Hamburger Terror-Prozess: "Ich kann nicht glauben, dass Atta es war"

Vor dem Hamburger Oberlandesgericht hat sich der mutmaßliche Terror-Helfer Mounir al-Motassadeq erstmals geäußert. Er distanzierte sich grundsätzlich von Terror und Gewalt und beteuerte, von den Plänen der Todes-Piloten um Mohammed Atta nichts gewusst zu haben.

Fotografieren lassen wollte sich der Angeklagte (l.) nicht, doch ein Gerichtszeichner fing die Stimmung vor dem Hamburger Oberlandesgericht auf Papier auf
REUTERS

Fotografieren lassen wollte sich der Angeklagte (l.) nicht, doch ein Gerichtszeichner fing die Stimmung vor dem Hamburger Oberlandesgericht auf Papier auf

Hamburg - Ruhig wirkt er bei seinem ersten großen Auftritt. Ohne sichtbare Nervosität betritt Mounir al-Motassadeq mit einem schlichten grauen Hemd gegen 9.30 Uhr den Saal 237 des Hamburger Oberlandesgerichts (OLG). Mit einem Handschlag begrüßt er seine Anwälte, setzt sich zu seinem Dolmetscher und lauscht der Anklage. Mounir al-Motassadeq, angeklagt als Massenmörder in 3045 Fällen und beschuldigt als Helfer der Todes-Piloten um Mohammed Atta.

Zum ersten Mal äußerte sich der Angeklagte nach der in allen Details bekannten Anklageverlesung. selber zu den Vorwürfen und tat das, was Kenner des Falls erwartet hatten: Motassadeq bestritt, in die Hamburger Terror-Zelle um Mohammed Atta eingebunden gewesen zu sein. Er habe zwar die Attentäter gekannt aber nicht mehr.

Immer nur über Politik geredet

In fließendem Deutsch schilderte Motassadeq, wie er im Jahr 1993 nach Deutschland kam. Nachdem er sich in Hamburg-Harburg für das Studienfach Elektrotechnik eingeschrieben hatte, habe er schnell den späteren Attentäter Mohammed Atta im Jahr 1996 in Hamburg getroffen. Zufällig beim Beten in einer Harburger Moschee sei das gewesen, so die Aussage des Angeklagten. Ebenso schnell habe man sich angefreundet.

Mohammed Atta, der sich schon damals von Vertrauten "el Amir" rufen ließ, sei durch sein Verhalten respektiert worden, nicht durch seine Meinung, so der Angeklagte. Atta habe keine Macht über andere gehabt. "Ich habe nie gehört, dass er anderen Befehle gegeben hat", beteuert Motassadeq.

Vor Gericht: Mounir al-Motassadeq
DPA

Vor Gericht: Mounir al-Motassadeq

Auf weitere Nachfragen sagt Motassadeq, er habe mit Atta nie über irgendwelche Anschlagspläne gesprochen. "Über Selbstmordattentate ist nie geredet worden", sagt er den Richtern in überzeugtem Ton. Er selbst lehne das Töten von Menschen als Mittel der Politik ab. "Selbstmordattentäter sind keine Märtyerer", antwortet er auf mehrmalige Nachfrage der Richter und der Bundesanwälte, "selbst im Krieg gibt es Regeln." Durchaus hätten er und Atta oft über politische Themen wie das Leben der Palästinenser oder der Rebellen in Tschetschenien diskutiert. Atta habe auch vorgehabt, in Tschetschenien zu kämpfen, gesteht Motassadeq ein.

Als ihn der Richter Albrecht Mentz fragt, ob es irgendwelche Zeichen für eine geplante Gewalttat Attas gab, antwortet Motassadeq grundsätzlich. "Gewalt kann nie eine Lösung sein", so der Angeklagte. Auf Nachfrage setzt er hinzu, dass Atta in diesem Punkt vielleicht anderer Meinung war. Auf jeden Fall habe der Ägypter nie über Planungen eines Anschlags gesprochen.

In einer Pause gestanden die Anwälte des Angeklagten am Dienstag überraschend ein, dass ihr Mandant im Jahr 2000 in einem Trainingscamp der al-Qaida war. Bisher hatte Motassadeq das immer abgestritten. Der Aufenthalt in dem Lager, der erst durch einen auskunftsfreudigen Zeugen ans Licht kam, ist ein zentrales Argument für die feste Verbindung Motassadeqs zu den Hamburger Terroristen.

Anwälte bezichtigen Medien der Vorverurteilung

Großer Andrang von internationalen Beobachtern beim Terrorprozess in Hamburg
AP

Großer Andrang von internationalen Beobachtern beim Terrorprozess in Hamburg

Die Anwälte des Angeklagten kritisierten in einer Erklärung eine Vorverurteilung ihres Mandanten durch die Medien und das Durchsickern von Ermittlungsergebnissen der Bundesanwaltschaft in die Öffentlichkeit. Sie gingen von einem Freispruch für Motassadeq aus, so die Juristen. Auch Foto- und Filmaufnahmen von dem Angeklagten gab es nach einer Intervention der Anwälte vor Beginn des Prozesses nicht.

Mounir al-Motassadeq muss sich wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Mord in mindestens 3045 Fällen verantworten. Der 28-jährige Marokkaner war laut Anklage der Bundesanwaltschaft als Helfer der Harburger Terrorzelle um den Todespiloten Mohammed Atta bis zuletzt in die Vorbereitung der Anschläge von New York und Washington eingebunden.

Bereits mehr als drei Stunden vor Prozessbeginn hatten Reporter aus dem In- und Ausland vor dem Strafjustizgebäude gewartet, um einen der knappen Presseplätze im extra umgebauten Saal 237 im Sicherheitstrakt des Gebäudes zu bekommen. Die Polizei hatte die Straßen vor dem Gerichtsgebäude für den Durchgangsverkehr gesperrt.

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