Helfer beim Love-Parade-Unglück Der glückliche Lebensretter

Alexander Buchholz hat versucht, auf der Love Parade einen Sterbenden zu reanimieren, Dutzenden half der Student per Räuberleiter aus dem furchtbaren Gedränge. Am Tag darauf setzte er umstandslos sein Alltagsleben fort, heute wirkt er ausgeglichen, unbeschwert. Er sagt: "Mir geht es gut."

SPIEGEL ONLINE

Von , Hamm


Alexander Buchholz schaut müde aus, abgekämpft, gerädert. Bis vor wenigen Tagen war der Student im Prüfungsstress, und an diesem Morgen hat er um 5 Uhr seinen Vater an den Flughafen Münster-Osnabrück gebracht.

Er könnte aber auch so aussehen, weil er vor einem Jahr auf der Love Parade in Duisburg war, genau an der Stelle, an der später 16 Tote gefunden wurden. Er könnte so aussehen, weil er versucht hat, einen von ihnen mit Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben. Er könnte so aussehen, weil er Dutzenden aus dem Gedränge half und weil ihn diese Bilder bis heute nicht loslassen.

Doch Alexander Buchholz geht es gut. Jeder Tag, der ins Land geht, treibt ihn weiter weg von diesem Erlebnis. Wenn er träumt, dann nicht von der Love Parade, sagt er. Wenn er nachdenkt, dann nie über die Love Parade. Wenn er mit Freunden zusammensitzt und erzählt, dann nie von der Love Parade.

"Ich bin durch damit", sagt Alexander. Er ist 21 Jahre alt, hat blonde kurze Haare, ein auffallendes Grübchen am Kinn. Die beiden Koteletten verbindet ein etwa ein Zentimeter breiter Bart, den man nur bei genauem Hinsehen entdeckt. Alexander sitzt auf der Terrasse des Café del Sol in Hamm, seiner Heimatstadt, und zündet sich eine Marlboro an. Er sitzt am selben Tisch wie vor knapp einem Jahr. Damals plagten ihn Schlafstörungen. Keine 48 Stunden zuvor hatte er im Gedränge des Techno-Festivals festgesteckt.

Alexander war mit Freunden im Regionalexpress von Hamm zur Love Parade nach Duisburg gefahren, dort angekommen wurde die Gruppe durch die Massen auseinandergerissen. Er stand auf der Rampe, als die Besucherströme von beiden Tunneln mit den Ravern zusammenstoßen, die das Veranstaltungsgelände bereits verlassen wollen. Es kommt zur Katastrophe.

Wie von einer Welle wird Alexander an die Mauer gedrückt, an der eine baufällige, winzige Treppe nach oben führt. Auf den Stufen stapeln sich Menschen. Die Leute um ihn herum weinen und schreien. Intuitiv packt er die, die wegzusacken drohen, stemmt sie nach oben, so weit er kann. Männer auf der Treppe greifen nach ihnen, ziehen sie in die Höhe. Andere bugsiert er per Räuberleiter nach oben. Alexander rettet im Minutentakt.

Er sieht keine Ordner, die helfen, nur Polizeibeamte in schwarzen Uniformen. Auch sie zerren Hilflose aus der Menge. Schlagartig löst sich die Massenpanik auf. Wie es dazu kommt, weiß Alexander bis heute nicht. Er sieht Verletzte und Bewusstlose, bringt sie in die stabile Seitenlage. Gemeinsam mit einem anderen Helfer versucht er schließlich, einen Sterbenden zu reanimieren. Alexander beatmet den Fremden, der andere übernimmt die Herz-Rhythmus-Massage, zählt laut die 30 Anschläge, Alexander beatmet erneut.

Ein Notarzt stürzt herbei, schneidet dem Verletzten das T-Shirt auf, ruft den beiden Ersthelfern zu: "Macht weiter!" Wie in Trance kämpfen Alexander und der andere um das Leben des Unbekannten.

Die wummernden Bässe, die unzähligen Martinshörner, die Anweisungen der Notärzte und Polizeibeamten - Alexander hört sie nicht. Er hört nur, wie der fremde Mann vor ihm immer wieder von 1 bis 30 zählt. Dann beugt sich Alexander nach vorne. Er weiß nicht, wie oft sie den Vorgang wiederholen. Er weiß nicht, wie lange die Rettungsmaßnahme dauert. Er weiß nur, wie er erschöpft auf die Knie sackt, als ein Notarzt sagt, dass der Mann gestorben sei. Alexander Buchholz wird es erst Tage später verstehen.

Die Erinnerungen verblassen von Tag zu Tag

Wie in Trance schleppt er sich in den Tunnel, setzt sich hin. Sein Gesicht, seine nackten Arme, sein weißes T-Shirt, seine weiße Jeans und seine Beine sind voller Matsch und Staub. Jemand reicht ihm Wasser, ein Notfallseelsorger spricht ihn an. Die Stimme, das Geschehen - alles ist weit weg, wie in Watte gepackt. Um ihn herum liegen Tote. Verletzte werden abtransportiert.

Die Turnschuhe, die Alexander damals trug, sind im Gewühl aufgeplatzt. Zum Werkeln im Garten zieht er sie noch immer an. Die Shorts, das T-Shirt, er weiß gar nicht, ob seine Mutter den Dreck je rausbekommen, die Kleidung vielleicht sogar weggeschmissen hat. Der 21-Jährige muss lachen, er wirkt ausgeglichen, unbeschwert.

"Ich habe mich nie unwohl gefühlt seitdem", sagt Alexander. Er schläft längst wieder durch. Ihm schießen keine Bilder in den Kopf, die ihn verwirren. Vielmehr verblassen sie von Tag zu Tag. Selbst an den leeren Blick des Mannes, den er beatmete, kann er sich heute kaum erinnern. Auch seinen Mithelfer würde er nicht wiedererkennen, sagt er. "Aber das hätte ich am selben Tag schon nicht mehr gekonnt."

Am Tag nach dem Unglück, einem Sonntag, half Alexander einem Kumpel, das Dach auf dessen Werkstatt zu reparieren. Am Montag ging er wie gewohnt um 7 Uhr zur Arbeit. Er leistete damals seinen Zivildienst beim Roten Kreuz in Hamm, transportierte als Fahrer Bedürftige. Nebenbei jobbte er in einer Pizzeria gegenüber vom Café del Sol. Er habe alles "wie gewohnt" gemacht in den Tagen danach. Vielleicht habe ihm das geholfen, sagt er. Sein Motto klingt simpel: "Wenn man vom Pferd fällt, sollte man aufstehen und weiterreiten."

Das Bundesamt für Zivildienst schickte einen Vertreter nach Hamm, der wissen wollte, wie es Alexander gehe, ob er einen Psychologen konsultieren wolle. Die Behörde unterstütze alle Maßnahmen. Alexander winkte ab. Wenige Tage später fand er im Briefkasten ein Care-Paket des Amts - darin ein T-Shirt mit der Aufschrift www.zivildienst.de, eine Jutetasche und ein Kugelschreiber.

"Mir geht es gut"

Die Berichte über die Love Parade, das Gerangel um die Verantwortung - Alexander las darüber in der Zeitung, sah Berichte im Fernsehen. Aber nicht gezielt. Im Gegenteil: "Mir erging es ähnlich wie jetzt mit Fukushima: Am Anfang wollte ich alles ganz genau wissen, irgendwann war es mir einfach zu viel."

Inzwischen schaltet er bei TV-Dokumentationen zur Katastrophe in Duisburg meist um. "Vielleicht tue ich es unbewusst, aber vielleicht auch einfach, weil ich schon so viel dazu gesehen und gehört habe. In jedem Fall nimmt es mich nicht mit oder wirft mich um."

Seit Oktober vergangenen Jahres studiert Alexander in Soest an der Fachhochschule Südwestfalen Engineering and Project Management. Die knapp 30 Kilometer von Hamm aus fährt er täglich mit dem Auto. Noch immer wohnt er im Haus seiner Eltern. "Das ist auch sehr bequem, da ist der Kühlschrank immer schön voll, die Wäsche wird gemacht", sagt er und grinst.

Sein Fußballverein, seine Freunde, die jüngere Schwester, der Job in der Pizzeria - Alexander will erst einmal nicht weg aus Hamm. Die Semesterferien in seiner gewohnten Umgebung verbringen, für ihn ist es der ideale Freizeitvertreib.

Im September will er mit seinem Motorrad durch die Vogesen fahren. In seiner schwarzen Kluft auf der schweren Maschine die Kurven "entlangräubern", wie er sagt. Abends mit seinem Vater und dessen Freunden "Benzingespräche" führen, ein Bier unter freiem Himmel trinken, früh ins Bett gehen.

"Ich bin froh, dass mich die Katastrophe auf der Duisburger Love Parade nicht verändert hat. Ich kann mein Leben in vollen Zügen genießen. Mir geht es gut, und ich bin genauso glücklich wie zuvor", sagt Alexander. Es klingt überzeugend.

Die Gesichter der Katastrophe: SPIEGEL ONLINE porträtiert Menschen, die bei der Love Parade waren und den Reportern in den Tagen nach dem Unglück ihre Geschichten erzählten. Begegnungen ein Jahr danach: Wie geht es ihnen heute? Was hat sich seither verändert?

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Rübezahl 21.07.2011
1. Antrag auf Schwerbehinderung
Ich möchte hiermit darauf hinweisen ,dass die Personen, welche bei der Love Parde traumatisiert wurden, zum Arzt ( Psychotherapeuten) gehen sollten und gleizeitig beim Versorgungsamt einen Antrag auf einen Schwerbehindertenausweiß geltend machen sollten. Traumatisiert zu sein ,ist eine Schwerbehinderung ! Noch ist Zeit, noch läst sich alles Beweisen . Später ist man in Beweißnot.
vierteldeutscheösi 21.07.2011
2. bravo!
Zitat von sysopAlexander Buchholz hat versucht, auf der Love Parade einen Sterbenden zu reanimieren, Dutzenden half*der Student*per Räuberleiter aus dem furchtbaren Gedränge. Am Tag darauf setzte er umstandslos sein Alltagsleben fort, heute wirkt er ausgeglichen, unbeschwert. Er sagt: "Mir geht es gut". http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,775293,00.html
Ein großartiger junger Mann! Alles Gute, Herr Buchholz und bitte ein bisschen aufpassen beim "Entlangräubern", damit nichts passiert und Sie auch weiterhin glücklich sein können. Ich wünsche Ihnen viel Glück!
wolfgangl, 21.07.2011
3. Warum...
Zitat von RübezahlIch möchte hiermit darauf hinweisen ,dass die Personen, welche bei der Love Parde traumatisiert wurden, zum Arzt ( Psychotherapeuten) gehen sollten und gleizeitig beim Versorgungsamt einen Antrag auf einen Schwerbehindertenausweiß geltend machen sollten. Traumatisiert zu sein ,ist eine Schwerbehinderung ! Noch ist Zeit, noch läst sich alles Beweisen . Später ist man in Beweißnot.
... sollte er das tun? Er sit offensichtlich nicht traumatisiert, da muss ma auch nix hineintraumatisieren! Ein bemerkenswerter , aufmerksamer junger Mann, der das Menschenmögliche getan hat und vernünftig damit um geht. Wenn es mehr solche Menschen gäbe, wären die Sozialkassen nicht so am Anschlag!
vierteldeutscheösi 21.07.2011
4. unsensibel!
Zitat von RübezahlIch möchte hiermit darauf hinweisen ,dass die Personen, welche bei der Love Parde traumatisiert wurden, zum Arzt ( Psychotherapeuten) gehen sollten und gleizeitig beim Versorgungsamt einen Antrag auf einen Schwerbehindertenausweiß geltend machen sollten. Traumatisiert zu sein ,ist eine Schwerbehinderung ! Noch ist Zeit, noch läst sich alles Beweisen . Später ist man in Beweißnot.
Mag ja sein, dass Sie mangels eigener Sensibilität anderen diesbezüglich nichts abkaufen. Aus dem eigenen kleinen Universum herauszublicken ist schließlich nicht immer einfach. Mag auch sein, dass so einige Leute Umstände ausnützen. Dies aber allen unterstellen zu wollen ist schon ein starkes Stück. Echten Opfern die das lesen, wird wieder einmal zusätzlich Schmerz zugefügt. Seien wir doch froh, dass es in der Gesellschaft endlich mehr Bewusstsein und Verständnis für seelische Zusammenhänge gibt! Die immer Harten hatten lange genug die Übermacht. Und der oft so kalten und oberflächlichen Gesellschaft tun sensible Menschen nur gut.
dosmundos, 21.07.2011
5. Hm...
Egal, ob man (anscheinend?) ohne Probleme der Katastrophe entkommen ist oder ganz offensichtlich traumatisisert wurde (wie andere Berichte in dieser Reihe darlegen) - offensichtlich ist das Gespräch mit einem Psychiater das letzte, was den Betroffenen einfällt! Schade, dass Möglichkeit der Selbsthilfe so breit abgelehnt wird.
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