Havariertes AKW Fukushima I Polizei will Abklingbecken mit Wasserwerfern kühlen

Die Lage in Fukushima scheint dramatisch, die Regierung beschwichtigt: Offiziell besteht außerhalb der Evakuierungszone keine direkte Gesundheitsgefahr. Ein Versuch, die Reaktoren per Löschhubschrauber zu kühlen, ist gescheitert - nun soll laut TV-Berichten weiter improvisiert werden.

AP/ Tokyo Electric Power Co. via Kyodo News

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Tokio - Nur eines kann die Situation im havarierten Atomkraftwerk Fukushima I entspannen: die Kühlung der Reaktoren. Doch die an dem AKW verbliebenen Arbeiter haben mit ihren Maßnahmen keinen Erfolg.

Der Versuch, die beschädigten Reaktoren mit Löschhubschraubern zu kühlen, musste abgebrochen werden. Über dem Reaktor waren bei dem Versuch 50 Millisievert gemessen worden. Die Experten mussten abgezogen werden, weil das Gesundheitsrisiko zu groß wurde, sagte Yukio Edano. Experten hatten die Helikopter-Lösung ohnehin als gefährlich bezeichnet, weil dadurch strahlende Stoffe aus der Anlage gewaschen hätten werden können. Nun will die japanische Polizei einem Fernsehbericht zufolge versuchen, das Abklingbecken im Reaktorblock 4 mit Wasserwerfern zu kühlen.

Damit soll verhindert werden, dass die in dem Becken gelagerten gebrauchten Brennstäbe überhitzen, berichtete am Mittwoch der Fernsehsender NHK. Der Reaktor war zur Zeit des Erdbebens am Freitag wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb. Da ein Teil der Brennelemente nicht mehr von Wasser bedeckt waren, bemühen sich seitdem die Behörden, das Wasserniveau wieder anzuheben, um eine Kernschmelze zu verhindern.

Trotz der dramatischen Lage beschwichtigt die japanische Regierung: Außerhalb eines Umkreises von 20 Kilometern um das AKW bestehe keine "unmittelbare Gesundheitsgefahr" durch radioaktive Strahlung. Das sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo.

Dennoch wurden im Umkreis von 20 Kilometern der Anlage weitere 28.000 Anwohner aus dem Gebiet gebracht. In den vergangenen Tagen hatten bereits mehr als 200.000 Menschen den 20-Kilometer-Umkreis verlassen. In einem Radius bis 30 Kilometer hatte die Regierung alle Menschen aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen.

Die radioaktive Strahlung rund um das AKW befindet sich nach Regierungsangaben auf einem "stabilen Niveau". Nahe der Anlage betrage sie 1,5 Millisievert pro Stunde. Die natürliche Strahlenbelastung pro Jahr beträgt laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr. Japans Premierminister Naoto Kan warnte am Mittwoch erstmals vor einer "Gesundheitsgefährdung" durch erhöhte radioaktive Strahlung in der Umgebung der Anlage.

Die Behörden der Präfektur Ibaraki, südlich von Fukushima, teilte mit, die Strahlung habe am späten Morgen das 300fache des Normalen betragen. Der Anstieg der Radioaktivität sei vermutlich auf das Ablassen von Druck und damit von Gasen und radioaktiven Elementen aus dem Reaktor 2 zurückzuführen.

Nur noch zwei der vier akut betroffenen Reaktorblöcke könnten weiter mit Meerwasser gekühlt werden, hieß es. Dies ist notwendig, um eine Kernschmelze zu verhindern. Auch in den abgeschalteten Blöcken 5 und 6 gab es zuletzt Probleme.

Wegen zu starker radioaktiver Strahlung waren die Arbeiten zur Kühlung der beschädigten Reaktoren vorübergehend eingestellt worden. Zunächst war unklar, wie weit die Arbeiter sich zurückziehen mussten. Später sanken die Strahlenwerte wieder, und ein Sprecher des Betreiberunternehmens Tepco erklärte, die Experten befänden sich rund 500 Meter von dem Komplex entfernt und bereiteten ihre Rückkehr zu den Reaktoren vor. Zur Minimierung der Strahlenbelastung arbeiteten die rund 180 Mitglieder des Notteams in rotierenden Schichten im Gefahrenbereich.

Tokio droht keine Gefahr durch radioaktive Wolke

Angesichts der Probleme in dem Atomkraftwerk ist es kaum ein Trost, dass Tokio von etwaiger Radioaktivität nach derzeitigem Stand wohl verschont bleiben wird. Zumindest vom Wetter droht Japans Hauptstadt vorerst keine neue Gefahr: Der Wind hat wieder auf Nordwest zurückgedreht und leicht zugenommen. Radioaktive Partikel, die vom havarierten Atomkraftwerk Fukushima in die Luft geraten, werden bei dieser Wetterlage direkt auf das Meer getragen. An der Situation werde sich in den nächsten Tagen nichts ändern, berichtete der Deutsche Wetterdienst.

Bei der aktuellen Wetterlage werden Partikel nach Berechnungen der Meteorologen von Fukushima aus weit nach Osten oder Südosten auf den Pazifik hinaus transportiert. Nennenswerten Niederschlag, der Partikel vor Ort auswaschen könnte, soll es in der Region Fukushima erst am Wochenende geben.

Die Angst vor erhöhter Radioaktivität greift dennoch auch in anderen Ländern um sich. China bereitet sich auf mögliche Radioaktivität aus Fukushima vor. Das Land ordnete verstärkte Radioaktivitätskontrollen bei Schiffsladungen an, die in chinesischen Häfen eintreffen. Dadurch sollen Waren verfolgt werden, die durch den Strahlungsaustritt in den beschädigten japanischen AKW verseucht wurden.

Deutschland scheint dagegen außer Gefahr. Die aus Japan kommende Radioaktivität werde hierzulande äußerst gering sein, sagte Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, am Mittwoch. "Selbst im schlimmsten Szenario werden wir in Deutschland nach derzeitigem Stand keine Werte erreichen, die auch nur annähernd bedenklich sind."

"Das tägliche Überleben steht im Vordergrund"

So dramatisch die Lage im AKW Fukushima ist - manche Japaner bekommen davon gar nichts oder nur wenig mit. Zwar schwebt die radioaktive Bedrohung über den unmittelbar sichtbaren Auswirkungen der Katastrophe - doch sie ist nicht das dringendste Problem für die Menschen an den Küsten der Provinzen Miyagi und Iwate. "Die Leute haben schlichtweg keine Zeit und keinen Nerv, jetzt permanent die Nachrichten zu verfolgen. Sie sind ständig damit beschäftigt, sich warmzuhalten, genügend zu essen zu haben, sicher zu sein und Lebensmittel zu bekommen", berichtet ein Agenturjournalist. "Das tägliche Überleben steht im Vordergrund."

Die durch Erdbeben und Tsunami obdachlos gewordenen Menschen sitzen in Schulen und Turnhallen beisammen, obdachlos, erschöpft, ohne Strom, Wasser und Nahrung. Sie stehen stundenlang für etwas Wasser und Benzin an, suchen nach vermissten Angehörigen, versuchen verzweifelt, sich in der Kälte warmzuhalten. In einigen Gegenden hat es nun auch noch zu schneien begonnen.

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Japan: Trümmerlandschaft im Schnee
Hilfe von außen gibt es oft kaum. Tausende japanische Soldaten arbeiten zwar daran, die Straßen von Schutt und Trümmern zu säubern. Allerdings ist es schwierig, Nahrungsmittel und Wasser heranzufahren, wenn es kein Benzin gibt. Und in vielen Orten sind die Regale der Läden leer.

Trotz aller Bemühungen sind mindestens 1,6 Millionen Haushalte nach der Katastrophe in Japan noch immer ohne fließendes Wasser, berichtet der Sender NHK am Mittwoch unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Mindestens 440.000 Menschen lebten in rund 2400 Notunterkünften. Sie können nicht einmal Kontakt zu ihren Familien und Freunden im Süden aufnehmen. Denn auch die Kommunikationsnetze liegen seit dem Beben vielerorts lahm.

Laut Premierminister Naoto Kan waren am Mittwoch etwa 80.000 Polizisten und Feuerwehrleute im Einsatz. Viele internationale Helfer haben das Land aus Angst vor radioaktiver Strahlung schon wieder verlassen.

In einem Sondertreffen seiner Regierung sagte Kan am Nachmittag (Ortszeit), man habe 26.000 Menschen retten können. Auch die Zahl der Opfer stieg. Laut einem Bericht des Nachrichtensenders NHK liegt die Zahl der Toten nun bei 4164. zudem werden noch mindestens 12.000 Menschen vermisst. Etwa 3700 Leichen habe man bisher identifizieren könne, hieß es.

ulz/dpa/dapd/AFP/Reuters

insgesamt 51 Beiträge
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Gebetsmühle 16.03.2011
1. auf gehts zum arbeitseinsatz!
Zitat von sysopDie Arbeiter am Atomkraftwerk Fukushima I kämpfen verzweifelt darum, die havarierten Anlagen zu kühlen - bislang meist erfolglos.*Laut der japanischen Regierung besteht durch die Radioaktivität außerhalb eines Umkreises von 20 Kilometern aber keine unmittelbare Gesundheitsgefahr. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751282,00.html
was hindert die regierung dann, selbst hinzugehen und den besen in die hand zu nehmen zum aufräumen. schließlich hat die regierung die anlagen dort genehmigt.
schniggeldi 16.03.2011
2. sinnlos
Zitat von Gebetsmühlewas hindert die regierung dann, selbst hinzugehen und den besen in die hand zu nehmen zum aufräumen. schließlich hat die regierung die anlagen dort genehmigt.
Unqualifizierte Hilfskräfte werden da wohl gerade nicht benötigt.
Michaelf76 16.03.2011
3. Japan ist am Ende
Zitat von sysopDie Arbeiter am Atomkraftwerk Fukushima I kämpfen verzweifelt darum, die havarierten Anlagen zu kühlen - bislang meist erfolglos.*Laut der japanischen Regierung besteht durch die Radioaktivität außerhalb eines Umkreises von 20 Kilometern aber keine unmittelbare Gesundheitsgefahr. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751282,00.html
Natürlich sagen die das... was wollen die Japaner den machen? Weder eine Evakuierung Tokios noch Japans ist machbar. Man brauchte sich doch nur die zweite Explosion anzuschauen, gepaart mit den extremen Messwerten der Nuclear Safety Division in der Zeit danach und heutigen Meldungen nach dem im das Leistungswasser in der Region um den Reaktor Cäsium und Jod festgestellt wurde und stellt fest der Super Gau ist spätestens seit der zweiten explosion da
maumi. 16.03.2011
4. fatalistisches Geschwafel
Zitat von Gebetsmühlewas hindert die regierung dann, selbst hinzugehen und den besen in die hand zu nehmen zum aufräumen. schließlich hat die regierung die anlagen dort genehmigt.
"Die Regierung" kann weder gehen noch selbst Hand anlegen. Solch dümmlich fatalistisches Geschwafel ist das letzte, was dort derzeit benötigt wird. Meinen Respekt und meine Demut vor jenen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes jetzt dort vor Ort für ihre Mitmenschen opfern. Denn jedem, der jetzt dort direkt vor Ort versucht die Lage in den Griff zu bekommen, ist klar, dass er verstrahlt wird.
vgo 16.03.2011
5. Der Atom-Rambo Mappus kann mit Rat und Tat helfen
... vielleicht sollten sich die Betreiber von Fukushima an den Atom-Rambo Mappus wenden, der kann ihnen dann die Stuttgarter Polizei mit ihren Wasserwerfern schicken - Übung habe die ja. Siehe auch: Geschwätz von gestern - Politiker zur Atomkraft http://www.fr-online.de/politik/fotostrecken-politik/-/1472612/8223100/-/index.html
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