Gesägt, getan Dieser Schemel haut mich nicht vom Hocker

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Ein kleiner Schemel aus einem Stück Holz - kann das gelingen? Ja, selbst ohne Nagel und Schraube. Nur die Ästhetik geht irgendwo auf dem Weg zwischen solide und klobig verloren.

Der erste kippt leicht. Der nächste ist wohlgeformt, wackelt aber. Der dritte ist solide, aber langweilig. Nein, ich meine nicht die "Bachelorette"-Kandidaten. Sondern die Schemel bei mir zu Hause.

Es ist ein in vielen Jahren angehäuftes und mit Impulskäufen erweitertes Sammelsurium. Um einen vernünftigen und hübschen Schemel zu erhalten, müsste man schon Frankenstein spielen und eine Art Best-of zusammenzimmern.

Oder ganz von vorn anfangen. Es ist schon eine Weile her, dass ich kläglich bei meinem Versuch gescheitert bin, ein Erbstück zu bauen. Auch beim zweiten Versuch wurde es nicht viel besser. Vielleicht war das Projekt Bank damals zu ambitioniert. Zumal ich als Werkstoff Eichenholz gewählt hatte, zumindest bei Versuch Nummer eins. Eiche ist schön, aber widerständig.

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Bastelprojekt mit Massivholz: Auf dem Holzweg

Irgendwie lässt mich diese Erinnerung bis heute nicht los. Und jeder, der auch nur den geringsten Schimmer von Werkstattpsychologie hat, weiß, dass man sich nur mit einem neuen Projekt von diesem Ballast freimachen kann.

Glücklicherweise zwang mich das im Bastelschuppen vorhandene Stück Eichenbohle ohnehin, ziemlich klein zu denken: passenderweise in den Dimensionen eines Schemels. Ein paar dicke Streifen für die Trittfläche, vier stabile Stücke für die Beine, ein paar dünne Hölzchen für Verstrebungen. Mehr war zumindest für mich aus dem Stück Holz nicht herauszubekommen. Ach ja: Selbstverständlich sollte alles nur geleimt werden, keine Nägel, keine Schrauben.

Ich kann mich dunkel an eine "Simpsons"-Folge erinnern, in der ein Baumstamm in eine Fabrik gebracht wird. Dort wird so lange an dem Stamm herumgefräst und -gesägt, bis exakt ein Zahnstocher übrig ist. (Falls mich meine Erinnerung trügt: "Simpsons"-Fans, Mails bitte an mich.)

Der Schwund ist beträchtlich

So ähnlich ging es mir mit den Holzstücken für die Trittplatte. Nachdem ich sie auf Dicke, Länge und Breite zugesägt und -gehobelt hatte, war ein erheblicher Schwund zu bemerken. Ähnlich verhielt es sich mit den Beinen. Einzig die dünnen Verstrebungen ließen sich unter "effektiv genutztes Material" verbuchen.

Warum der ganze Aufwand? Weil sich nur Holzstücke mit sehr geraden Seiten halbwegs vernünftig zu einer Platte zusammenleimen lassen. Im Fall des Schemels waren es zwar nur fünf Teile. Aber selbst das brachte mich an den Rand meiner Fähigkeiten, weil Eiche in etwa so flexibel ist wie ein Eiswürfel.

Seit jenem Abend im Schuppen halte ich die Leimholzplatte für eine unterschätzte kulturelle Errungenschaft. Ich hatte eigentlich gedacht, das Ausstemmen der Zapfen für die Beine und Verbindungsstreben würde für mich zum größten Problem werden. Stattdessen versuchte ich mit diversen Schraubzwingen, alle Lücken zuzudrücken, bevor der Leim hart wurde.

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Gesägt, getan

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So gesehen folgte dieses Projekt einer seltsamen Dramaturgie. Denn der Rest des Baus ging relativ problemfrei vor sich (die einzelnen Schritte finden Sie hier). Es war, als hätten die Planer der Tour de France das Zeitfahren sowie sämtliche Gebirgsetappen in die erste Woche der Rundfahrt gelegt, um danach allen Teilnehmern ein entspanntes Dahinradeln zu ermöglichen.

Und nun ist er fertig, mein Schemel. Er steht gut, wackelt nicht. Soweit ich es beurteilen kann, ist er stabil. Die Proportionen finde ich allerdings in der Gesamtansicht nicht mehr sonderlich gelungen. Die Beine sind zu klobig, die Streben zu dünn. Die Platte wirkt sehr wuchtig, insgesamt ist er einfach nicht besonders hübsch proportioniert.

Mit anderen Worten: Der Schemel passt perfekt in mein Sammelsurium.

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10 Leserkommentare
aldifreak 05.08.2018
l/d 05.08.2018
thelix 05.08.2018
dasfred 05.08.2018
Referendumm 05.08.2018
Stäffelesrutscher 05.08.2018
mbk48 05.08.2018
dasfred 05.08.2018
P-Schrauber 05.08.2018
lathea 05.08.2018

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