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Havarie der "Costa Concordia": Passagiere beklagen Rettungs-Chaos

Von , Rom

Nach dem dramatischen Schiffsunglück in Italien gelten noch immer viele Menschen als vermisst. Zwei Franzosen und ein Peruaner kamen ums Leben. Passagiere berichten über das katastrophale Krisenmanagement an Bord, der Kapitän des Kreuzfahrers "Costa Concordia" wurde festgenommen.

Hamburg - 4229 Menschen waren an Bord der "Costa Concordia", darunter 566 Deutsche, als das Kreuzfahrtschiff am Freitagabend vor der italienischen Küste in der Nähe der Insel Giglio vermutlich einen Felsen rammte und havarierte. Drei Menschen starben bei dem Unglück: Es handelt sich um zwei französische Touristen und ein peruanisches Besatzungsmitglied. Wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete, seien die drei Leichen identifiziert. Die Männer seien wahrscheinlich ertrunken. Der Präfekt von Grosseto, Giuseppe Linardi, sprach am Samstagnachmittag von rund 70 Vermissten. Später erklärte er, die Zahl werde ständig aktualisiert und sinke.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag meldete das italienische Staatsfernsehen, an Bord des gekenterten Schiffes seien noch zwei Menschen lebend gefunden worden. Mehr als 24 Stunden nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes gelang es laut Ansa einem Sondereinsatzkommando der Feuerwehr, den Mann und die Frau zu retten. Dem asiatischen Paar gehe es nach erstem Eindruck den Umständen entsprechend gut, hieß es. Rettungskräfte setzten ihre Suche nach Überlebenden in der Nacht fort.

Passagiere sagten in mehreren Interviews zum Unfallhergang, an Bord sei Panik ausgebrochen, die Rettung sei viel zu spät eingeleitet worden und chaotisch gewesen. Viele sprangen ins kalte Wasser, um die nahe Küste schwimmend zu erreichen. Rettungsmannschaften berichteten, sie hätten bis zu 150 Menschen aus dem Meer geholt und an Land gebracht. Zudem klagten Passagieren, es habe so gewirkt, als sei die Besatzung für Rettungsaktionen nicht richtig ausgebildet.

Von den mehr als 4000 Menschen, die an Land gebrachten wurden, sind 67 bei der Havarie verletzt worden oder müssen zumindest medizinisch beobachtet werden. Einige litten an Unterkühlung oder Brüchen, hieß es. Bisher gibt es keine Hinweise, dass Deutsche unter den Opfern sind. Das teilten sowohl das Auswärtige Amt in Berlin als auch der Sprecher des Veranstalters Costa Kreuzfahrten, Werner Claasen, am Samstag mit. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte in Berlin, die Deutsche Botschaft in Italien habe einen Krisenstab eingerichtet.

Die Botschaft kümmert sich seit dem frühen Samstagmorgen um die deutschen Passagiere. Den Angaben zufolge waren acht leicht verletzte Bundesbürger zunächst in die umliegenden Krankenhäuser um die Hafenstadt Porto St. Stefano eingewiesen worden.

Laut Claasen sind die mehr als 560 deutschen Passagiere inzwischen alle nach Deutschland zurückgekehrt. Viele mussten sich Kleidung leihen. Ihre Ausweise und ihr Gepäck sind noch an Bord des havarierten Schiffes. Etwa zehn deutsche Passagiere wurden nach seinem Kenntnisstand bei dem Unglück leicht verletzt, auch sie sollen bereits wieder in Deutschland sein.

Die Passagiere landeten am Samstagabend mit Linienmaschinen der Lufthansa in München oder Frankfurt. Einige der insgesamt 566 flogen von dort noch weiter nach Hause, wie der Pressesprecher der Nachrichtenagentur dpa sagte. "Wir haben die Privatsphäre der Leute gewahrt und viele auf Wunsch abgeschirmt aus den Airports bringen lassen. Die wollten einfach nur nach Hause", sagte er.

"Das Schrecklichste, was ich je erlebt habe"

Zu ihnen gehören auch der 85-Jährige Kurt Schreiber und seine 90-jährige Frau Gerda. Sie warteten am Samstagabend am Abflugschalter. Er braucht einen Gehstock, sie sitzt im Rollstuhl, beide stehen noch immer unter Schock. Als sie über den Vorfall reden wollen, brechen sie in Tränen aus. Wie sie berichten, waren sie um 21.30 Uhr in ihrer Kabine und wollten sich gerade hinlegen, als es einen großen Ruck gab. "Der Rollstuhl flog durch die Kabine", erzählte Schreiber. Die Darstellungen unterscheiden sich, andere Passagiere berichten nur von einem leichten Ruck.

Dann sei eine Durchsage gekommen, berichtet Schreiber weiter. "Es gibt einen technischen Defekt. Bleiben Sie ruhig und verlassen Sie nicht Ihre Kabine". Das Ehepaar sei mit ihren Gehstöcken dennoch an Deck gegangen und habe eines der letzten Rettungsboote erreicht. "Es war das Schrecklichste, was ich je erlebt habe", sagte Kurt Schreiber. "Nicht einmal der Krieg, den ich miterlebt habe, war vergleichbar." Die beiden sind jetzt zurück auf dem Weg in ihre Heimatstadt Bochum.

Für den 24-jährigen Oliver Tank, Einzelhandelskaufmann und seine Freundin Natascha Kohl, 26, beide aus Solingen, war es die dritte Kreuzfahrt - und die letzte. "Wir werden das nie wieder machen, das war einfach zu krass", sagt Tank. Der schlimmste Moment sei gewesen, als das Licht im Speisesaal gegen 21.30 Uhr ausging. Nach dem zweiten Ruck sei das Licht im gesamten Schiff erloschen. Danach seien die beiden hoch an Deck gegangen, um nachzusehen, was passiert ist. Sie sahen Lichter an Land und Besatzungsmitglieder, die nach Rettungswesten griffen und Boote klarmachten.

Ein Mitglied des Personals habe dort zu ihnen gesagt, sie sollten schlafen gehen, es sei nur ein kleines technisches Problem, berichtet Tank. Doch währenddessen sei das Schiff immer weiter in Schräglage geraten. Schnell habe Panik geherrscht. "Alles lief durcheinander", sagte Tank. "Das schlimmste war die Ungewissheit. Wir saßen eine Stunde vor dem Rettungsboot, bevor es endlich ins Wasser ging." Tank wollte sogar ins Meer springen, aber seine Freundin habe ihn davon abgehalten. "Wir haben uns gegenseitig beruhigt." Bis fünf Uhr am nächsten Morgen saßen die beiden nach ihrer Rettung an der Mole und haben dabei zugesehen, wie die Leute aus dem Wasser geholt wurden.

Taucher suchen nach Opfern

Das 290 Meter lange Kreuzfahrtschiff lag am Samstag in kompletter Schräglage vor der Insel. Den ganzen Tag über suchten Taucher der italienischen Küstenwache im Rumpf der "Costa Concordia" nach denen, die immer noch vermisst werden. Die Retter hätten das Wasser rund um das Schiff mehrere Stunden lang abgesucht und keine weiteren Leichen entdeckt, sagte Cosimo Nicastro von der Küstenwache dem Sender Sky TG24. Deshalb habe man sich entschlossen, in einer riskanten Operation den unter Wasser liegenden Teil der "Costa Concordia" zu untersuchen.

Die Betreibergesellschaft wies Vorwürfe, bei der Rettungsaktion habe es Probleme gegeben, zurück. Das zuständige Hafenamt von Livorno ordnete eine Untersuchung zur Ursache des Unglücks sowie zum Umgang der Crew mit Rettungsbooten und Schwimmwesten an. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Herbeiführung eines Schiffbruchs.

Der 52-jährige Kapitän wurde mittlerweile festgenommen. Dazu äußerte sich am Samstagabend dessen Anwalt, Bruno Leporatti. Er sagte, sein Mandant wisse, warum er festgenommen worden sei. "Als sein Anwalt möchte ich jedoch festhalten, dass mehrere Hundert Menschen seiner Erfahrung während des Unglücks ihr Leben verdanken", sagte Leporatti weiter.

Über die Festnahme habe die Staatsanwaltschaft von Grosseto nach einem mehrstündigen Verhör von Francesco Schettino entschieden, wie zuvor die italienische Nachrichtenagentur Ansa gemeldet hatte. Laut Medienberichten wird sich der Kapitän möglicherweise wegen fahrlässiger Tötung verantworten müssen. Ihm werde zudem der Untergang der "Costa Concordia" zu Lasten gelegt, heißt es beispielsweise im Internetauftritt der Tageszeitung "la Repubblica". Diese Vorwürfe würden auch dem ersten Offizier Ciro Ambrosio gemacht.

Schettino hatte zuvor in einem italienischen Fernsehsender gesagt, die "Costa Concordia" habe einen Felsvorsprung gerammt. Laut seinen Seekarten hätte aber genug Wasser zwischen dem Luxusliner und dem Felsen sein müssen.

Über die genauen Ursachen für das Unglück kann derzeit nur spekuliert werden. Die in Genua ansässige Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere, zu deren Flotte die "Costa Concordia" gehört, analysiert den Ablauf derzeit. In italienischen Radioberichten ist bereits von einem Navigationsfehler des Kapitäns die Rede. Andere Berichte sehen den Stromausfall als mögliche Ursache an. Dieser könnte zum Ausfall der Navigationssysteme geführt haben. Doch derzeit mangelt es noch an Fakten, die Vermutungen müssen erst noch geprüft werden.

Costa Crociere nannte den Unfall ihres Schiffs eine bestürzende Tragödie und sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Für Informationen hat das Kreuzfahrtunternehmen eine Hotline mit der Rufnummer 040/570121314 eingerichtet.

Mit Material von dpa, dapd, Reuters und AFP

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