Helgolands Schicksalsfrage Riesen-Puzzle auf der Hochseeinsel

Ein 100-Millionen-Projekt spaltet Helgoland: Sollen die zwei Teile der Insel durch eine gigantische Landaufschüttung wieder verbunden werden? Darüber müssen die Einwohner nun abstimmen. Die Gegner fürchten das Ende ihres Idylls, die Befürworter den langsamen Tod ihrer Heimat.

dapd

Von Helgoland berichtet


Für die Strecke, über die auf Helgoland seit Jahren heftig gestritten wird, braucht man mit dem Schiff nur fünf Minuten: von der Hauptinsel hinüber zur vorgelagerten Düne, einer kleinen Sandinsel mit Flughafen und Badestrand.

Der Juni-Tag ist sonnig, die Nordsee leuchtet blau, am Ufer faulenzen zwei Dutzend Robben. Am Wasser steht ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Er sei 68 Jahre alt, sagt er, pensioniert, auf Helgoland groß geworden, seine Familie lebe seit Jahrhunderten auf Deutschlands einziger Hochseeinsel. "Ich will hier in Ruhe alt werden", sagt er. "Ich werde mit Nein stimmen."

An diesem Sonntag müssen die Helgoländer entscheiden: Sind sie für oder gegen ein 100 Millionen Euro teures Projekt, das der Hamburger Unternehmer Arne Weber entwickelt hat? Die Idee: Eine Landverbindung zwischen Hauptinsel und Düne zu errichten, fast einen Kilometer lang und 300 Meter breit, mit einer Fläche, die größer ist als 40 Fußballfelder. Baggerschiffe müssten Millionen Kubikmeter Sand aufschütten, damit hier einmal Hotels, Ferienhäuser oder ein Erlebnispark entstehen könnten. Innerhalb von zwei Jahren, so die Planung, soll die Landgewinnung abgeschlossen sein.

Nun ist die Insel in zwei Lager gespalten: Das Projekt wird die Idylle zerstören und die Natur auch, sagen die einen. Es ist die einzige Chance, Helgoland vor dem langsamen Tod zu bewahren, sagen die anderen.

Die Nordseeinsel hat große Probleme. Früher kamen bis zu 800.000 Besucher pro Jahr, die Tagestouristen stopften sich die Taschen voll mit zollfreiem Schnaps und Zigaretten. Heute kommen nur noch 300.000. Und während die Übernachtungszahlen zuletzt wieder gestiegen sind, sinkt die Einwohnerzahl dramatisch. Nur noch knapp 1300 Menschen leben auf Helgoland, noch vor elf Jahren waren es fast doppelt so viele. Das Durchschnittsalter liegt bei 58,5 Jahren - rund 15 Jahre über dem bundesweiten Schnitt.

"Ja zur Zukunft"

Überall wird für den Bürgerentscheid Stimmung gemacht: Hinter Hotelfenstern, Windschutzscheiben, in den Schaukästen der Schnapsläden. "Helgoland. Ja zur Zukunft", heißt das Motto der Befürworter, sie haben die Landverbindung wie ein fehlendes Puzzleteil zwischen die beiden Inseln gesetzt. "Helgoland. Ja zur Zukunft", ist auch bei der Gegenseite zu lesen. Und: "Zwei Inseln - eine Meinung: Keine Landverbindung."

Dass sich ihre Heimat für die Zukunft rüsten muss - darin sind sich die Helgoländer einig. Nur wie diese Zukunft aussehen soll, darüber gibt es Streit.

Im Gespräch bemühen sich alle, den Riss in der Gemeinde kleinzureden. Freundschaften seien noch nicht zerbrochen, heißt es. Aber sie schauen schon, welches Logo der Nachbar in seinem Fenster stehen hat. Seit Wochen herrscht angespannte Stimmung auf der Insel, die doch so sehr von ihrer Entspanntheit lebt. Ein Mitarbeiter der Dünenfähre will sich zum Thema Landaufschüttung gar nicht äußern, das habe sein Chef verboten. Ein Mann am Flughafen brummelt nur: "Dazu sage ich nichts." Und dreht einem dann den Rücken zu.

Wer Antworten bekommen will, muss die Menschen fragen, die an vorderster Front für die gigantische Investition werben. Claas Engel zum Beispiel, der örtliche CDU-Vorsitzende, der auch an der Spitze einer Initiative für die Landverbindung steht. "Helgoland braucht dringend neue Impulse", sagt Engel, sonst könne die Inselgemeinschaft nicht überleben, die örtliche Realschule, die Ärzte, die heimischen Betriebe.

Mit dem fehlenden Puzzleteil auf der Brust

Bei Bratwurst und Bier steht er 36 Stunden vor der Abstimmung an einem Infostand im Zentrum der Gemeinde. Hier will er aufklären und Zweifler überzeugen. Es wirkt jedoch, als seien am Abend nur die Leute da, die ohnehin ja sagen werden. Sie haben T-Shirts bedruckt und tragen Buttons mit ihrem Logo: die Landverbindung, das fehlende Puzzleteil zur Zukunft Helgolands. Ein Nein am Sonntag hätte gravierende Folgen, sagen sie, es wäre ein fatales Signal, Helgoland würde sich in sein Schicksal ergeben, den langsamen Tod.

Sie haben den Bürgermeister auf ihrer Seite, aber den Naturschutzbeauftragten gegen sich. "Es wird ganz eng werden am Sonntag", sagt Engel. Drei Prozent, so schätzt er, in die eine oder die andere Richtung. Entscheidend wird auch diese Frage sein: Kann die Identität der Insel bewahrt werden, obwohl eine historische Veränderung ansteht? Daran haben Engel und seine Mitstreiter keinen Zweifel.

Ein Anruf bei Felicitas Weck, die im vergangenen Jahr für die Linke beinahe die Bürgermeisterwahl gewonnen hätte. "Hirnrissig" sei die Idee der Landverbindung, sagt Weck, "völlig überdimensioniert und eine Gefahr für die Einzigartigkeit der Insel". Sie fürchtet Investoren, die sich nicht um Helgolands Stärken kümmern, sondern nur um den eigenen Profit. "Wir brauchen kein zweites Sylt", so Weck. Dann empfiehlt sie noch Torsten Conradi als Gesprächspartner, der habe am vergangenen Sonntag ein Plädoyer gegen die Landverbindung gehalten.

"Es gibt andere Möglichkeiten, Helgoland zu retten"

Torsten Conradi, 55, erfolgreicher Yachtdesigner und Helgoländer Hotelier, sitzt bei einem Glas Rotwein im Essenssaal seines Hotels. Die Debatte wirke mittlerweile "wie ein Religionskrieg", sagt er - und das sei nicht gut. Der Bau der Landverbindung sei von den Befürwortern zur Schicksalsfrage Helgolands aufgebauscht worden. Jetzt glaubten viele Menschen, es gebe nur diese Lösung: Landverbindung oder Untergang. "Es gibt andere Möglichkeiten, Helgoland zu retten. Kleinere Schritte, dazu braucht es nicht die ganz große Lösung."

Conradi sagt, er glaube nicht, dass sich genügend Investoren finden für das Areal zwischen Düne und Insel. "Das Projekt rechnet sich nicht." Claas Engel behauptet, die Interessenten stünden Schlange. "Natürlich ist die Idee faszinierend", so Conradi. "Aber Interesse anmelden oder eine Unterschrift leisten - das sind zwei verschiedene Dinge."

Fragt man Conradi nach den Fronten auf Helgoland, nennt er drei Gruppen: Die Unternehmer seien für die Landverbindung. Die Hoteliers seien gespalten, ihr Geschäft laufe ja nach wie vor gut. Die Alteingesessenen seien dagegen. Conradi gestikuliert viel, wirkt leidenschaftlich; er sagt: "Wir müssen selbst nach Lösungen suchen und dürfen uns nicht hinter einem solchen Projekt verstecken."

Es ist gleich 23.30 Uhr, er redet jetzt seit fast drei Stunden. Was wird also passieren am Sonntag? "Ich wünsche mir fast, dass Helgoland mit Ja stimmt", sagt Conradi - obwohl er dagegen ist. Dann werde das Projekt nämlich richtig geprüft und die Angelegenheit erledige sich von selbst. Bei einem knappen Nein werde den Projektgegnern hingegen immer vorgehalten, eine einmalige Chance zunichtegemacht zu haben.

In diesem Fall, so fürchtet Conradi, würde lange Zeit kein Friede einkehren auf Deutschlands einziger Hochseeinsel - die doch eigentlich ein Ort der Entspannung sein will.



insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
systemfeind 25.06.2011
1. Startbahnverlängerung
Zitat von sysopEin 100-Millionen-Projekt spaltet Helgoland: Sollen die zwei Teile der Insel durch eine gigantische Landaufschüttung wieder verbunden werden? Darüber müssen die Einwohner nun abstimmen. Die Gegner fürchten das Ende ihres Idylls, die Befürworter den langsamen Tod ihrer Heimat. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,770548,00.html
eine Startbahnverlängerung muss unbedingt her , ausreichend für den A 380 und zusätzlich wird eine Militärbasis ( Rammstein / Nord ) eingerichtet .
orion4713 25.06.2011
2. Titel? Lieber nicht, sonst isser wech...
Zitat von sysopEin 100-Millionen-Projekt spaltet Helgoland: Sollen die zwei Teile der Insel durch eine gigantische Landaufschüttung wieder verbunden werden? Darüber müssen die Einwohner nun abstimmen. Die Gegner fürchten das Ende ihres Idylls, die Befürworter den langsamen Tod ihrer Heimat. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,770548,00.html
wenn man die Luftbilder betrachtet, sieht man deutlich wie unnatürlich der heutige Zustand ist. Mit der Landbrücke wird ja nur der Teil wieder zur Insel, den das Meer geraubt hat.
wolffm 25.06.2011
3. Wir sind gegen alles
Den Alteingessenen ist anscheinen nicht klar von was die Touristen, denen sie ihr Auskommen zu verdanken haben leben. Wir leben von Technologien, und die muss man im eigenen Land vorantreiben! Langsam sind wir ja gegen alles: - Transrapid - Stuttgard21 - Kernkraft - Laute Windkraftwerke - ... Helgoland-Erweiterung Am liebsten wäre doch so eine Kuschel-Republik aus naturbelassenem Sauerteig?
Wolfizero, 25.06.2011
4. Verständnisfrage
Zitat von orion4713wenn man die Luftbilder betrachtet, sieht man deutlich wie unnatürlich der heutige Zustand ist. Mit der Landbrücke wird ja nur der Teil wieder zur Insel, den das Meer geraubt hat.
Wenn das Meer die Ursache für den status quo der Inselform ist, wie kann diese dann "unnatürlich" sein? Oder ist das Meer kein Teil der Natur?
Lonsinger 25.06.2011
5. Bescheidenheit ist eine Zier..
Zitat von systemfeindeine Startbahnverlängerung muss unbedingt her , ausreichend für den A 380 und zusätzlich wird eine Militärbasis ( Rammstein / Nord ) eingerichtet .
Ihr Beitrag ist Purismus pur. An Flugreisende denken Sie schon, vergessen Sie aber bitte nicht die geringbemittelten Schichten wie Bahnfahrer. Ein unterirdischer Bahnhof (H21 genannt) mit 8 Gleisen sowie ein Heli-Platz für Kurzstreckenflüge sollte schon auch im Budget berücksichtigt sein. Oh Gott, nehme ihnen das Geld, damit der Gigantismus endet.
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