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Hebammen in der Krise: Aufstand der Geburtshelfer

Aus Köln berichtet Susanne Kailitz

Ihre Versicherungsprämien haben sich in den vergangenen Jahren verzwanzigfacht, die Gehälter blieben gleich: Jetzt gehen die selbständigen Hebammen auf die Straße. Sie fürchten, sich ihren Beruf bald nicht mehr leisten zu können.

Protestierende Hebamme in München: "7,50 Euro in der Stunde" Zur Großansicht
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Protestierende Hebamme in München: "7,50 Euro in der Stunde"

Seit 27 Jahren ist Nitya Runte Hebamme aus Leidenschaft. Rund tausend Kinder hat die Kölnerin auf die Welt geholt, wovon unzählige Fotos zeugen, in denen Runte strahlend rosige Babys im Arm hält. Runte strahlt Ruhe und Wärme aus - und wenn sie über ihren Beruf spricht, ist zu spüren, dass er ihr Berufung ist.

"Für mich ist es einfach großartig zu erleben, wie ich 'meinen Frauen' dabei helfen kann, Vertrauen in ihre eigene Kraft zu gewinnen und so ihren Kindern einen gesunden Start ins Leben zu bieten", sagt Runte. Eine andere Aufgabe, als Babys auf die Welt zu holen, käme für die 46-Jährige nicht in Frage - doch jetzt muss sie sich fragen, ob sie sich ihren Traumberuf weiterhin wird leisten können.

So wie Runte geht es derzeit vielen Geburtshelferinnen, weshalb sie an diesem Mittwoch, dem Tag der Hebamme, in vielen Städten auf die Straßen gehen wollen, um gegen ihre Arbeitsbedingungen zu protestieren.

Hauptaufgabe des Hebammenstandes

Runte betreut noch Hausgeburten, doch sie gehört damit zu einer aussterbenden Art in Deutschland, nur noch jede vierte der rund 15.000 freiberuflichen Hebammen in Deutschland bietet die Geburtsbegleitung zu Hause, in Geburtshäusern oder Belegkrankenhäusern an. Alle anderen beschränken sich inzwischen auf Geburtsvorbereitungskurse und Wochenbettbetreuung.

Zum 1. Juli könnte die Zahl der Frauen, die die eigentliche Hauptaufgabe des Hebammenstandes bewältigen, noch weiter schrumpfen. Dann nämlich steigen die Haftpflichtprämien für diese Hebammen von bisher 2370 auf 3689 Euro. Im Verlauf der vergangenen 18 Jahre haben die Prämien sich damit verzwanzigfacht.

Die Vergütung der Geburten bleibt allerdings seit Jahren gleich: So zahlen die Kassen für die Betreuung einer Geburt im Krankenhaus 237 Euro, inklusive acht Stunden vor der Geburt und drei Stunden danach. Für ihren Einsatz im Geburtshaus bekommen die Hebammen 445 Euro, für eine Hausgeburt werden 537 Euro fällig.

"13 Stunden im Einsatz"

"Bei einer Hausgeburt bin ich insgesamt mindestens 13 Stunden im Einsatz", erzählt Runte, "oft dauert es aber noch länger. Mit der Vergütung der Krankenkassen für meine Leistungen vom Beratungsgespräch über Schwangerenvorsorge und Geburt bis hin zur Wochenbettbetreuung komme ich nach Abzug aller Kosten auf einen Stundenlohn von 7,50."

Aufgeben will Runte nicht, aber sie hat Angst. Weil so viele ihrer Kolleginnen keine aktive Geburtsbetreuung mehr anbieten können, findet sie keine Vertretung mehr, die einspringen kann, wenn sich die Geburten zweier Patientinnen überschneiden oder sie nach einer 60-Stunden-Woche Erholung braucht. "So kann ich die Zahl der Geburten, die ich betreuen muss, um davon leben zu können, nicht mehr annehmen. Mache ich aber von vornherein weniger Geburten, gehe ich pleite."

Allein für die Deckung ihrer jährlichen Versicherungskosten müssen Hebammen ab Juli mindestens 15 Geburten betreuen. Wenn dafür aber immer weniger Hebammen zur Verfügung stehen, werden viele Frauen nicht mehr selbst entscheiden können, wie und wo sie ihre Kinder zur Welt bringen, sondern gezwungen sein, dies in Kliniken zu tun - möglicherweise mit einem Schichtwechsel unter der Geburt und in einer Umgebung, die ihnen nicht vertraut ist.

Angst und Anspannung nehmen

Weil das Arbeitspensum der angestellten Hebammen hoch und die Personaldecke in den Krankenhäusern dünn ist, pendeln die Hebammen in den Klinikkreißsälen nicht selten zwischen drei oder vier Frauen hin und her. So gern sie auf die Wünsche jeder Einzelnen eingingen, ihr Angst und Anspannung nähmen - eine wirklich individuelle Betreuung lassen die Abläufe meist nicht zu. Vom Ideal, jeder Frau für die gesamte Dauer der Geburt eine Hebamme an die Seite zu stellen, entfernt sich die Klinikrealität immer weiter.

Diese Tendenz beklagt auch der Hebammenverband. Schon bei der letzten Erhöhung der Haftpflichtprämien im vergangenen Jahr seien zehn Prozent der Hebammen, die noch aktive Geburtshilfe angeboten hätten, ausgestiegen. "Wir erwarten, dass es ab Juli noch einmal einen ähnlichen Ruck geben wird", sagt Edith Wolber, Sprecherin des Verbands.

Dabei würden eigentlich wesentlich mehr Hebammen für die Geburtsbegleitung benötigt. Von den etwa 660.000 Kindern, die in Deutschland jährlich auf die Welt kommen, wird gut ein Drittel von freiberuflichen Hebammen betreut. Das passiert nicht nur in den Wohnungen der Mütter oder in Geburtshäusern, sondern auch in vielen Krankenhäusern.

Die nämlich stellen ihre geburtshilflichen Abteilungen immer öfter auf ein Belegsystem um, in dem Hebammen und Ärzte nicht mehr in den Krankenhäusern angestellt, sondern freiberuflich tätig sind - und die Gebühren für ihre Haftpflichtversicherung selbst zahlen müssen.

"Nicht mehr attraktiv"

"Gerade für Hebammen, die in Teilzeit arbeiten, weil sie sich auch um ihre eigenen Kinder kümmern wollen, ist das nicht mehr attraktiv", so Wolber. Denn die Eins-zu-eins-Betreuung einer Geburt, die sich so viele Frauen wünschen, ist extrem anstrengend und verlangt von der Hebamme viel Flexibilität. Nitya Runte etwa verlässt Köln nicht mehr, sobald eine ihrer Patientinnen das zweite oder dritte Kind erwartet und von einer schnellen Geburt auszugehen ist. Denn im Ernstfall muss sie innerhalb kurzer Zeit vor Ort sein. "Die Fahrt zu meiner Familie, die etwa 75 Minuten dauert, ist dann einfach nicht mehr drin."

Dabei hat die Erhöhung der Haftpflichtprämien nichts damit zu tun, dass mehr Fehler gemacht würden. Im Gegenteil: Weil immer mehr Kinder überleben, die zu früh oder mit Komplikationen geboren werden, steigen für die Krankenkassen die Pflegekosten. Zudem sind die Schmerzensgeldzahlungen in den vergangenen Jahren nach amerikanischem Vorbild in die Höhe geschnellt.

"Angesichts dieser Kosten schauen die Versicherer natürlich, ob sie nicht die Geburtshelfer in Regress nehmen können", so Runte. Verhandlungen des Hebammenverbands mit den Krankenkassen über einen Ausgleich zur Erhöhung der Haftpflichtprämien scheiterten im März. Der Verband warnt nun davor, dass zum 1. Juli die flächendeckende Versorgung der Frauen zusammenbrechen werde und kündigte an, man werde nicht hinnehmen, dass noch mehr Hebammen die Geburtshilfe aufgeben müssten.

Seit diesem Morgen ist deshalb eine Petition des Verbands online. Darin wird der Bundestag aufgefordert, die "wohnortnahe Versorgung von Frauen mit Hebammenhilfe" auch nach dem 1. Juli sicherzustellen und entsprechende Sofortmaßnahmen in die Wege zu leiten. Schon eine knappe Stunde nach dem Start der Petition hatte sie fast tausend Unterstützer.

Und auch Nitya Runte wird kämpfen - um ihren Traumberuf.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Schluss machen
Hovac 05.05.2010
Bei den Arbeitsumständen sollten viel mehr Leute freiwillig aufgeben und von H4 leben. Nach dem was man in Gesprächen so mitbekommt wird es eh immer schwerer das H4 Niveau mit Arbeit zu erreichen.
2. Ausgewogenheit
Olaf 05.05.2010
Zitat von sysopIhre Versicherungsprämien haben sich in den vergangenen Jahren verzwanzigfacht, die Gehälter blieben gleich: Jetzt gehen die selbstständigen Hebammen auf die Straße. Sie fürchten, sich ihren Beruf bald nicht mehr leisten zu können. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,693131,00.html
Leider geht der Artikel nur sehr beiläufig auf die Ursachen der Beitragserhöhungen ein. Offensichtlich gibt es mehr Kinder mit schweren Behinderungen, an denen die Hebammen eine Schuld tragen. Das ist für die Betroffenen ein schweres Leid, welches völlig in dem Artikel ausgeblendet wird und verursacht hohe Kosten ein Leben lang. Der Beitrag ist sehr einseitig aus Sicht der Hebammen geschrieben. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jemand für die Fehler, die er macht auch gerade stehen muss. Für eine ausgewogenere Betrachtung fehlen die Informationen in diesem Artikel.
3. Keine einfache Lösung
mrtock 05.05.2010
Oh, wo sind denn die vielen Kommentatoren, die sonst immer so hitzig die Gesundheitsthemen auf SPON diskutieren? Ach ja, geht ja nicht gegen Big Pharma, diesmal sind die Kassen die Bösen. Tja, doofe Realität...
4. ...
runzel 05.05.2010
Zitat von OlafLeider geht der Artikel nur sehr beiläufig auf die Ursachen der Beitragserhöhungen ein. Offensichtlich gibt es mehr Kinder mit schweren Behinderungen, an denen die Hebammen eine Schuld tragen. Das ist für die Betroffenen ein schweres Leid, welches völlig in dem Artikel ausgeblendet wird und verursacht hohe Kosten ein Leben lang. Der Beitrag ist sehr einseitig aus Sicht der Hebammen geschrieben. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jemand für die Fehler, die er macht auch gerade stehen muss. Für eine ausgewogenere Betrachtung fehlen die Informationen in diesem Artikel.
Woher haben Sie das? Mich würde eine objektive Begründung für einen derartigen Anstieg sehr interessieren.
5. 7,50€/h
Tetramatrix 05.05.2010
Nach Abzug aller Kosten bleiben 7,50€/h übrig. Das macht bei einer 40h Woche 1200 Netto(!) im Monat. Bei einer 60h Woche entsprechend 1600 Netto(!). Als Selbständiger rechnet man nicht mit: Krankenkasse, Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Weihnachtsgeld, 13. Monatsgehalt, Fahrtkosten, Heimbüro. Eine gute Hebamme verdient damit bestimmt +3K Brutto! Das ist als Selbständiger ganz schön ordentlich.
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Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.

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