Hamburger Terrorverfahren US-Opfer will Mzoudis Haftentschädigung pfänden

Trotz des Freispruchs für Abdelghani Mzoudi fordert ein US-Opfer des 11. Septembers Schadenersatz von ihm und dem verurteilten Mounir al-Motassadeq. Beim Hamburger Amtsgericht beantragte sie die Pfändung von Mzoudis Haftentschädigung. Der Freispruch belege keineswegs die Unschuld, so die Klage.


Freigesprochener Mzoudi: Haftenschädigung soll gepfändet werden
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Freigesprochener Mzoudi: Haftenschädigung soll gepfändet werden

Hamburg/Berlin - Für Marlaine Levine war der 11. September 2001 der schrecklichste Tag ihres Lebens. Als um 8.45 Uhr die Boeing 767 der American Airlines in einen der beiden Türme des World Trade Center einschlug, hatte die Angestellte der "Port Authority" gerade ihren Dienst angetreten. Die Druckwelle riss sie zu Boden, herumfliegende Glassplitter zerschnitten ihre Haut. Die Frau wurde so schwer verletzt, dass ein Kollege sie auf seinem Rücken aus dem Gebäude schleppte. Bis heute kann sie das Erlebte nicht vergessen.

Als vor wenigen Wochen einer der mutmaßlichen Helfer der Terrorpiloten, der Marokkaner Abdelghani Mzoudi, nach einem spektakulären Prozess letztlich freigesprochen wurde, verstand Levine die Welt nicht mehr. Mzoudi, einer der beiden einzigen noch lebenden Verdächtigen, wanderte als freier Mann aus dem Hamburger Gerichtssaal und grinste in die Kameras. Und der Richter hatte auch noch angekündigt, es müsse über eine angemessene Haftentschädigung diskutiert werden. Ebenso kann Mzoudi wegen der durch den Prozess und die Untersuchungshaft entstandenen Studienlücke auf Ausgleichszahlungen bestehen.

Wenigstens dieses Geld will das US-Opfer nun pfänden lassen. Laut einer Klage, die ihr deutscher Rechtsanwalt heute beim Amtsgericht Hamburg einreichte, soll die Staatskasse die Entschädigungen einbehalten und an das Opfer als Schadensersatz auszahlen. "Es wäre unerträglich für meine Mandantin", sagte der Rechtsanwalt Andreas Schulz zur Begründung, "wenn der deutsche Staat einen mit vielen Zweifeln freigesprochenen Terrorverdächtigen auch noch subventionierte." Vorerst will Schulz jedoch nur die grob errechneten 4708 Euro Haftentschädigung einklagen.

Entscheidung in der Motassadeq-Revision

Ob die Klage vor dem Amtsgericht Erfolg hat, ist offen. In der Klageschrift verweisen die Juristen des US-Opfers auf den Fall O.J. Simpson in den USA. Auch Simpson war strafrechtlich für den Mord an seiner Frau für nicht schuldig befunden worden, ein Zivilgericht hingegen verurteilte ihn zu einer millionenschweren Schadenersatzzahlung. Folgt das Hamburger Gericht dieser Meinung, könnte es die Zahlungen an Mzoudi einfrieren und der Klägerin zusprechen. Allerdings müsste dafür das Gericht - im Gegensatz zum Oberlandesgericht - von der Schuld Mzoudis überzeugt sein.

Mzoudi war vom Verdacht freigesprochen worden, die "Hamburger Zelle" um Mohammed Atta bei ihren Plänen für die Terroranschläge vom 11. September unterstützt zu haben. Allerdings äußerten die Richter bei ihrem Freispruch erhebliche Zweifel an dessen Unschuld. Über eine von der Anklagebehörde beantragte Revision des Falles ist bisher nicht entschieden.

Unabhängig von der neuen Entwicklung im Fall Mzoudi entscheidet morgen der Bundesgerichtshof über die Revision im Fall des Mzoudi-Freundes Mounir al-Motassadeq. Erwartet wird, dass die Richter das Urteil von 15 Jahren Haft entweder aufheben oder zumindest nach Hamburg zurückverweisen. Folglich könnte auch Motassadeq recht bald auf freien Fuß kommen.

Matthias Gebauer



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