Heimkinder-Schicksale 20 Euro für 15 Jahre Leid

Bedauern, Aufarbeitung, Begegnung: Nachdem die Leiden misshandelter Heimkinder lange totgeschwiegen wurden, nehmen sich nun Kirchen und Politik ihres Schicksals an. Auch wenn Bewegung in das Thema kommt, reagieren manche Geistliche mit höchst zweifelhaften Gesten.

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Hamburg - Hoffnungsvoll nahm Jürgen Schubert, 59, dieser Tage einen ganz besonderen Brief in Empfang. Der Absender: die Kongregation der Barmherzigen Schwestern in Paderborn. Einen Monat zuvor hatte der Mann aus Aachen der Generaloberin der Nonnen seine Lebensgeschichte mit der Bitte um Stellungnahme zugesandt. Unter dem Titel "Mundtot" hatte er notiert, welche Qualen er einst in einem Heim des Ordens erlitten hatte, in dem er 15 Jahre lang, so Schubert, "als abgeschobenes uneheliches Kind dahinvegetierte".

Das Opfer der Nonnen hoffte auf ein paar Worte der Entschuldigung. Doch von Buße keine Spur: Der Briefumschlag enthielt nur eine Karte mit wenigen Zeilen und einem seltsamen Lob. Sein Lebensbericht sei "sachlich und spannend verfasst", schrieb Generaloberin Cäcilie Müller, zudem habe der Text "keine Vorwürfe" enthalten - was sie und ihre Schwestern "erleichtert" zur Kenntnis genommen hätten. Doch irgendwie muss die fromme Schwester doch das Gewissen geplagt haben: Der Karte lag ein 20-Euro-Schein bei, als "Anlage".

Nun ist der Zorn des Mannes, der von 1949 bis 1964 im Johannesstift im sauerländischen Marsberg gelebt hatte, größer als je zuvor. "Zwanzig Euro Wiedergutmachung nach 15 Jahren des Eingesperrtseins? Nach Prügel, Demütigung und Kinderarbeit?", empört er sich und kann "so viel Unbarmherzigkeit nicht fassen".

Nur eines tröstet Schubert, Mitglied in einem neu gegründeten "Verein ehemaliger Heimkinder": Anders als die Schwestern von Paderborn wollen sich die beiden großen Kirchen jetzt endlich des Schicksals jener rund 500.000 Menschen annehmen, die bis in die siebziger Jahre in meist kirchlichen Heimen Westdeutschlands unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht waren - das ist ein radikaler Kurswechsel, denn bis vor kurzem, war dies bei den ehemaligen konfessionellen Betreibern westdeutscher Erziehungsheime so gut wie kein Thema.

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, will in seiner Kirche "heilsame und entlastende Entschuldigungen" auf den Weg bringen: "Wenn dieses Unrecht nicht beim Namen genannt wird, dann wird die Würde der betroffenen Menschen heute genauso verletzt wie damals." Und auch im Bundestag ist eine Anhörung zu diesem bislang verdrängten Kapitel der bundesdeutschen Geschichte geplant.

Am weitesten sind die Hessen. Der Landeswohlfahrtsverband (LWV), ein Zusammenschluss hessischer Städte und Kommunen, hat jetzt einstimmig eine Resolution verabschiedet, durch die der Verband anerkennt, dass bis in die siebziger Jahre auch in seinen Kinder- und Jugendheimen eine Erziehungspraxis stattgefunden hat, die "aus heutiger Sicht erschütternd" ist. In der Erklärung, die von allen fünf Partei-Fraktionen der Verbandsversammlung getragen wird, spricht er "sein tiefstes Bedauern über die damaligen Verhältnisse" in den Heimen aus und entschuldigt sich bei allen Kindern und Jugendlichen, die dort "alltäglich physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren". Ihr Leid bleibe verbunden mit "Holzpritschen ohne Matratzen, mit Strafbunkern, Besinnungsräumen, Arbeitszwang, Schlägen, Demütigung".

In Hessen will man es nicht nur bei einer offiziellen Entschuldigung belassen, sondern weitere Schritte der Aufarbeitung angehen: Am 9. Juni findet dazu im Sozialpädagogischen Zentrum Kalmenhof in Idstein eine Tagung statt, bei der eine kritische Auseinandersetzung mit der Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren im Mittelpunkt stehen wird. Dazu sind auch Mitglieder des "Vereins ehemaliger Heimkinder" und Vertreter heutiger sozialpädagogischer Ausbildungsstätten eingeladen. Diskutiert werden soll dann auch über den Plan, eine Forschungs- und Beratungsstelle einzurichten sowie erstmals ein Museum zur "Geschichte der Heimerziehung".

"Falsch verstandene Pädagogik"

Auch andere Landschaftsverbände in der Bundesrepublik planen solche Entschuldigungen, verbunden mit konkreten Schritten der Aufarbeitung. EKD-Chef Huber ist ebenfalls schon aktiv geworden: Er hat das Diakonische Werk aufgefordert, die Aufarbeitung voranzutreiben. Archive sollen geöffnet, Begegnungen zwischen früheren Mitarbeitern und einstigen Zöglingen ermöglicht werden.

Selbst der Chef der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, spricht inzwischen von "falsch verstandener Pädagogik". Das "Leid jener Heimkinder", habe ihn "erschüttert und tief berührt". Er teile zwar nicht "einen Generalverdacht gegen alle Heime", befürworte jedoch, "die Aufarbeitung der Geschehnisse, die in einigen Heimen schon begonnen hat, um wenigstens heute den Opfern gerecht zu werden zu versuchen".

Der Schwenk der Kirchen ist erstaunlich: Noch vor kurzem wimmelten sie Opfer und Kritiker meist ab. Der evangelische Erziehungsverband etwa hatte in einem internen Rundschreiben empfohlen, "in etwaigen öffentlichen Diskursen das Thema möglicher Rentenansprüche aus 'Zwangsarbeit' oder anderer Schadensersatzleistungen" abzuwürgen - möglichst durch Verweis auf erforderliche "juristische Prüfungen".

Doch weil sich nun auch die Politik der Sache annimmt, steigt der Druck auf die Kirchen. "Wichtig und notwendig" sei es, so Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), dass sich das Parlament mit dem Thema befasse. Dort sollten die Abgeordneten "Möglichkeiten der moralischen und sozialen Anerkennung des erlittenen Unrechts diskutieren".

Zu diesem Zweck will die SPD-Bundestagsabgeordnete Marlene Rupprecht, Mitglied im Petitionsausschuss, sobald wie möglich eine Anhörung von ehemaligen Heimkindern organisieren. Was da mit den jungen Menschen in der Bundesrepublik geschehen ist, sagt die Abgeordnete, sei "nicht staatliche Hilfe zur Erziehung, sondern in viel zu vielen Fällen die Zerstörung von Persönlichkeiten" gewesen. Es seien Dinge geschehen "im Namen des Rechtsstaates, die jedoch Unrecht waren".

Ex-Heimkind Jürgen Schubert hofft, dass es nicht allzu lange dauert, bis er bei einer Anhörung im Bundestag sprechen kann. Seine Lebensgeschichte, die er bereits den Schwestern in Paderborn schickte, will er demnächst den Parlamentariern vorlegen. Die 20 Euro, die der Orden der "Barmherzigen Schwestern" ihm zukommen ließ, hat er inzwischen zurückgespendet - das Geld liegt im Opferstock des Aachener Doms.



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