Havarie der "Costa Concordia" Die Schuld der Schiffseigner

Für die Eigner der "Costa Concordia" steht der Schuldige fest: Kapitän Francesco Schettino soll ein nicht genehmigtes Manöver gefahren sein, das den Sicherheitsbestimmungen widerspricht. Doch neue Erkenntnisse nähren den Verdacht, dass auch das Unternehmen Fehler beging.

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Schon kurz nach der folgenschweren Kollision der "Costa Concordia" war eines klar: Kapitän Francesco Schettino hat einen fatalen Fehler gemacht. Die Kritik ist vernichtend, der Druck enorm. "Kapitän Feigling" nennen ihn italienische Zeitungen - und das ist noch harmlos angesichts der Vorwürfe, denen Schettino ausgesetzt ist.

Doch eine Woche nach der Havarie der "Costa Concordia" gerät auch die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere immer stärker in Erklärungsnot: Kann es sein, dass sie nichts davon wusste, dass ihr Schiff so nah an der Insel vorbeifuhr - und das offenbar nicht nur einmal?

Die Eigner wollen von derartigen Manövern ihrer Schiffe nichts gewusst haben, sie haben Schettino suspendiert, er wird als der allein Schuldige dargestellt. Doch daran mehren sich nun Zweifel. Enrico Scerni, ehemaliger Präsident der Klassifizierungs-Organisation Rina, sagte, es sei schwer vorstellbar, dass die Eigner nichts davon wussten, dass ihre Kapitäne oftmals einen küstennahen Kurs fuhren, um die Insel zu grüßen und Passagieren einen spektakulären Ausblick zu bieten.

Scerni war in dieser Woche von seinem Amt zurückgetreten, nachdem Rina in einer Mitteilung den Standpunkt vertreten hatte, dass die von Costa angegeben Routen "mit allen Kriterien guter Kursführung konform" gingen.

Ein Blog-Eintrag bringt die Eigner in Bredouille

Daten des Informationsdienstleisters Lloyd's List hatten gezeigt, dass die "Costa Concordia" bereits im August 2011 ein gefährliches Manöver gefahren war. Demnach betrug die Distanz zur Küste am 14. August nur 230 Meter, das wäre näher an der Küste als der Ort, an dem die "Concordia" am Freitag einen Felsen rammte.

Der Vorstandsvorsitzende von Costa, Pier Luigi Foschi, hatte schon am Montag nach der Havarie das Manöver eingeräumt, die "Costa Concordia" sei aber niemals näher als 500 Meter an die Insel herangefahren. Aber laut Lloyd's wäre das Schiff selbst auf der laut Foschi autorisierten Route dem Felsen auf weniger als 200 Meter nahe gekommen.

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"Costa Concordia": Eine potentielle Zeugin und viele offene Fragen
Foschi sagte nun dem "Corriere della Sera", dass Schiffe zwar manchmal nahe an der Küste fahren würden, dabei aber nie eine Gefahr bestehe. Die Reederei habe nichts davon gewusst, dass die "Costa Concordia" so nah an die Insel herangefahren sei.

Laut dem Costa-Chef war im Infoblatt der "Concordia" angekündigt worden, dass das Schiff Giglio in einer Distanz von acht Kilometern passieren würde. "Ich kann nicht ausschließen, dass ein Kapitän einen Kurs genommen hat, der näher an der Küste vorbeiführt, ohne uns zu informieren."

Dass die Reederei in der Vergangenheit nichts gegen spektakuläre Manöver einzuwenden hatte, zeigt nach einem Bericht des "Guardian" ein Eintrag im Blog des Unternehmens. Dort sei beschrieben worden, wie das Schiff unter dem Kommando von Schettino im September 2011 nah an der Insel Procida bei Neapel vorbeifuhr: Das Manöver habe für "große Begeisterung nicht nur unter den Inselbewohnern sondern auch unter den vielen anwesenden Touristen gesorgt". Es sei "ohne Zweifel eine Freude für alle gewesen, auch für die Gäste der 'Costa Concordia', die mit ihren Kameras auf dem Deck bereit standen, um diesen einmaligen Moment festzuhalten und den Gruß mit Fahnen und Taschentüchern zu feiern".

Wann wusste Costa Crociere über die Lage bescheid?

Unklar ist auch, ob Costa Crociere in der Nacht des Unglücks richtig reagierte: Schätzte der Schiffsbetreiber die Lage völlig falsch ein - oder wurde er bewusst falsch über die wahren Ausmaße der Katastrophe informiert?

Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte Foschi, dass die Zeit zwischen dem Unfall und der Evakuierung des Schiffs viel zu lang gewesen sei. Die Kommandofolge werde derzeit untersucht. Möglicherweise habe es der Kapitän versäumt, ein erstes Kommando zu geben, mit dem normalerweise jedes Besatzungsmitglied an seine Posten für die Evakuierung der Passagiere gerufen werde.

Sicher ist, dass ein Mitarbeiter der Costa Crociere gegen 23.30 Uhr, rund zwei Stunden nach der Kollision des Kreuzfahrtschiffs mit den Felsen, Paolo Cappucciati anrief. Cappucciati ist der Chef von I.L.Ma.Sub., einer kleinen, gerade einmal zwölf Mitarbeiter zählenden Firma mit Sitz in Savona, die sich auf Unterwasser-Reparaturen spezialisiert hat.

Der Crociere-Mann bat Cappucciati darum, ein "kleines Leck" zu reparieren, so zitiert es "Corriere della Sera". "Vielleicht muss man es schließen, es könnte einen Schaden am Schiffsrumpf gegeben haben. Noch ist unklar, wie der Schaden zu beheben ist", hieß es in dem Telefonat. Eine halbe Stunde später rief der Mitarbeiter des Schiffsbetreibers erneut an und forderte Cappucciati auf, sich schnellstmöglich in Bewegung zu setzen.

In keinem der beiden Gespräche, so scheint es, hat die Reederei auch nur ansatzweise auf den Ernst der Lage verwiesen. Zudem mutet bereits der Umstand, dass Costa Crociere ausgerechnet I.L.Ma.Sub. eingeschaltet hat, seltsam an: Eine Firma von dieser Größe hätte niemals die Kapazitäten, einen so gewaltigen Schaden zu reparieren - der Schiffsrumpf war auf einer Länge von rund 70 Metern aufgerissen. Warum wandte sich die Reederei also an I.L.Ma.Sub.? Und: Warum rief sie erst so spät an? Um 21.45 Uhr hatten die Schiffsmitarbeiter bereits bemerkt, dass der Maschinenraum unter Wasser stand.

Zudem sieht sich Costa Crociere einem weiteren, gravierenden Vorwurf ausgesetzt: Dreimal telefonierte Schettino in den 68 Minuten zwischen Havarie und Beginn der Rettungsmaßnahmen mit der Reederei - warum setzte die Evakuierung dennoch so spät ein? Hat Kapitän Schettino gelogen - oder spielte Costa Crociere bewusst auf Zeit und gab den Befehl, mit der Evakuierung zu warten, weil man teure Entschädigungen fürchtete? Fragen, auf die nun die italienischen Ermittler Antworten suchen.

"Schettino betrunken? Diese Vermutung ist eine ungeheure Dummheit"

Davide Barbano, Pressesprecher von Costa Crociere, stand für Auskünfte nicht zur Verfügung: "Es ist Sache der Staatsanwaltschaft, über solche Fragen zu entscheiden", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Paolo Cappucciati von I.L.Ma.Sub. nahm die Reederei in Schutz. Er sei sich sicher, dass Kapitän Schettino gelogen habe und die Reederei seinen Falschaussagen aufgesessen sei. "Vom Schiff kamen falsche Informationen", sagte er dem "Corriere". Nun ist zu klären, inwieweit das Katastrophenmanagement der Reederei eventuell doch nicht so lupenrein war, wie dies bislang behauptet wurde.

Eines steht fest: Der "Chaos-Kapitän", der in ein Rettungsboot gefallen sein will, war zumindest in der Unglücksnacht heillos überfordert. Schettino, 52 Jahre alt, steht unter Hausarrest, die italienische Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung in mehreren Fällen, Havarie und vorzeitiges Verlassen des Schiffs vor.

Schettino hat bereits eingeräumt, bei dem Manöver Fehler begangen zu haben und auch in der Vergangenheit schon mehrmals nah an der Insel vorbeigefahren zu sein. Am Freitag teilte sein Anwalt Bruno Leporatti mit, Schettino sei bereit, "Verantwortung zu übernehmen". Anschuldigungen, dass der Kapitän zum Zeitpunkt der Havarie betrunken gewesen sei, wies er entschieden zurück: "Schettino betrunken? Diese Vermutung ist eine ungeheure Dummheit", zitiert ihn die römische Tageszeitung "la Repubblica".

insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
SchneiderG 20.01.2012
1. .
Zitat von sysopFür die Eigner der "Costa Concordia" steht der Schuldige fest: Kapitän Francesco Schettino soll ein nicht genehmigtes Manöver gefahren sein, das den Sicherheitsbestimmungen widerspricht. Doch neue Erkenntnisse nähren den Verdacht, dass auch das Unternehmen Fehler beging. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810424,00.html
Die Schreiber des Artikels sollten sich, bevor Sie sowas wie hier Schreiben, erst einmal darüber kundig machen, wie die Rechtslage und Rechtsbefugnisse eines Käpitäns auf einem Schiff (oder auch eines Flugkapitäns im Flugzeug) ist, auch wenn sich zufällig ein Eigner auch auf dem Schiff aufhalten sollte.
Zapallar 20.01.2012
2.
Die Reederei kann sonstwas gewusst haben, in letzter Instanz ist IMMER einzig und allein der Kapitän für sein Schiff verantwortlich, sonst niemand! Falls die Reederei solche Fahrten sogar angeordnet haben sollte, dann ist es Aufgabe des Kapitäns, sich diesen Befehlen zu widersetzen bzw. alle Regeln der Sicherheit zu beachten und vorsichtig zu fahren.
medienquadrat 20.01.2012
3. Kreuzfahrten sind menschengemachte und dann vergessene Idiotie!
Zitat von sysopFür die Eigner der "Costa Concordia" steht der Schuldige fest: Kapitän Francesco Schettino soll ein nicht genehmigtes Manöver gefahren sein, das den Sicherheitsbestimmungen widerspricht. Doch neue Erkenntnisse nähren den Verdacht, dass auch das Unternehmen Fehler beging. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810424,00.html
ich bin darüber zutiefst erschüttert, dass es kein permanentes Controlling für ein derart teures Gerät seitens der Eigner geben soll. Jeder LKW hat einen Fahrtenschreiber, der vom Speditionschef regelmäßig überprüft werden muss. Jede Routenänderung eines Passagierflugzeugs wird wahrgenommen, die genaue Position an allen möglichen Stellen verfolgt, im Zweifelsfall gibt es einen Flugschreiber, wo auch die exakten GPS Daten gespeichert sind. Aber mit so einem Riesenteil darf jeder herumkariolen, wo und wie schnell er will? Wer einem einzigen Menschen derart viel Kompetenz und Macht über 4.200 Menschen gibt, ist selbst ein unverantwortliches Monster! Mit wieviel Blödheit muss ein Unternehmen geschlagen sein, nicht zumindest ab und an mal seinen Kapitän zu kontrollieren, mal nachzuprüfen, ob der nicht an einem Hirnriss leidet, einfach mal durchzuknallen droht. Schaut euch mal an, was da im Wasser liegt. Das kann man doch nicht in die Hand eines Mannes geben. Der kann doch auch mal nicht funktionieren! Die Komplexität modernster Technologie ist monströs geworden. Das erfordert eine ganze Reihe mehr an redundanter Kontrolle, zu jeder Sekunde, an jedem Ort der Erde. Niemals werde ich in meinem Leben eine derartige Horrormaschinerie betreten. Man muss ja lebensmüde sein, sich auf diesen Diletantismus zu überlassen!
ra.ruehl 20.01.2012
4.
Irgendein Organisationsverschulden wird man schon finden können - und sei es, dass ein solcher Striezl zum Kapitän eines derart großen Potts gemacht worden ist. Schade allerdings. Das Comic-hafte der Ereignisse, die absurden Taten dieses Clouseaus der Weltmeere, die Blondinen, der Wein, das Machogetue, über "tutto okay" bis zum Anruf bei der Mama und dem Kaffee im Haus des Taxifahrers, sind doch geradezu poetisch. Mitunter vergisst man bei all dem sogar, dass es Tote gab. Jedenfalls ertappe ich mich dabei. Es ist mir auch klar, warum: Alles, was man hier lesen muss, ist so unwirklich, klischeebehaftet und grotesk, dass man darüber leicht die Realität aus den Augen verliert. Die Frage, was die Eigner falsch gemacht haben, erscheint vor dem Hintergrund auch haftungsrechtlich reichlich dröge und irrelevant. Ich denke, die haften auch ohne Verschulden für die Schäden. Vielmehr sollte man sich mit der Poesie dieses Unfalls (der keine Tragödie ist und keine Katastrophe) beschäftigen, diesem Veiztanz, den hier Inkompetenz, Feigheit, Dummheit, Größenwahn, Leichtsinn u.s.w. aufführen, ein Veiztanz, der wunderbar in unsere Zeit passt. Ein bißchen Schettino steckt doch in jedem von uns, oder?
celan23 20.01.2012
5. Datenanalyse
In der Luftfahrt gibt es verbindlich seit Januar 2005 ein System, welches Flugdaten zuverlässig aufschreibt. Damit lässt sich die Fehleranalyse effektiv aufgrund von Daten durchführen. Hypothesen und Anschuldigungen nützen niemandem und sind wenig hilfreich. Im Interesse der Sicherheit von mehr als 4000 Menschen allein auf einen Kreuzfahrtschiff fragt man sich, wie unverwundbar sich die Branche eigentlich hält. Wir sollten endlich aufhören mit diesem naiven Technikglauben. Solange Technik von Menschenhand bedient wird, bleibt die größte Fehlerquelle, der "Human Factor" bestehen.
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