Hamburgs unvergessene Katastrophe Die Nacht, in der die Flut kam

Auch 43 Jahre nach der verheerenden Hamburger Sturmflut prägen Spätfolgen der Naturkatastrophe ganze Stadtviertel. Berichte vom Tsunami wecken jetzt bei vielen Überlebenden quälende Erinnerungen.

Von Bruno Schrep


Bewohner des Stadtteils Wilhelmsburg müssen mit Booten geborgen werden: Bei der Sturmflutkatastrophe 1962 starben 315 Menschen
DPA

Bewohner des Stadtteils Wilhelmsburg müssen mit Booten geborgen werden: Bei der Sturmflutkatastrophe 1962 starben 315 Menschen

Die Fernsehbilder von der Welle in Südostasien erinnerten den Rentner Karl-Heinz Krebs an Schreckensbilder, die er seit Jahrzehnten verdrängt hatte.

Plötzlich sah er wieder diese wimmernde Hochschwangere vor sich, entkräftet, krabbelnd auf allen Vieren, blutend aus einer riesigen Wunde. Sie war vom Dach einer überschwemmten Gartenlaube ins eiskalte Wasser gesprungen, um zur höher gelegenen Bundesstraße zu schwimmen, um sich und ihr Ungeborenes vorm Ertrinken zu retten. An einem eisernen Zaunpfahl dicht unter der Wasseroberfläche riss sie sich die Bauchdecke auf.

Fluthelfer Karl-Heinz Krebs: "Die schlimmste Nacht meines Lebens"
Wilfried Bauer

Fluthelfer Karl-Heinz Krebs: "Die schlimmste Nacht meines Lebens"

Krebs, damals 22 Jahre alt und Sanitäter bei der Bundeswehr, stopfte eine Decke in die Wunde, schleppte die Schwerverletzte mit anderen Helfern in seinen hochrädrigen Geländewagen und raste mit ihr durch überflutete Straßen ins nächste Krankenhaus. Fuhr zurück ins Wasser, sammelte weitere Verletzte ein, wieder und wieder. So lange, bis der Unimog gurgelnd in der trüben Brühe stecken blieb. "Da saß ich schon bis zu den Hüften im Wasser", berichtet der heute 65-Jährige.

In der Küche seines kleinen Hauses, in dem er seit 20 Jahren allein wohnt, kramt der bärtige Pensionär in alten Unterlagen. Von damals geblieben sind ihm eine Blechmedaille mit der Aufschrift "Dem Retter in der Not", ein Dankschreiben des Hamburger Senats, ein paar vergilbte Zeitungsausschnitte und viele quälende Erinnerungen an eine einzige Nacht. "Die schlimmste Nacht meines Lebens", sagt Karl-Heinz Krebs. Die Nacht zum 17. Februar 1962, die sich nun zum 43. Mal jährt, hat sich vielen älteren Bewohnern Hamburgs bis heute tief ins Gedächtnis gegraben. In dieser eiskalten, stürmischen Nacht brachen bei Hagel, Orkan und Hochwasser die Deiche in und um Hamburg, versanken rund 25 Prozent der Stadt in salziger, brauner Flut.

Sturmflut in Hamburg 1962: Überschwemmte Gebiete
DER SPIEGEL

Sturmflut in Hamburg 1962: Überschwemmte Gebiete

Rathausmarkt, Börsenplatz und Rödingsmarkt wurden überspült, die südlichen Stadtteile, teilweise noch ländlich geprägt, liefen voll wie eine Badewanne. In der reißenden Strömung trieben Autos und Häuser, leere Güterwagen und volle Chemiefässer - und Leichen. Die Sintflut verschlang Menschen und Vieh, der SPIEGEL, schon damals eher für nüchterne Analysen bekannt, zitierte angesichts des Infernos das Alte Testament: "Da ging alles Fleisch unter, das auf Erden kriecht..."

Bei der bis heute größten Katastrophe auf deutschem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg starben allein in Hamburg 315 Männer, Frauen und Kinder, weitere 35 kamen im übrigen Norddeutschland ums Leben. Mehr als 60.000 Hansestädter waren tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, über 15.000 wurden obdachlos.

Ein gewaltiges Sturmtief über der 100 Kilometer von Hamburg entfernten Nordseeküste hatte das Desaster ausgelöst. Orkanböen mit 150 Stundenkilometern Geschwindigkeit drückten das Elbwasser mit ungeheurer Wucht von der Mündung zurück Richtung Hamburger Hafen. Selbst bei Ebbe am Nachmittag fiel der Pegelstand statt der üblichen 2,40 Meter nur um 1,20 Meter. Als nachts die Flut kam und der Sturm unvermindert aus nordwestlicher Richtung fegte, barsten die Deiche in Harburg und in Billbrook, in Waltershof und in Finkenwerder, im Neuland und im Alten Land.

Luftaufnahme des überschwemmten Wilhelmsburg: Alleine 200 Menschen kamen in diesem Hamburger Stadtteil ums Leben
DPA

Luftaufnahme des überschwemmten Wilhelmsburg: Alleine 200 Menschen kamen in diesem Hamburger Stadtteil ums Leben

Den verheerendsten Tribut forderte die Sturmflut im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, Europas größter, von zwei Flussarmen umschlungener Flussinsel. Dort wohnten fast 17 Jahre nach dem Krieg noch Tausende in Kleingartenkolonien: Ausgebombte, die ihre Hütten notdürftig mit Trümmersteinen vergrößert hatten, Flüchtlinge aus dem Osten, die infolge großer Wohnungsnot in primitiven Behelfsheimen hausen mussten. Trotz jaulender Sturmböen gingen jedoch die meisten Bewohner der Kleingartensiedlungen in dieser Freitagnacht früh schlafen. Ergebnis: Zahlreiche Wilhelmsburger ertranken elendig in ihren Betten.

Die meisten Opfer, eine Parallele zur Welle in Südostasien, waren völlig ahnungslos. Viele Zugezogene wussten nicht einmal, dass sie auf einer vom Hochwasser bedrohten Insel lebten. Zudem fehlte es, weitere Parallele zu Thailand, Sri Lanka und Phi-Phi, an brauchbaren Warnungen. Zwar hatten, wie beim Tsunami, Experten frühzeitig die drohende Gefahr erkannt, allerdings war die Vorwarnzeit in Hamburg viel länger. Schon rund 12 Stunden vor dem Desaster standen nach Alarmmeldungen des Wetterdienstes zahlreiche Feuerwehren, Technisches Hilfswerk, Wasserschutzpolizei und Rotes Kreuz in Bereitschaft. Doch statt die Bevölkerung rechtzeitig aufzufordern, sich in obere Stockwerke zu retten oder aus dem Gefahrengebiet zu fliehen, sendeten Rundfunk und Fernsehen komplizierte und missverständliche Meldungen über mittlere und höhere Wasserstände, die kaum jemand kapierte.

Zudem ignorierten viele Einheimische die Bedrohung. Tobten nicht in jedem Februar wütende Winterstürme? Und hatten die Deiche nicht seit über 100 Jahren jedem dieser Stürme getrotzt?

"Wie konnten wir uns bloß so in Sicherheit wiegen?", fragt sich noch heute die Überlebende Lisa Frick, die damals mit Ehemann und dreijährigem Sohn Axel im Wilhelmsburger Ortsteil Kirchdorf lebte. Dabei waren die Fricks noch ungleich wachsamer als viele andere Bürger. Zusammen mit Nachbarn inspizierte Lisa Fricks Ehemann den nächstgelegenen Deich. Weil dort kurz nach 1 Uhr das Wasser schlagartig sank, glaubten die Männer, die Gefahr sei vorbei und kehrten beruhigt heim. Familie Frick ging schlafen.

Flutopfer Lisa Frick: Herzklopfen, wenn der Sturm auf Nordwest dreht
Wilfried Bauer

Flutopfer Lisa Frick: Herzklopfen, wenn der Sturm auf Nordwest dreht

Als sie wieder aufwachte, geweckt durch lautes Trommeln gegen die Fenster, schwammen im Erdgeschoss bereits Tische und Türen, bollerten Stühle gegen die Wand: Der plötzliche Pegelrückgang resultierte aus dem Bruch des Hauptdeiches, die Flut strömte von der anderen Seite. Sohn Axel, inzwischen 45, weiß noch heute, wie ihn ein fremder Mann packte und über die Schultern warf, wie eiskaltes Wasser in seine kleinen Stiefel lief und er mit blaugefrorenen Füßen und am ganzen Leibe zitternd vor der Kirchdorfer Kirche saß, dem höchsten Punkt von Wilhelmsburg.

Was der Knirps trotz allem als so spannend und aufregend empfand, dass er noch Jahre später seine Spielsachen auf einen Bollerwagen lud und "Sturmflut" spielte, kostete seinen Eltern fast die Existenz: Die Wohnungseinrichtung war zerstört, das Haus, stinkend nach Moder und innen bedeckt von einer meterdicken klebrigen Schlammschicht, blieb lange unbewohnbar.

Geblieben ist Angst, die nicht vergehen will. "Wenn der Sturm auf Nordwest dreht, krieg ich noch immer Herzklopfen", gesteht Lisa Frick, jetzt 78 und seit fast vier Jahren Witwe. Zwar ist sie nie aus Wilhelmsburg weggezogen. Doch obgleich die Deiche seit der Katastrophe von sechs auf acht Meter aufgeschüttet wurden, derzeit sogar auf zehn Meter erhöht werden, fühlt sie sich seit der Flut nicht mehr sicher. "Was heißt schon hoch genug?", fragt sie skeptisch. "Das wurde uns damals auch versichert."

Furcht vor Wasser peinigt seit damals auch Renate Heymann. Die heute 51-Jährige hat nie richtig gut schwimmen gelernt, Schiffstouren und Urlaube am Meer ihr Leben lang vermieden. 1962, als Achtjährige, wäre sie fast ertrunken.

  • 1. Teil: Die Nacht, in der die Flut kam
  • 2. Teil


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