Haitis Waisenkinder "Das Risiko von Entführungen steigt"

Das Beben hat viele Kinder in Haiti zu Waisen gemacht. Ärzte und Medikamente für ihre Versorgung fehlen, dazu kommt die Gefahr von Entführungen und Missbrauch: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht ein Experte von Terre des Hommes über die Risiken - und warnt davor, jetzt das Heil in Adoptionen zu suchen.

Kinder in einem Waisenhaus in Port-au-Prince: "Auffangen und vernünftig betreuen"
AFP

Kinder in einem Waisenhaus in Port-au-Prince: "Auffangen und vernünftig betreuen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Ramm, wie groß ist die Gefahr für Waisenkinder in Haiti, in die Fänge von Menschenhändlern oder Zuhältern zu gelangen?

Wolf-Christian Ramm: Schon vor dem Erdbeben war die Situation für Waisen in Haiti problematisch. Viele Kinder hatten niemanden, der sich um sie kümmert. Bei Katastrophen wie dem Tsunami 2004 wurde gewarnt, dass in Extremsituationen, in denen Durcheinander und Chaos herrschen, die Gefahr steigt, dass Minderjährige zu Opfern von Menschenhändlern werden. Noch haben wir keine entsprechenden Berichte aus Haiti - aber das Risiko von Entführungen und Missbrauch steigt ohne Frage.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Menschenhändler gezielt vor?

Ramm: Leider ja. Sie begeben sich in Zeltlager, an Orte, an denen Trinkwasser, Lebensmittel oder Hilfslieferungen verteilt werden. Hier sprechen die Zuhälter die Kinder direkt an, versprechen ihnen, Hilfe zu holen, Angehörige zu finden oder für Essen zu sorgen. In Wirklichkeit landen die Waisen dann oft in der Prostitution oder werden über dubiose Internetagenturen zur Adoption freigegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man die Kinder schützen?

Ramm: In Haiti sind die staatlichen Strukturen derzeit sehr, sehr schwach. Aber es gibt durchaus lokale Autoritäten, zu denen die Menschen Vertrauen haben und die unbedingt gestärkt werden müssen. Die Kirche spielt in Haiti eine große Rolle. Es ist deshalb wichtig, mit internationaler Hilfe Schutzeinrichtungen für Waisen zu errichten, die Kinder aufzufangen und vernünftig zu betreuen. Dann ist ein großer Schritt getan.

SPIEGEL ONLINE: Gelten die Kirchenvertreter in Haiti als zuverlässige Partner?

Ramm: Sowohl Terre des Hommes in der Schweiz als auch unsere deutschen Partner-Hilfsorganisationen Misereor und Brot für die Welt haben gute Erfahrungen gemacht, wo sie kooperiert haben, soweit ich weiß.

SPIEGEL ONLINE: Sollten die Kinder nicht lieber ins Ausland in Sicherheit gebracht werden?

Ramm: Nein. Ich habe Respekt vor dem Reflex vieler Menschen, angesichts des großen Elends ein Kind adoptieren oder retten zu wollen. Dennoch kann und muss die erste Lösung eine Unterbringung der Opfer in ihrer Heimat sein - zum Beispiel eine Erstbetreuung durch haitianische Eltern, die ja auch Kinder verloren haben und eventuell ihrerseits eine Waise betreuen möchten. Die Kleinen können das Ausmaß der Katastrophe doch noch gar nicht ermessen. Sie sind schwer traumatisiert und müssen dringend behandelt werden - und zwar von Psychologen und Ärzten, die ihre Kultur kennen und ihre Sprache sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Also keine Blitzadoption durch mitfühlende Ausländer, wie sie jetzt durch gelockerte Einreisebestimmungen in den USA oder den Niederlanden favorisiert werden?

Ramm: Das kann in der jetzigen Situation nicht der richtige Schritt sein, weil man in vielen Fällen gar nicht weiß, ob es noch irgendwo Verwandte gibt, die überlebt haben. Eine Adoption ist eine so gravierende Entscheidung auch für die künftigen Eltern, dass so etwas in Ruhe vorbereitet werden muss. Deshalb sind die Gesetze ja so streng.

SPIEGEL ONLINE: Die Kinder sollen also trotz Hunger, Gewalt und Chaos in Haiti bleiben?

Ramm: Unbedingt - aber natürlich nur unter der Voraussetzung, dass gleichzeitig die internationale Hilfe im Land greift. Daran arbeiten wir und viele andere Hilfsorganisationen ja mit Hochdruck.

SPIEGEL ONLINE: Wo engagiert sich Terre des Hommes derzeit?

Ramm: Die Kollegen aus der Schweiz sind mit 57 Helfern in Les Cayes, hundert Kilometer westlich von Port-au-Prince. Derzeit fliehen immer mehr Menschen aus der Hauptstadt ins Umland, auf der Suche nach Schutz und ärztlicher Hilfe. Unter normalen Bedingungen können wir dort 20.000 Menschen drei Monate lang mit Medikamenten, Hygieneartikeln und Nothilferationen versorgen - nach dem Erdbeben sind diese Vorräte allerdings fast aufgebraucht. Wir haben Betreuer, Pflegepersonal und Wasser, aber nur einen Arzt. Dennoch strömen täglich Dutzende Verletzte in unser Nothilfezentrum.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie schon über die akute Soforthilfe hinausgehen?

Ramm: Ja, wir sind sehr froh, dass inzwischen ein weiteres Nothilfe-Expertenteam auf der Insel gelandet ist. Mit dabei ist ein Psychologe, der spezialisiert ist für Erdbeben-Traumatisierte. Er wird Betreuungsprogramme aufbauen, die langfristig funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Vertreter der Malteser befürchten, dass es angesichts der angespannten Versorgungslage für viele schwerverletzte Kinder derzeit kaum Hoffnung auf Überleben gibt. Sind die Kinder verloren?

Ramm: Darüber kann ich nicht spekulieren - derartige Aussagen liegen mir von unseren Kollegen aus Haiti nicht vor. Aber natürlich ist die Versorgung schwerverletzter Kinder ein Wettlauf gegen die Zeit.

Das Interview führte Annette Langer



insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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