszumachen. Das erste Foto hingegen wirkt irgendwie gestellt, und zwar so, als ob der Fotograf zu den 3 Männern vorher gesagt hat: "Jungs, legt mal die Schaufel beiseite und tut mal kurz so, als ob ihr den ganzen Tag nix zu tun hättet!"
3. ach nein
leser_81 09.01.2012
Zitat von sysopFast zwei Jahre ist es her, dass Haiti von einem*heftigen Erdbeben erschüttert wurde, doch noch immer*ringen*die Menschen*mit den Folgen der Katastrophe. Fotos zeigen, was sich in dem Land seither verändert hat - zu*wenig. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,807326,00.html
Sorry, aber statt nach internationaler Hilfe und noch mehr Geld zu schreien, bitte erst mal eine Schaufel und eine Schubkarre in die Hand nehmen und anfangen den Schutt weg zu schaufeln. Hierfür benötigt man keine internationale Hilfe. Die grossen Gebäude ohne schweres Gerät OK, sehe ich ein ! Aber was auf den Bilder zu sehen ist, kann sich mit ein bischen Fleißarbeit (wenigestens das Geröll) wegschafffen lassen.
4.
Robert B. 09.01.2012
Aus dem Artikel: "Weil andere Organisationen sich aus diesen Camps zurückgezogen haben, mussten wir unsere Hilfe dort ausweiten", so Kaminski: Zelte reparieren, Latrinen reinigen, Hygiene-Aufklärung. Wieso muss eine Hilfsorganisation Zelte reparieren und Klos putzen? Können die Einwohner das nicht selber? Gebt ihnen Material und gut. Arbeiten müssen sie schon selber. Aber es ist offensichtlich bequemer zu warten bis andere aufräumen und aufbauen.
5.
Roboc 09.01.2012
Deutschland 1945, alles lag in Trümmern, was taten die Menschen? Sie packten an, trotz Hungers, Kälte und Verletzungen! Selbst während des Krieges räumten sie die Straßen von Trümmern und halfen sich gegenseitig. Was machen die Menschen in diesen Ländern? Sie setzen sich auf die Trümmer ihrer Häuser und warten, dass jemand ihnen den Schutt wegräumt! Wer dies nicht sieht ist blind! Dies hat weder etwas mit Rassismus, noch mit einer Verblendung zu tun, sondern etwas mit Realismus. Warum nehmen diese Menschen ihr Schicksal nicht in die eigenen Hände, warum suchen sie die Schuld im System, in der Politik, in Amerika, Europa oder oder oder..... ?
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Fläche: 27.065 km²

Bevölkerung: 10,388 Mio.

Hauptstadt: Port-au-Prince

Staatsoberhaupt:
Michel Martelly

Regierungschef: Laurent Lamothe

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Karte: Haiti mit der Hauptstadt Port-au-Prince

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Hintergrund Haiti
Geografie
Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.
Wirtschaft
Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft des Staates am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert.
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Misswirtschaft und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone haben aus der einst reichen französischen Kolonie Haiti das Armenhaus Amerikas gemacht. Wegen oft gewalttätiger Unruhen und ausufernder Kriminalität, aber auch wegen verheerender Tropenstürme wird immer wieder vor Reisen nach Haiti gewarnt.
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Seit 2004 sorgen Uno-Friedenstruppen für Sicherheit und Ordnung in Haiti. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern zusammen.