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Harrys misslungene Maskerade: Da lacht sogar das Nazi-Schwein

Von Henryk M. Broder

Statt uns über Prinz Harry aufzuregen, sollten wir ihm dankbar sein. Er hat mit seiner Kostümparade die Nazis dorthin befördert, wo sie hingehören: in die Komikerecke.

Freiheit der Kunst: Schwarz-rot-gelbes Nazischwein
Henryk M. Broder

Freiheit der Kunst: Schwarz-rot-gelbes Nazischwein

Ein "Schweinderl" aus Kunststoff, wie es auch in Robert Lembkes "heiterem Beruferaten" verwendet wurde, hielt die Kölner Justiz monatelang auf Trab. Die politische Abteilung der Kripo ermittelte, die Staatsanwaltschaft untersuchte, die Gerichte prüften, ob der Tatbestand der Verunglimpfung der Bundesrepublik und der Verbreitung von Nazi-Propaganda erfüllt war. Denn das "Schweinderl" war nicht naturrosa, sondern schwarz-rot-gelb und trug auf dem Rücken in einem weißen Kreis ein Hakenkreuz.

Was den Kriminalisten und den Juristen einige Kopfschmerzen bereitete, war nicht nur die Verbindung von Hakenkreuz und Bundesfahne, sondern die Möglichkeit, dass es sich bei dem kleinen Tier um ein Kunstwerk handeln könnte. In diesem Fall könnte sich der Schöpfer der Figur zu seiner Verteidigung auf den Artikel 5 des Grundgesetzes - die Freiheit der Kunst - berufen. Hergestellt hatte es ein Künstler namens Hans Peter Alvermann, vertrieben wurde es von Helmut Rywelskis renommierter Galerie für moderne Kunst, die auch Arbeiten von Joseph Beuys anbot.

Der so genannte "Kunstvorbehalt", den der Künstler und der Galerist geltend machten, hielt die Ermittler nicht davon ab, die Galerie zu durchsuchen und das Objekt zeitweise zu beschlagnahmen. Es gelang mir damals, eines der Tiere vor dem Zugriff der Staatsorgane zu retten. Seitdem begleitet es mich überallhin und bringt mir Glück.

Die ganze Sache ist lange her. Es war die Zeit vor der Verabschiedung der "Notstandsgesetze", die viele für eine Neuausgabe des "Ermächtigungsgesetzes" hielten, mit denen die Nazis im Jahre 1933 jede Opposition ausgeschaltet hatten. Heute weiß man, dass die Ängste unbegründet waren, aber damals war die Aufregung groß.

Zu jener Zeit konnte man auf jedem Flohmarkt NS-Devotionalien kaufen, die eigentlich nicht angeboten werden durften. Hakenkreuze und SS-Runen, Ehrendolche und Verdienstorden. Einige Kölner Bürger fanden das nicht akzeptabel und versuchten, die zuständigen Behörden - Ordnungsamt, Polizei, Staatsanwaltschaft - zu aktivieren. Es war, als ob man einen altersschwachen Bassett zur Fuchsjagd tragen wollte. Die Behörden schauten konsequent weg. Ihre Vertreter waren mit der Jagd auf das "Nazi-Schwein" von Alvermann über die Grenzen ihrer Kapazitäten hinaus beschäftigt.

Der "symbolische Antifaschismus", der sich in der Bundesrepublik etabliert hat ("Wehret den Anfängen!", "Nie wieder 33!"), führt immer wieder zu Exorzismen, bei denen man als sicher annehmen kann, dass die Richtigen verschont und die Falschen erwischt werden. Manchmal wird man auch an die Sitten afrikanischer Stämme erinnert, die einen Sündenbock in die Wüste jagen.

Vor einigen Jahren fiel die ganze Republik über einen Berliner Musiker her, der während einer Konzertreise durch Israel eine Bar-Rechnung, nicht mehr ganz nüchtern, mit "Adolf Hitler" unterzeichnet hatte. Der Mann war so sehr ein Nazi oder ein Antisemit, wie er ein Abstinenzler oder Kannibale war. Er hatte nur den Wohlverhaltensdruck, unter dem er die ganze Zeit als Deutscher in Israel stand, irgendwann nicht mehr ausgehalten. In Israel fand man den Vorfall geschmacklos bis komisch, in der Bundesrepublik sah man gleich das Vierte Reich am Horizont heraufziehen. Von der "Bild" bis zum Bundespräsidenten schüttete sich das ganze Land Asche aufs Haupt, alle forschten nach dem sprichwörtlichen "Hitler in uns".

Und nun ist Prinz Harry an der Reihe. Er hat sich in einem Fundus eine Nazi-Uniform ausgeliehen und sie für eine Kostümparty angezogen. Die britische Presse, die keine Gelegenheit zum Royal-Bashing auslässt, ist empört. Deutsche Medien, deutsche Politiker blasen die Backen. Der SPD-Europaabgeordnete Helmut Kuhne nennt den Prinzen einen "königlichen Idioten" und fordert die Briten auf, ein Gesetz gegen das Zeigen von Nazisymbolen einzuführen, "das sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Besatzungsmacht richtigerweise in Deutschland eingeführt haben". Ja, haben denn die blöden Briten aus unserer Geschichte nichts gelernt? Oder andersrum: Die sollen nicht dürfen, was sie uns verboten haben!

Die Abgeordneten Bosbach (CDU), Müller (SPD) und Koch-Mehrin (FDP) fordern ein europaweites Hakenkreuzverbot, der EU-Justizkommissar Frattini ist der Idee nicht abgeneigt. Und alle überlegen, wie man Prinz Harry bestrafen beziehungsweise rehabilitieren könnte. Sein Vater wollte ihn erst zum heilsamen Nachdenken nach Auschwitz schicken, dann sollte er zum Skilaufen in die Schweiz mitkommen, aber - zur Strafe - ohne seine Freundin Chelsy. Jetzt gibt es nur noch Sex-Verbot für Harry ("Bild").

Dabei hat der junge Mann, der als Dritter in der Thronfolge eines Tages die Krone des Vereinigten Königreichs übernehmen könnte, nur etwas getan, wofür ihm alle dankbar sein sollten. Er hat mit einer einfachen Geste die Nazis dahin befördert, wo sie hingehören, in die Komiker-Ecke. Sechzig Jahre nach Kriegsende darf über die Bande, die in Deutschland zwölf Jahre lang das Sagen hatte, auch gelacht werden, denn ihre Protagonisten waren lächerliche Figuren. Die Grundtatsachen sind inzwischen bekannt und müssen nicht bei jedem Anlass neu festgestellt werden.

Die Nazis waren fies, gemein, kriminell und verkommen, vom Miesesten das Beste. Leider waren sie auch menschliche Wesen und keine Androiden, sie haben gegessen, getrunken, verdaut und geschlafen, vermutlich hatten sie ab und zu auch Sex miteinander. Bei allem, was sie machten, waren sie komische, aufgeblasene Wichtel. Und darin liegt das Problem: Wäre Onkel Adolf nur extrem böse gewesen, wie Herodes, Nero oder Stalin, ein Schurke mit Format, hätten es die Verführten leichter, sich von ihm zu verabschieden. Aber Adi war ein Würstchen, das eine Salami spielte, ein Kümmerling, der unter Blähungen litt. Von so einem verführt zu werden, das ist noch in der zweiten und dritten Generation nachhaltig peinlich.

Um es mit einem Beispiel zu erklären, das jeder nachvollziehen kann: Würde ein Mann seine Frau mit Brad Pitt oder Richard Gere im Bett überraschen, hätte er immerhin Grund, stolz zu sein. Wegen Norbert Blüm oder Rainer Calmund dagegen müsste er sich noch vor seinen Enkeln genieren.

Deswegen werden die Nazis immer noch dämonisiert, nicht nur von den Deutschen, auch von anderen Europäern, deren Widerstand gegen das Dritte Reich umso stärker wird, je länger die Nazis vom Fenster weg sind. Auch in England gab es starke Sympathien für die deutschen Braunhemden. Wo immer Hitler und die Nazis "vermenschlicht" werden, kommt Protest auf, wie bei dem Film "Der Untergang". Man will das Dämonische nicht aufgeben, wer von Dracula gebissen und in die Schattenwelt entführt wurde, der hat ein blutdichtes Alibi für alle Zeiten.

Und plötzlich kommt so ein Prinz daher und hält sich nicht an die Spielregeln. Er zieht den Stöpsel aus der Wanne und alles, was von der braunen Brühe übrig bleibt, ist ein wenig Schaum. Blupp! Well done, Harry! Für den Empörungs-Tsunami, der über Europa rollt, gibt es noch einen zweiten Grund. Die Aktionen des symbolischen Antifaschismus, der Name sagt es, erschöpfen sich im Symbolischen. Eine Regierung, die den Aufstand der Anständigen ausruft, ist nicht in der Lage, die Herrschaft der Glatzen in den "national befreiten Zonen" zu beenden, obwohl es sich nur um ein polizeiliches und kein politisches Problem handelt. Dieselben Politiker, die jedes Jahr zum 9. November in Kompaniestärke ausrücken, um die Untaten der Nazis zu verurteilen, lassen sich von einer Handvoll NPD-Abgeordneter im Sächsischen Landtag vorführen.

Ein Kanzler, der Widerständler ehrt, eröffnet eine Kunstausstellung, deren Begründer mit dem Blut und Schweiß von Zwangsarbeitern reich wurde. Anything goes. Nur wenn ein britischer Prinz ein Nazi-Kostüm anzieht, gehen alle Alarmsirenen auf einmal los, knallen die Sicherungen durch. Da muss sogar mein kleines Nazi-Schwein aus Köln lachen.

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