Umstrittene Imagekampagne: Die Angst vor den Neugeborenen

Von Susanne Kailitz

Gebühren stagnieren, Versicherungsprämien steigen: Ein Hebammenverein will auf die prekäre Situation der Geburtshelferinnen hinweisen - mit einem Plakat. Es zeigt ein Neugeborenes, nackt, verschmiert. Doch die Kampagne sorgt schon vor Erscheinen für Debatten: Ist das Bild des Babys anstößig? 

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"Ohne Hebammen hängen wir in der Luft": Eine Geburt ist keine "saubere" Angelegenheit

Egal wie sie auf die Welt kommen, ob auf natürlichem Wege oder per Kaiserschnitt: Babys hängen bei ihrer Geburt an der Nabelschnur, sind verschmiert und nackt. Für Hebammen, Ärzte und Eltern ist dieser Anblick das Normalste der Welt. Die Deutsche Gesellschaft für Stadtanlagen GmbH, kurz Degesta, sieht in der Abbildung eines Neugeborenen eine Erregung öffentlichen Ärgernisses. Das Außenwerbeunternehmen weigert sich deshalb, Plakate des Vereins Hebammen für Deutschland aufzuhängen. Das Motiv sei "aufgrund seiner extremen Darstellung nicht vertretbar" und "könnte in der Öffentlichkeit anstößig wirken".

Mit dem Poster, das ein neugeborenes Mädchen noch an der Nabelschnur hängend zeigt, wollten die Geburtshelferinnen rund um den Hebammentag am 5. Mai an Bonner Bushaltestellen auf ihre schlechte finanzielle Situation aufmerksam machen; nach dem Motto "Ohne Hebammen hängen wir in der Luft".

Kurz vor dem geplanten Start machte die Degesta einen Rückzieher. Auf Nachfrage bestätigt eine Degesta-Sprecherin, dass ihre Firma befürchtet habe, sie könne wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses belangt werden, wenn sie die Plakate aufhänge. "Wir bekommen dann mit den Städten Probleme, und es müssen Sonderfahrten zum Abkleben der Motive gefahren werden, die uns so kleine Vereine nicht bezahlen könnten." Außerdem sei das Bild ja mit "all dem Schmodder" eindeutig "nicht normal", habe "keine Ästhetik" und würde Betrachter provozieren.

In der PR-Abteilung des Unternehmens betont man, man unterstütze grundsätzlich das Anliegen der Hebammen, mache sich aber vor allem Sorgen um die Kleinen: Das Motiv könne "insbesondere bei Kindern Erschrecken hervorrufen". Die Abbildung eines Neugeborenen, das noch mit der Nabelschnur mit der Mutter verbunden ist, könne "Menschen schockieren".

Philipp Rösler sagte Unterstützung zu - passiert ist nichts

Seit Jahren kämpfen die Hebammen für eine bessere Vergütung ihrer Arbeit durch die Krankenkassen. Dennoch lohnt sich für die rund 13.000 freiberuflichen Hebammen in Deutschland die Geburtshilfe immer weniger, seit die Haftpflichtbeiträge immer weiter ansteigen, während die Vergütung seit Jahren gleich niedrig bleibt. Auf mehr als 4200 Euro pro Jahr steigen die Kosten für die Haftpflichtversicherung in diesem Sommer. Damit zahlen die Geburtshelferinnen rund 1800 Euro mehr als noch vor zwei Jahren - für viele ein Grund, keine Geburten mehr zu betreuen.

Weil nur noch ein Viertel der freien Hebammen in Deutschland geburtshilfliche Leistungen anbietet, sehen die beiden Berufsverbände die flächendeckende Versorgung gefährdet. Mehr als 186.000 Menschen haben eine Petition beim Deutschen Bundestag unterzeichnet, die im Jahr 2010 eingereicht wurde und eine bessere Vergütung der Hebammen fordert. Der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler sagte Hilfe zu. "Und obwohl diese breite Unterstützung für unsere Arbeit da ist und pausenlos betont wird, wie wichtig die Geburtshilfe ist, tut sich nichts", sagt Nitya Runte, freie Hebamme und Vorsitzende des Vereins Hebammen für Deutschland. "Deshalb haben wir uns für unsere Aktionen zum Hebammentag am 5. Mai bewusst für ein Motiv entschieden, das aufrütteln soll." Wie man aber ein Neugeborenes anstößig finden kann, das erschließt sich der 47-jährigen Kölnerin nicht.

Laut Bonner Stadtverwaltung sei an dem Motiv nichts auszusetzen

Auch Katharina Jeschke, Beirätin im Deutschen Hebammenverband, fehlt für diese Sicht das Verständnis. Doch die Wahrnehmung, dass eine Geburt etwas sei, das man lieber verstecken müsste, scheint ihr weit verbreitet zu sein. Seit einem Jahr verhandelt sie im Auftrag des Hebammenverbands mit den Krankenkassen über eine Erhöhung der Leistungen für die Geburtshilfe.

"Da feilscht die GKV um jeden sterilen Handschuh und jeden Milliliter Desinfektionsmittel, die bei einer Geburt abgerechnet werden können. Eine Geburt ist nun einmal keine 'saubere' Angelegenheit, Kinder werden nicht im geschniegelten Zustand geboren. Aber das will man weder sehen noch finanziell anerkennen." Dass ein Unternehmen sich nun weigere, das realistische Bild eines Neugeborenen zu verbreiten, passe zu dieser Geisteshaltung.

Doch auch wenn die Degesta das für sie so unappetitliche Bild an ihren Werbeflächen verhindert hat: Zur Konfrontation mit dem Normalzustand am Beginn eines Lebens wird es dennoch kommen. Nachdem ihnen sowohl von der Bonner Stadtverwaltung als auch dem Fachverband Außenwerbung bestätigt wurde, dass an dem Motiv nichts auszusetzen sei, haben die Hebammen einen anderen Anbieter gefunden, der ihre Plakate in Bonn aufhängt.

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insgesamt 105 Beiträge
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1.
syd_ 27.04.2012
In jeden Bereich werden doch jetzt Frauenquoten eingeführt wie wäre es denn mal umgekehrt? Eine Männerquote bei den Hebammen, es kann ja nicht sein das dort ein 99,98% Frauenanteil besteht ;-)
2. interessante Flucht vor der Realität
Spiegelleserin57 27.04.2012
Zitat von sysoprosskamp designGebühren stagnieren, Versicherungsprämien steigen: Ein Hebammenverein will auf die prekäre Situation der Geburtshelferinnen hinweisen - mit einem Plakat. Es zeigt ein Neugeborenes, nackt, verschmiert. Doch die Kampagne sorgt schon vor Erscheinen für Debatten: Ist das Bild des Babys anstößig? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829896,00.html
die Debatte zeigt wie weit unsere Gesellschaft von der Realität entfernt ist. Alles was nicht dem Schönheitsideal entspricht wird versteckt und ist tabu. Alle sollen 20 , jung und faltenfrei sein aber das ist nun nicht die Realität.
3. Anstößig?
maipiu 27.04.2012
Dass Deutschland alles andere als kinderfreundlich ist, ist ja nichts Neues. Wo Leute gegen Kitas oder Kindergärten in der Nachbarschaft klagen. Dass jetzt Neugeborene anstößig sein sollen, lässt allerdings tief blicken. Kein Wunder, dass die Deutschen aussterben.
4. Mein Profil
air plane 27.04.2012
Zitat von sysoprosskamp designGebühren stagnieren, Versicherungsprämien steigen: Ein Hebammenverein will auf die prekäre Situation der Geburtshelferinnen hinweisen - mit einem Plakat. Es zeigt ein Neugeborenes, nackt, verschmiert. Doch die Kampagne sorgt schon vor Erscheinen für Debatten: Ist das Bild des Babys anstößig? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829896,00.html
Nee, das Plakat geht gar nicht; es funktioniert meines Erachtens auch nicht. Die Aussage ist ungefähr so: "Ohne Hebammen sehen wir so ekelig und schmuddelig aus." Aber das ist ja nicht der Punkt. Die Babys sehen mit und ohne Hebammen so aus - aber müssen wir das sehen? Das ist wie Werbung für Klopapier mit echter K**** dran. Oder für Gebissreiniger mit einem echten, schmudderigen Gebiss. Oder für Tampons mit ... Bei Toscani/Benneton war das Konzept völlig anders, falls das etwa als Vorbild gedient haben sollte. Die Provokation zielt in die falsche Richtung.
5. ich glaub das jetzt nicht
sayuri67 27.04.2012
So sehen Kinder nun mal aus, wenn sie auf die Welt kommen. Was ist daran anstößig, was könnte Kinder daran erschrecken? Man kann das Bild einem Kind mit einem Satz erklären, wenn man sagt: Ja, so hast du auch ausgesehen. Aber aufgepimpte Brüste etc., das ist ästhetisch? Das schockt kleine Kinder nicht? Ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus
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Geburtsorte
Hausgeburt
Zu einer Hausgeburt können sich gesunde Schwangere entscheiden, bei denen keine Komplikationen erwartet werden. Eine Hebamme, die die Frau mitunter schon mehrere Monate während der Schwangerschaft begleitet, kommt zur Geburt nach Hause - zu jeder Tages- und Nachtzeit. Der Vorteil: Die Hebamme kennt die Familie sowie die Wünsche und Ängste der Frau und kann individuell auf sie eingehen. Einen Schichtwechsel gibt es nicht, Schmerzmittel werden seltener gegeben und es kommt seltener zu Verletzungen des Damms. Der Nachteil: Bei starken Schmerzen kann keine Schmerzblockade durch PDA (Periduralanästhesie) erfolgen. Verschlechtert sich der Zustand des Kindes während der Geburt oder treten starke Blutungen auf, muss die Schwangere in ein Krankenhaus verlegt werden.
Geburtshaus
In einem Geburtshaus entbinden Schwangere ihre Kinder unter der Leitung von Hebammen. Ärzte sind nicht anwesend. Die Idee dahinter: Die Frau soll Vertrauen in sich und den Vorgang der natürlichen Geburt gewinnen und zu jedem Zeitpunkt mit entscheiden, was gut ist für sie. Einige Geburtshäuser arbeiten in enger Kooperation mit Kliniken, so dass im Notfall der Weg in einen Kreißsaal bereits gebahnt ist.
Hebammenkreißsaal
Hier führen Hebammen das Regiment - allerdings in einem Krankenhaus. Ein Hebammenkreißsaal ist für Frauen mit niedrigem Schwangerschafts- und Entbindungsrisiko geeignet, die sich möglichst wenige Interventionen erhoffen wie einen Dammschnitt oder die Gabe von Schmerzmitteln. Im Notfall kann die Frau in den herkömmlichen Kreißsaal mit allen medizinischen Möglichkeiten verlegt werden.
Krankenhauskreißsaal
In einem Krankenhaus begleiten Hebammen eine Schwangere von der Ankunft bis zum Verlassen des Kreißsaals. Dauert die Geburt länger als acht Stunden, erfolgt ein Schichtwechsel. Alternativ arbeiten einige Kliniken auch mit sogenannten Beleghebammen. Sie betreuen die Schwangere nicht nur vor und nach der Geburt sondern leiten auch die Entbindung. In einem Krankenhaus sollte bei jeder Geburt ein Arzt anwesend sein. Verfügt das Krankenhaus nicht über eine Kinderklinik, so muss ein krankes oder schwaches Kind nach der Geburt verlegt werden.
Krankenhaus der Maximalversorgung
In diesen Häusern gibt es nicht nur Kreißsaal, OP, Hebammen und Gynäkologen, hier stehen auch Kinderärzte und Intensivmedizin für die Versorgung von schwachen Babys bereit. Für einen Notkaiserschnitt etwa gelten strenge Richtlinien: Nicht mehr als 20 Minuten dürfen vom Zeitpunkt der Entscheidung bis zur Geburt vergehen. Kommt ein Kind zu früh oder krank zur Welt, kann es je nach Bedarf sofort auf die Intensivstation oder zur Beobachtung auf die Neugeborenenstation verlegt werden. Die Geburt in einer Klinik der Maximalversorgung ist für Frauen mit einer Hochrisiko-Schwangerschaft sinnvoll. Aber auch gesunde Schwangere können solche Kliniken wählen.