Haiti-Katastrophe: EU hilft Erdbeben-Opfern mit 400 Millionen Euro

Die EU wird dem verwüsteten Haiti zunächst mit rund 400 Millionen Euro helfen. Die Brüsseler Behörde fordert allerdings eine bessere Koordination der Rettungsmaßnahmen.

Brüssel - Entwicklungshilfekommissar Karel de Gucht erklärte am Montag, europäische Institutionen und Mitgliedstaaten hätten mehr als 400 Millionen Euro für unmittelbare und langfristige Hilfe in dem von einem schweren Erdbeben zerstörten Land aufgebracht.

Nach Angaben von de Gucht hat die Kommission 30 Millionen Euro für die humanitäre Soforthilfe sowie 107 Millionen Euro als rasche Wiederaufbauhilfe bereitgestellt. Das Geld solle aus dem EU-Haushalt kommen. Vor allem handele es sich um nicht benötigte Mittel, die ursprünglich für andere Länder gedacht gewesen seien, sagte der EU-Kommissar.

Die Union will außerdem 140 bis 150 Beamte der "Europäischen Gendarmerietruppe" (EGF) nach Haiti entsenden. Sie sollen dort auf Wunsch der Vereinten Nationen helfen, die Sicherheit auf der weitgehend zerstörten Karibikinsel wieder herzustellen. Dies teilte der spanische Außenminister Miguel Angel Moratinos am Freitag nach der Sondersitzung des EU-Ministerrates mit.

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Hilfe für Haiti: "Das wird richtig gefährlich"
Diese Truppe besteht aus mindestens 800 rasch einsetzbaren Polizisten aus Frankreich, Italien, den Niederlanden, Portugal, Rumänien und Spanien. Moratinos machte keine Angaben, welche Länder sich am Haiti-Einsatz beteiligen wollten. "Es gibt einen dringenden Bedarf an mehr Sicherheit, um die Verteilung der internationalen Hilfsgüter zu ermöglichen", sagte Moratinos.

Deutschland wird keine Polizisten nach Haiti schicken. "Da sind andere besser präpariert", erklärte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer, in Brüssel. Deutschland verfüge nicht über die Spezialkräfte, um sich daran zu beteiligen. Gefragt seien vor allem Französisch sprechende Polizisten, um in der einstigen Kolonie Frankreichs zu helfen.

Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten werden auch bei einem Sondergipfel am 11. Februar über Hilfe für Haiti sprechen. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy setzte das Thema auf die Tagesordnung des Gipfels, der nach bisheriger Planung über Wirtschafts- und Klimapolitik debattieren wird. Dabei dürfte es auch um den Vorschlag des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu einer internationalen Haiti-Konferenz gehen. "Diese Konferenz wird es zweifellos geben", sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. "Wir müssen aber noch darüber reden, wann und wie das am besten geschieht."

"Wir haben ein eindeutiges Sicherheitsproblem"

Nach dem Erdbeben gibt es aus vielen Ländern inzwischen konkrete Hilfszusagen. Seit der Katastrophe am vergangenen Dienstag wurden nach Angaben der haitianischen Regierung 70.000 Tote aus den Ruinen geborgen und in Massengräbern beigesetzt, Experten gehen von bis zu 200.000 Erdbeben-Opfern aus. Mindestens eine Viertelmillion Menschen wurden Schätzungen zufolge bei dem Beben der Stärke 7,0 verletzt, 1,5 Millionen sind obdachlos.

Die 27 EU-Staaten bereiten sich auf langfristige Hilfe für Haiti vor. "Diese Tragödie erfordert, dass wir alle rund um den Globus erhebliche Anstrengungen unternehmen, um diesem Land zu helfen. Das werden wir tun. Und dies ist nur der Beginn dieses Prozesses", sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton.

Ashton betonte, die EU müsse die Hilfe besser koordinieren. Sie erklärte die Bereitschaft der Europäer, auf Anforderung der Vereinten Nationen auch zum Kampf gegen Plünderungen und Überfälle beizutragen. "Wir haben auch ein eindeutiges Sicherheitsproblem. Und wir haben die Uno gebeten, uns Wünsche nach Unterstützung mitzuteilen." Die EU arbeite mit den USA zusammen. Die Gesamtverantwortung müssten aber die Uno und die Regierung Haitis tragen.

Ashton berichtete auch über erhebliche logistische Schwierigkeiten: "Es gibt Probleme, die Hilfsflugzeuge in den überlasteten Flughafen von Port-au-Prince hineinzubekommen. Und es geht darum, die Straßen zu öffnen, damit die Hilfe überhaupt verteilt und organisiert werden kann. Man kann Hilfsgüter nicht einfach fallenlassen, man braucht einen Plan."

Überlastung behindert Hilfslieferung

Der Flughafen und die Zugangsstraßen zu Haitis Hauptstadt Port-au-Prince sind nach Angaben des Uno-Koordinationsbüros für humanitäre Hilfe (OCHA) noch immer völlig überlastet. In den nächsten 48 Stunden könnten somit keine neuen Hilfslieferungen nach Haiti geflogen werden, teilte das OCHA am Montag in Genf mit. Für neue Güter gebe es keine Lagerungsmöglichkeiten mehr.

Auch auf dem Landweg ist der Transport von Hilfsgütern schwierig: Die rund 300 Kilometer lange Fahrt vom Nachbarland Dominikanische Republik in die haitianische Hauptstadt dauert mehr als 18 Stunden. Grund dafür sind Staus auf den überlasteten Straßen. Die dominikanischen Krankenhäuser an der Grenze zu Haiti sind laut OCHA überfüllt. Es fehle an medizinischer Ausrüstung. Bisher seien zudem erst 3000 bis 4000 Zelte in Haiti eingetroffen. Nötig wären aber 20.000.

Die Bundesregierung hatte am Wochenende angesichts des Ausmaßes der Katastrophe ihre Hilfe für Haiti auf 7,5 Millionen Euro verdreifacht. Am Dienstagabend ist ein Treffen des Ausschusses für humanitäre Hilfe in Berlin geplant, wie Außenamtssprecher Andreas Peschke sagte. Beraten werden solle, wie die Hilfe noch effizienter gestaltet werden könnte. Peschke sagte, am Samstag seien zwei Trinkwasseraufbereitungsanlagen aus Deutschland in Haiti eingetroffen. Mit ihnen könnten 60.000 Menschen mit sauberem Wasser versorgt werden.

Briten und Franzosen haben ihre Hilfe für die Erdbebenopfer ebenfalls aufgestockt. Der britische Entwicklungshilfeminister Douglas Alexander kündigte am Montag eine Verdreifachung der Hilfe auf 20 Million Pfund (22 Millionen Euro) an, um dem "fast beispiellosen Ausmaß an Verwüstung" nach dem Erdbeben der vergangenen Woche zu begegnen. Frankreich stockte die Spendenzusage für die Uno-Hilfe in Haiti am Montag auf zehn Millionen Euro auf.

In dem Katastrophengebiet werden laut Auswärtigem Amt noch 16 Deutsche vermisst. Es sei nicht auszuschließen, dass sich unter ihnen weitere Opfer befänden, sagte ein Sprecher am Montag in Berlin. Bislang wurde ein deutsches Todesopfer bestätigt.

ala/AFP/AP/dpa

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Forum - Hätten Europa und die USA mehr für die politische Stabilität Haitis tun müssen?
insgesamt 1801 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die Frage kommt zu spät
Palmstroem 16.01.2010
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
2. Genau
Brand-Redner 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
3.
forumgehts? 16.01.2010
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
4. Brunnenkinder
archelys 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
5. Titel verweigert!
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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Haiti: Wie kommt die Hilfe zu den Menschen?

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Hintergrund Haiti
Geografie
Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.
Wirtschaft
Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft des Staates am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert.
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Misswirtschaft und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone haben aus der einst reichen französischen Kolonie Haiti das Armenhaus Amerikas gemacht. Wegen oft gewalttätiger Unruhen und ausufernder Kriminalität, aber auch wegen verheerender Tropenstürme wird immer wieder vor Reisen nach Haiti gewarnt.
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Seit 2004 sorgen Uno-Friedenstruppen für Sicherheit und Ordnung in Haiti. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern zusammen.
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