Haiti nach Hurrikan "Matthew" "Verzweiflung wird schnell zu Gewalt"

Der Hurrikan "Matthew" hat auf Haiti verheerende Zerstörungen angerichtet, Hunderttausende leiden große Not. Es kommt zu Plünderungen, Seuchen drohen, Helfer sagen: "Schlimmer geht es fast nicht mehr."

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Krächzen, Fiepsen - dann ist die Verbindung weg. Beim nächsten Anruf ist Bettina Tarakis Stimme wieder da. Die 46-Jährige ist in einem Jeep unterwegs, irgendwo im Département Nippes. Es ist eines der Gebiete, die am stärksten verwüstet wurden. Hier, im Südwesten Haitis, hat Hurrikan "Matthew" besonders schwer gewütet.

Seit drei Tagen ist Taraki in dem Land, um sich für die Caritas ein Bild von der Lage nach dem Hurrikan "Matthew" zu verschaffen. Der Kreis Petite-Rivière, einer der ersten Orte, den sie bereiste, war kurz nach dem Sturm von der Außenwelt abgeschnitten. Es habe erste Cholerafälle gegeben, sagt die Kölnerin. Sauberes Trinkwasser gebe es nicht, teilweise seien auch Friedhöfe überschwemmt und verwüstet worden. Die Seuchengefahr ist groß.

"Der erste Eindruck war verheerend", sagt sie. "Man sieht die totale Zerstörung. Straßen sind abgerutscht, Lkw und Autos liegen auf der Seite und sind ins Wasser geschleudert worden. Häuser sind zerstört." Besonders hart hat es die Landbevölkerung getroffen. Nutztiere sind verendet, Felder und Bananenbäume zerstört - und mit ihnen die Lebensgrundlage vieler Menschen.

Katastrophen am laufenden Band

In den Gesprächen mit den Betroffenen sei die Situation dann noch klarer geworden. "Die sind alle total verzweifelt", sagt die Journalistin. Morgen will sie nach Les Cayes fahren, in das Distributionszentrum, von dem aus die Hilfsgüter im Südwesten des Landes verteilt werden. Dass es dort noch schlimmere Verwüstungen geben kann - Taraki kann es sich nicht vorstellen. "Schlimmer geht es fast nicht mehr", sagt sie. Doch neben Leid habe sie auch eine große Gelassenheit bemerkt. Viele Bewohner des Inselstaats seien Katastrophen mittlerweile einfach gewohnt.

Vor sechs Jahren wurde Haiti von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Mehr als 200.000 Menschen starben in dem Karibikstaat, der ohnehin als eines der ärmsten Länder der Welt gilt. Die Aufbauarbeiten nach der Jahrhundertkatastrophe gelangen trotz Milliardenhilfen kaum. Hunderttausende lebten jahrelang in provisorischen Unterkünften, die Hilfsorganisationen aus aller Welt errichteten. Hilfsgelder versickerten im korrupten politischen System des Landes.

Jean-Michel Vigreux ist schon länger in Haiti. Der 56-Jährige leitet die Vertretung der Hilfsorganisation Care in Port-au-Prince, der Hauptstadt des Inselstaats. "Rund um die Stadt Jérémie habe ich unvorstellbare Zerstörung gesehen", sagt Vigreux.

Verzweiflung wird zu Gewalt

Im Vergleich zu dem großen Beben sei momentan besonders die Lage im Süden beängstigend. "2010 hat es vor allem Port-au-Prince getroffen", sagt Vigreux. "Dieses Mal leidet besonders die Landbevölkerung, die wir sehr schlecht erreichen." Insgesamt sollen nach offiziellen Angaben 1,4 Millionen Haitianer von der Katastrophe betroffen sein. Mehrere Versorgungstouren in den Süden hat Vigreux schon begleitet. Dabei sei ihm auch aufgefallen, dass die Verzweiflung bei vielen Menschen größer werde.

"Verzweiflung wird schnell zu Gewalt", sagt er. Einen Teenager schossen Sicherheitskräfte in die Brust, als Menschen versuchten, einen Lastwagen mit Hilfslieferungen in Les Cayes zu plündern. Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon wurde Zeuge von Plünderungen während seines Besuches in der Stadt.

Cholera breitet sich aus, Schulen werden geschlossen

Auch die Angst vor steigenden Zahlen von Cholera-Opfern aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen steigt. In einem Interview gestand der Uno-Berater David Nabarro, dass man keinen Überblick über die Fälle von Erkrankungen habe. Dazu seien immer noch zu viele Gebiete von der Außenwelt abgeschnitten. "Wir fürchten, dass Menschen in Höhlen oder an anderen Orten ohne Hilfe ausharren, und dass sie vielleicht krank sind."

Vigreux teilt diese Sorge. Seit 2011 sind beinahe 10.000 Menschen in Haiti an Cholera gestorben, nachdem Mitglieder der Friedenstruppe der Vereinten Nationen die Krankheit eingeschleppt hatten. "Ende letzten Jahres gab es einen erneuten großen Ausbruch", sagt Vigreux. "Und mit all den überfluteten Gebieten wird es wahrscheinlich neue Krankheitswellen geben." Eine der Hauptsorgen sei die langfristige Sicherstellung der Trinkwasserversorgung.

Neben der Versorgung mit dem Nötigsten steht auch ein anderer Teil des Alltags still: Nur eine Handvoll Schulen hat nach dem Sturm wieder geöffnet. Obdachlose Lehrer und Schüler wissen nicht, wo sie die Nacht verbringen sollen. Von den durchnässten Lehrbüchern in zerstörten Häusern ganz abgesehen.

Es stehen große Aufgaben bevor, die auch die Übergangsregierung von Präsident Jocelerme Privert stemmen muss, die Neuwahlen aufgrund der Katastrophe erneut verschoben hat. Ob das ohne die starke Hilfe der Völkergemeinschaft gelingt, ist zweifelhaft. Doch die lässt sich dieses Mal bitten. Von den 120 Millionen Dollar, um die die Uno gebeten hat, sind nach Angaben der Organisation erst 15 eingegangen.

Mit Material von Reuters und AP



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