Skandal um Tebartz-van Elst Die Herrschaft der Bischöfe

Bischöfe werden von Rom bestimmt, oft zum Schaden der Gläubigen im Bistum. Zu viele Kirchenführer regieren, ohne Rechenschaft abzulegen, sie scheren sich zu wenig um ihre öffentliche Verantwortung. Der Fall Tebartz-van Elst zeigt: Diese kirchliche Autokratie gehört abgeschafft.

Ein Gastbeitrag von Hermann Häring

Bischof Tebartz-van Elst: Welcher Ortsbischof legt Rechenschaft ab?
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Bischof Tebartz-van Elst: Welcher Ortsbischof legt Rechenschaft ab?


Hermann Häring, geboren 1937, war von 1980 bis 2005 Professor der Theologie in Nijmegen. Seit 2005 wohnt Häring in Tübingen, er ist wissenschaftlicher Berater beim Projekt Weltethos.

Wenn nicht alles täuscht, findet die Affäre des Bischofs von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, ein baldiges Ende. Doch die Folgen für das Bistum und die katholische Kirche Deutschlands sind noch nicht absehbar. Denn es geht um mehr als das Finanzgebaren des Skandalbischofs.

Sollte er zurücktreten, darf danach nicht geschwiegen werden. Es muss über Amtsstil und -ideologie der hochklerikalen Elite, der Bischöfe diskutiert werden. Andernfalls schrumpft der Rücktritt von Limburg zum preisgünstigen Bauernopfer zusammen.

Wie man Bischof wird

Die eigentlichen Probleme liegen im System. Kein Bischof wird zur öffentlichen Verantwortung erzogen. Bischöfe werden vom Papst ernannt, dabei spielt die Frage, wie der jeweilige Kandidat im Bistum angesehen, wie er legitimiert ist, kaum eine Rolle.

Tebartz-van Elst fiel auch in Münster, wo er eine Blitzkarriere vom Priester zum Weihbischof hinlegte, mit Sonderwünschen auf: Ein in die Fliesen eingelassener roter Teppich, ein Bad mit besonderer Wanne. Bei einem demokratisch unterbauten Findungsverfahren wäre er wohl nicht auf dem Limburger Domberg gelandet. So aber wurde der Zögling des Kölner Kardinals Joachim Meisner von Benedikt XVI. mit überschwänglichem Lob im Amt begrüßt. Wenn Rom seinen Willen durchsetzt, geschieht dies oft zum Schaden der Diözese.

Der Wille der Gläubigen spielt bei derlei Personalentscheidungen keine Rolle, und er tut dies auch kaum bei der Amtsausübung der Bischöfe. Sie fühlen sich in ihren Entscheidungen zu selten ihren Bistümern verpflichtet. Entgegen aller Erfahrung und rational verantworteter Theologie sind viele der Meinung, nur ihnen komme ein göttlicher Beistand zur Gestaltung und Leitung ihrer Diözesen zu. Diese vermeintliche Legitimation von ganz oben macht sie in ihren Augen unangreifbar.

So nennen sie sich "Nachfolger der Apostel", tragen ihr Selbstverständnis und ihren Corpsgeist durch eine gemeinsame byzantinisch-purpurne Kleidung und überdimensionierte Kopfbedeckungen, teure Brustkreuze und fein ziselierte Ringe zur Schau. Im wohlsituierten Deutschland kommen nicht selten aufwendige Amtsstuben und Ordinariate, repräsentative Bischofshäuser und teure Autos hinzu.

Obwohl in einer demokratischen Gesellschaft erzogen, vereinigen sie in ihrer Amtsführung gesetzgebende, exekutive und richterliche Gewalten. Hat Jesus denn vor 2000 Jahren eine Autokratie installiert?

Transparenz und bischöfliche Stühle

Ich verkenne nicht, dass viele Bischöfe verantwortlich und nach bestem Gewissen handeln. Doch zu häufig wird alle Kommunikation blockiert, werden Türen verschlossen, wenn jemand mit einem Bischof in Konflikt gerät. Die Betroffenen werden gerne ohne Anhörung oder Angabe von Gründen gerügt, gemaßregelt oder ihres Postens enthoben: So erging es etwa kürzlich einem nigerianischen Priester, dessen Akte inzwischen ins Geheimarchiv einer süddeutschen Diözese verbannt wurde.

Dass dies geschieht, ist das eine. Dass dies überhaupt möglich ist, das andere und viel wichtigere: Bischöfe unterliegen keiner wirklichen Kontrolle, ihre Macht kennt so gut wie keine Grenzen. Rechtfertigen müssen sie sich letztlich nur vor dem Papst, und der hat in den allermeisten Fällen anderes zu tun, als sich eingehend mit einzelnen Bistümern zu beschäftigen.

So schützt sich mancher Bischof vor Ungemach, schottet sich ab, macht Kritiker mundtot. Symptomatisch, geradezu ein Symbol dafür ist der doppelte, von einem Kommando mit Wachhund abgesicherte Sichtschutz, mit dem Tebartz-van Elst während der Bauzeit sein Prachtobjekt verbarg.

Zum Symbol wurde er auch für den vordemokratisch feudalen Missstand der "bischöflichen Stühle", Körperschaften öffentlichen Rechts, die exorbitant hohe Vermögenswerte verwalten, ohne nach außen darüber Rechenschaft abzulegen.

Von 27 deutschen Diözesen sind nur einige wenige bereit, ihre finanziellen Verhältnisse umfassend offen zu legen. Für eine Kirche mit ihren ethischen Ansprüchen ist das ein Skandal. Die Vorgänge in der Vatikanbank, die neuerdings ihre Bilanz veröffentlicht und ihre Geschäfte intensiv prüfen lässt, sollten zum Vorbild werden.

Reform muss mit Bischofskurien beginnen

Papst Franziskus hat eine Kommission berufen, die eine Kurienreform erarbeiten soll. Bisher ist nicht abzusehen, was von den acht Kardinälen an Änderungsvorschlägen kommt. Die Affäre in Limburg hat aber gezeigt, dass die Reform mit den Bischofskurien beginnen muss. Die Diözesanleitungen, deren Strukturen und Prozessabläufe gehören an Hand demokratischer und finanzieller Standards auf den Prüfstand. So gesehen stehen wir nicht am Ende eines schmerzlichen, sondern am Beginn eines heilsamen Prozesses.

Vor einiger Zeit erklärte der mittlerweile emeritierte Kurienkardinal Bischof Paul Josef Kardinal Cordes, der Hass der Welt treffe "mit dem Herrn" auch seinen bischöflichen Mitbruder Tebartz-van Elst. Und während der Missbrauchsaffäre hörten wir aus dem Munde des Kölner Kardinals Joachim Meisner, angesichts der gegenwärtigen Anfeindungen dürften sich die Bischöfe glücklich schätzen, denn jetzt stünden sie ganz nahe am Kreuz.

Aufrechte Christinnen und Christen müssen das als blasphemische Beleidigungen dessen erfahren, um den und um dessen Sache es in der christlichen Botschaft geht. So muss die Reform der Kirche weiter und tiefer reichen, als uns die ersten erneuernden Impulse von Papst Franziskus ahnen lassen.

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