Hamburger Horrorlandung "Richtig Schwein gehabt"

Zwei Tage nach dem Beinahe-Crash drängen sich immer mehr Fragen auf: Sind die Lufthansa-Piloten Oliver A. und Maxi J., die ihre Maschine im Sturm landeten, Helden der Luftfahrt, haben sie einfach ihren Job gemacht oder sogar Fehler begangen? Selbst Fachleute sind sich nicht einig.

Von Per Hinrichs


Hamburg - Als der Lufthansa-Airbus "Suhl" am vergangenen Sonnabend schließlich zur Parkposition gerollt war, stiegen 131 sichtlich bleiche Passagiere aus dem Rumpf: Die meisten gingen davon aus, dass sie soeben knapp an einem Unglück vorbeigeschrammt waren, als das Flugzeug bei einem Landeversuch kurz mit der linken Tragflächenspitze den Boden berührt hatte und wieder durchgestartet war.

Zwei Besatzungsmitglieder blieben noch länger an Bord: Kapitän Oliver A., 39, und Copilotin Maxi J. - die 24-Jährige soll "ziemlich durch den Wind" gewesen sein, berichtete ein Angestellter des Flughafens. Ein treffender Satz, denn Sturm "Emma" war maßgeblich am Missgeschick von Flug LH044 beteiligt.

Pech für die Lufthansa: Der Fehlanflug ist durch das Video von "Spottern" bestens dokumentiert. Alle Welt kann sehen, wie die etwa 60 Tonnen schwere Maschine schaukelnd und mit großem Vorhaltewinkel auf die Bahn zusteuert, und die Tragflächenspitze mit dem Asphalt kollidiert. Die Airbus-Piloten haben jedoch nach Lufthansa-Angaben "superprofessionell" reagiert.

Die Fragen, die nun aufgeworfen werden, sind theoretischer Natur: Hätten die Piloten früher durchstarten müssen oder überhaupt nicht landen sollen? Ist die "Suhl" knapp einer Katastrophe entronnen? Kurz, sind die Piloten Helden oder Deppen?

Denn andere Maschinen sind vor und nach der "Suhl" sicher auf der Piste 23 aufgesetzt, direkt vor dem Pechflieger sogar ein wesentlich kleinerer "Cessna"-Geschäftsjet vom Typ "Citation". Dessen Co-Pilot erinnert sich im Gespräch mit dem SPIEGEL, dass "der Anflug schwierig und arbeitsreich war, aber durchaus machbar". Der Wind blies schließlich für alle gleich.

Auch sieht der gesamte Endanflug der Lufthansa-Maschine nicht gerade stabil aus. "Es ist immer schwierig, Situationen im Nachhinein zu beurteilen. Aber dieser Anflug war schon vor dem Aufsetzer verbockt", meint Klaus Tillmann, ehemaliger Pilot bei der Flugbereitschaft der Bundeswehr. Tillmann flog dort unter anderem die Boeing 707 und den kleinen Jet "Challenger". Die Entscheidung, früher durchzustarten, wäre in diesem Fall wohl angebracht gewesen, die Maschine "flog keinen stabilen Anflug".

Die Crew hätte auch woanders landen können. Üblicherweise fliegen Piloten bei zu schlechten Wetterlagen zu Ausweichflughäfen, die sie in ihrem Flugplan auch vor dem Start angeben. In Bremen etwa war die Front schon durchgezogen, der dortige Airport hätte sich angeboten. Andere Piloten entschieden sich an diesem Tag für diese Variante, unter anderem ein Airbus A340 der Flugline Emirates.

Dem Tower ist nach Ansicht der Deutschen Flugsicherung (DFS) kein Vorwurf zu machen: "Der Fluglotse darf dem Piloten die Landung nicht verweigern, auch bei starkem Wind nicht", sagte DFS-Sprecher Axel Raab. Die Entscheidung über die Landung treffe immer der Pilot. Dieser sei zu jedem Zeitpunkt darüber informiert gewesen sei, dass über den Hamburger Flughafen gerade ein Orkan hinwegfegte. Unklar sei, weshalb sich der Pilot für die Landebahn 23 und nicht für die Bahn 33 entschieden habe, die ihm der Tower ebenfalls angeboten habe: "Auf der zweiten Bahn hätte möglicherweise weniger Seitenwind geherrscht", sagte Raab. Allerdings sei die Bahn 23 mit elektronischer Landeführung aufgestattet und deshalb bei Piloten beliebt.

Pilot Klaus Tillmann meint nach dem Sichten des Videos, die Airbus-Besatzung habe "aufgrund des nicht ausreichenden Vorhaltewinkels kurz vor der Landung nochmals in den Wind hineingesteuert" , dadurch wurde der Winkel zwischen der Flugzeuglängsachse und der "Mittellinie" der Landebahn sehr groß. Kurz vor dem Aufsetzen muss das Flugzeug wieder gerade ausgerichtet werden, dabei kam es zu dem Bodenkontakt - durch eine Windböe oder einen Steuerimpuls.

Vorschusslorbeeren möchte Tillmanns, der auch Fluglehrer war, daher lieber nicht verteilen: "Letztendlich aber kann man beide Piloten weder verurteilen noch feiern, solange man nicht weiß, ob es wirklich eine Böe oder ein Steuerfehler war", so der ehemalige Kapitän. "Tatsache ist immerhin, dass das Verhalten im Cockpit einwandfrei war, nachdem klar war, wenn wohl auch erst recht spät, dass eine sichere Landung nicht durchführbar ist", urteilt Tillmann.

Der Ex-Pilot weiß: "Bei Bodenberührungen kann es schnell zu einem Ringelpiez kommen, bei dem das Flugzeug herumgerissen wird und am Boden zerschellt. Alle haben richtig Schwein gehabt."

mit Material von AP



Forum - Fliegen im Extremwetter - Heldenmut oder Leichtsinn?
insgesamt 397 Beiträge
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Seite 1
Zwietracht, 03.03.2008
1.
Zitat von sysopIm Landeanflug auf Hamburg geriet seine Maschine in Turbulenzen, ein Flügel berührte den Boden, doch Lufthansa-Pilot Oliver A. behielt die Nerven. Mit einem gekonnten Manöver verhinderte der 39-Jährige die Katastrophe. Sollte bei Extremwetter der Luftverkehr mehr eingeschränkt werden? War es Heldenmut des Piloten oder eher Leichtsinn?
Der Kapitän war 39, die Co-Pilotin 24 Jahre alt. Daraus jetzt einen Mangel an Erfahrung abzuleiten wäre aber ungerechtfertigt. Heldenmut oder Leichtsinn? Es war vor allem auch Glück im Unglück in Verbindung mit professionellem Handeln des Piloten. Ob die Sturmböe 10 Fuss über der Landebahn in dieser Stärke vorhersehbar war wage ich zu bezweifeln. Anscheinend hat der Pilot beim Decrabben (Flugzeug zur Landebahn geradestellen) auch Aileron zur windabgewandten Seite hin benutzt. Wenn in diesem Moment eine Böe zuschlägt kann so etwas passieren. Letztendlich müssen das die Experten entscheiden.
Danny Wilde 03.03.2008
2.
... nun ja, man kann auch alles zerreden. Wer sind wir Foristen, uns ein Urteil über die Fliegerei zu erlauben? Im SpOn-Artikel ist doch schon alles wesentliche gesagt worden: 1.: Piloten agieren eigenverantwortlich 2.: Notsituationen (wie auch die geschehene) werden bis zum Abwinken geprobt. 3.: Scherwinde / Turbulenzen können immer wieder unerwartet auftreten - es ist also damit zu rechnen, und der Pilot war dank 1. und 2. vorbereitet. Mein Fazit: Kein Held und erst recht kein Leichtfuß, sondern ein LH-Kapitän, der einfach nur dem bekannt hohen Anforderungsprofil der Company entspricht und die richtigen Entscheidungen zu rechten Zeit getroffen hat. Vielleicht hätte er die Entscheidung zum Durchstarten schon früher fällen müssen - das Video schaut schon a weng windig aus... aber genau hier erlaube ich mir kein Urteil; es war eine Frage des Abwägens. Sicher ist, dass diese Situation (ich bin bereit, darauf zu wetten) Anlass für Company-interne Schulungen sein wird. So long, D.W.
Darjaan 03.03.2008
3. Risiko
Auch wenn dieser Lufthanssprecher behauptet, der Pilot hätte alles richtig gemacht, bin ich der Meinung dass er schon früher hätte abbrechen sollen. Dass Flugzeuge in Querdrift angeflogen werden bei Seitenwinden ist ja normal, geht ja nicht anders um Parallel zur Rollbahn zu bleiben, um dann kurz vor dem Aufsetzen die Maschine auch mit dem Fahrwerk zur Landebahn zu fluchten. Aber die Querdrift war meiner Meinung nach in 20-30 m Höge schon viel zu stark. 50 cm mehr gekippt, und die Tragfläche hätte das Flugzeug herumgerissen, es hätte eine Katastrophe gegeben.
TheBrain, 03.03.2008
4. Ein echter Hero
Ein Busfahrer kann an einer Kreuzung gerade noch dem bei rot über die Ampel fahrendem Kleinlaster ausweichen. Der Dachdecker hält seinen Kollegen fest, der fast ausgerutscht und vom Dach gefallen wäre... Ja Helden solchen Kalibers brauchen wir, wenn SPON nix zu schreiben weiß.
rosebud55 03.03.2008
5.
Zitat von sysopIm Landeanflug auf Hamburg geriet seine Maschine in Turbulenzen, ein Flügel berührte den Boden, doch Lufthansa-Pilot Oliver A. behielt die Nerven. Mit einem gekonnten Manöver verhinderte der 39-Jährige die Katastrophe. Sollte bei Extremwetter der Luftverkehr mehr eingeschränkt werden? War es Heldenmut des Piloten oder eher Leichtsinn?
Der Luvwinkel war extrem, er hätte besser den Anflug abbrechen und um eine andere Runway mit geringerer Crosswindkomponente bitten sollen. Der Tower gibt normalerweise auch die Maximum Boeen an. Dass im falschen Moment soche Boeenwalzen kommen oder nicht spielt sich im Bereich Hoffnung und Stoßgebet ab! Die Leistung beim Goaround war natürlich super! Bei solchen Extremwinden sollten die Crosswindbahnen gesperrt werden!
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